Die EZB stellt al­le Theo­ri­en auf den Kopf

Die jüngs­te Zins­sen­kung könn­te jetzt nicht nur Bank­ge­büh­ren, son­dern ab­sur­der­wei­se auch Kre­di­te ver­teu­ern.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - JU

EZB-Chef Ma­rio Draghi hat sein letz­tes Ar­senal ge­gen die dro­hen­de De­fla­ti­on in Stel­lung ge­bracht – und da­für ziem­lich viel Kri­tik ge­ern­tet. Tat­säch­lich wird das Maß­nah­men­pa­ket aus Zins­sen­kung auf null, Er­hö­hung der Straf­zin­sen für Bank­ein­la­gen bei der EZB und Aus­bau des An­lei­hen­an­kaufs­pro­gramms mög­li­cher­wei­se die Bla­sen auf den Ak­ti­en­und Im­mo­bi­li­en­märk­ten noch ein Stück auf­pum­pen. Die Verlierer ste­hen aber schon jetzt fest: ers­tens die Spa­rer und zwei­tens, auch wenn das auf den ers­ten Blick pa­ra­dox klingt, die Kre­dit­neh­mer, so­weit es sich da­bei nicht um Staa­ten han­delt.

Die ei­gent­li­chen Spar­zin­sen wer­den wohl nicht dra­ma­tisch sin­ken: Ob der Leit­zins­satz der No­ten­bank null oder, wie vor­her, 0,05 Pro­zent be­trägt, macht kei­nen wirk­li­chen Un­ter­schied. Da ist eher Psy­cho­lo­gie im Spiel.

Und auf der ne­ga­ti­ven Sei­te sind je­ne, die ihr Geld in Spar­pro­duk­ten oder an­de­ren Zins­wer­ten an­le­gen, oh­ne­hin schon lang. Be­son­ders in Ös­ter­reich, wo die In­fla­ti­ons­ra­te mit 1,2 Pro­zent ja re­la­tiv hoch ist.

Wer hier vor KESt we­ni­ger als 1,6 Pro­zent be­kommt, macht re­al Ver­lust. Bei den meis­ten Spar­pro­duk­ten oh­ne Bin­dung liegt der rea­le Ka­pi­tal­ver­lust schon bei rund ei­nem Pro­zent p. a. Die fi­nan­zi­el­le Re­pres­si­on vul­go Spa­re­rent­eig­nung ist al­so oh­ne­hin schon längst voll im Gan­ge.

Mit den ei­gent­li­chen Zin­sen wer­den die Ban­ken vor­erst nicht un­ter null ge­hen. Das Pro­blem, das Draghi den Bank­kun­den be­rei­tet, ist auch we­ni­ger die mi­kro­sko­pisch klei­ne Sen­kung des Leit­zin­ses, son­dern die Aus­wei­tung des „Straf­zin­ses“von 0,3 auf 0,4 Pro­zent, al­so ge­nau be­se­hen um 33 Pro­zent. Das müs- sen die oh­ne­hin un­ter Er­trags­druck ste­hen­den Ban­ken in ih­rer Kal­ku­la­ti­on un­ter­brin­gen. Und Ex­per­ten mei­nen, dass es da­für im We­sent­li­chen zwei Mög­lich­kei­ten gibt: Bank­ge­büh­ren und Kre­dit­zin­sen.

Bank­kun­den wer­den sich al­so wohl auf hö­he­re Ge­büh­ren ein­stel­len müs­sen, was ge­nau ge­nom­men ei­ner Ver­schär­fung der fi­nan­zi­el­len Re­pres­si­on ent­spricht. Und vie­le Ana­lys­ten mei­nen, dass auch bei den Kre­dit­zin­sen zu­ge­langt wer­den müs­se. So könn­te erst­mals der ab­sur­de Fall ein­tre­ten, dass die EZB beim Ver­such, die Kre­dit­ver­ga­be an­zu­kur­beln, das ge­naue Ge­gen­teil er­reicht: ei­ne Ver­teue­rung der Kre­di­te.

Die Null­zins­po­li­tik stellt eben al­le Theo­ri­en auf den Kopf. Und es gibt nicht mehr vie­le Öko­no­men, die da­bei noch ein be­son­ders gu­tes Ge­fühl ha­ben.

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