Ein Con­cier­ge mit Bat­te­rie­an­trieã

Im Tou­ris­mus wer­den mensch­li­che Ar­beits­kräf­te zu­neh­mend durch Ro­bo­ter er­setzt. Oh­ne Men­schen wird es aber so schnell nicht ge­hen.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON ERICH KOCINA

Gu­ten Tag, ich bin Chi­hi­ra Ka­nae.“Ein we­nig höl­zern wirkt sie schon, die Stim­me der Frau mit den lan­gen schwar­zen Haa­ren, so wie auch ih­re Be­we­gun­gen. Ein biss­chen wie C3-PO aus den „Star Wars“-Fil­men. Ein Ein­druck, der nicht täuscht, denn die Re­zep­tio­nis­tin, die die Gäs­te be­grü­ßen soll, ist ein Ro­bo­ter. Auf der ITB, der welt­größ­ten Rei­se­mes­se in Ber­lin, ist sie bei den Be­su­chern, die ih­re Fo­to­han­dys in Po­si­ti­on brin­gen, noch ei­ne ziem­li­che At­trak­ti­on. In ih­rer Hei­mat Ja­pan kennt man Ma­schi­nen wie sie schon län­ger – als Ho­tel­mit­ar­bei­ter, die die Gäs­te be­grü­ßen und so­gar Fra­gen be­ant­wor­ten kön­nen.

Dass mensch­li­che Ar­beits­kräf­te in vie­len Be­rei­chen ein­ge­spart und de­ren Auf­ga­ben von Tech­nik über­nom­men wer­den, kommt in vie­len Bran­chen vor. Im Tou­ris­mus ha­ben sich et­wa vie­le Auf­ga­ben von Rei­se­bü­ros ins In­ter­net ver­la­gert, wo Such­ma­schi­nen Rei­sean­ge­bo­te und güns­ti­ge Flü­ge zu­sam­men­stel­len. Und so man­ches Ho­tel kommt mitt­ler­wei­le auch mit ei­nem Mi­ni­mum an Mit­ar­bei­tern aus – die Gäs­te bu­chen über In­ter­net, be­kom­men ei­nen Tür­code, mit dem sie das Haus und ihr Zim­mer be­tre­ten kön­nen, und be­kom­men wäh­rend des ge­sam­ten Auf­ent­halts kei­nen Ho­tel­an­ge­stell­ten zu Ge­sicht – vor al­lem im Bud­get­be­reich. Ein Di­no­sau­ri­er am Emp­fang. Die neu­es­te Ent­wick­lung ist aber nun, dass die ma­schi­nel­le Ar­beit nicht ein­fach hin­ter ei­nem Bild­schirm mit den Kun­den in Ver­bin­dung tritt, son­dern ei­nen Kör­per be­kommt. Die­ser kann aus­se­hen wie Chi­hi­ra Ka­nae, al­so den An­schein ei­nes Men­schen er­we­cken. Es gibt aber auch exo­ti­sche­re Va­ri­an­ten. Im Henn-na-Ho­tel na­he Na­ga­sa­ki war­tet an der Re­zep­ti­on un­ter an­de­rem auch ein Di­no­sau­ri­er, um die Gäs­te ein­zuch­ecken und ih­re Fra­gen zu be­ant­wor­ten. Er trägt selbst­ver­ständ­lich ei­ne Flie­ge und ei­ne Pa­gen­müt­ze, so viel Stil muss auch ein Sau­ri­er ha­ben.

Gera­de im tech­nik­be­geis­ter­ten Ja­pan kom­men Ide­en wie die­se gut an. Hier wer­den Ro­bo­ter in vie­len Be­rei­chen ein­ge­setzt und auch ak­zep­tiert. War­um dann nicht auch im Tou­ris­mus? Aber auch an­ders­wo kön­nen sich vie­le Men­schen vor­stel­len, dass sie künf­tig in so man­chem Be­reich in Kon- ver­sa­ti­on mit ei­nem Ro­bo­ter tre­ten. In ei­ner Um­fra­ge des In­ter­ne­t­rei­se­an­bie­ters Tra­vel­zoo un­ter 6000 Rei­sen­den in Asi­en, Eu­ro­pa, Nord­ame­ri­ka und Süd­ame­ri­ka, zeig­ten sich zwei Drit­tel der Be­frag­ten ein­ver­stan­den da­mit, dass Ro­bo­ter in der Rei­se­bran­che zum Ein­satz kom­men. Eben­falls zwei Drit­tel glau­ben, dass die­se Ma­schi­nen das Le­ben maß­geb­lich ver­bes­sern wer­den. Und doch gibt es Un­ter­schie­de – deut­sche und fran­zö­si­sche Be­frag­ten sind et­wa skep­ti­scher als Chi­ne­sen und Bra­si­lia­ner.

Doch auch in Eu­ro­pa lau­fen schon Ver­su­che mit Ro­bo­tern, die in Ho­tels mit den Gäs­ten in­ter­agie­ren. „Hel­lo, I am Ma­rio“, sagt der klei­ne Ro­bo­ter und winkt mit sei­ner rech­ten Hand. Ma­rio ist 57 Zen­ti­me­ter groß, sechs Ki­lo schwer, be­herrscht der­zeit 19 Spra­chen – und hat auch ei­nen Job. Er be- grüßt seit Ju­ni 2015 die Gäs­te im Mar­riott-Ho­tel im bel­gi­schen Gent, über­gibt ih­nen die Key­card für ihr Zim­mer und kann auch beim Buf­fet die ein­zel­nen Spei­sen vor­stel­len. Zwar ist Ma­rio ein hu­ma­no­ider Ro­bo­ter – al­so mit zwei Ar­men, Bei­nen und ei­nem Kopf –, doch ist er ganz klas­sisch wie ein Ro­bo­ter ge­stal­tet, al­so oh­ne An­flug ei­nes mensch­li­chen Ant­lit­zes.

„In Asi­en wol­len die Leu­te Ro­bo­ter eher mensch­lich se­hen. In Eu­ro­pa eher, dass sie wie Ro­bo­ter aus­se­hen“, sagt Fa­b­ri­ce Goff­in, Mit­grün­der von Zo­ra Ro­bo­tics, wo die Soft­ware für Ma­rio pro­gram­miert wird. Mit ei­nem Ta­blet ruft er vor­pro­gram­mier­te Ak­tio­nen des Ro­bo­ters ab, der sie dann aus­führt. „Aber er kann auch un­ab­hän­gig ar­bei­ten“, sagt er im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“. Im Ge­sund­heits­we­sen oder der Al­ten­pfle­ge sei­en be­reits meh­re­re sol­cher Ro­bo­ter im Ein­satz, die et­wa Ge­sell­schaft leis­ten oder et­wa Kin­dern die Angst vor ei­ner Ope- ra­ti­on neh­men sol­len. „Aber auch in Ho­tel­re­zep­tio­nen kann er schon oh­ne Steue­rung ar­bei­ten.“Soll­te wirk­lich ein Pro­blem auf­tre­ten, sei aber oh­ne­hin im­mer ein Mensch in der Nä­he, der hel­fen kön­ne.

Hier ver­läuft der­zeit auch die Gren­ze des­sen, was Ro­bo­ter leis­ten kön­nen. Näm­lich nur das, wo­für sie pro­gram­miert wur­den. So­bald ei­ne Ak­ti­on da­von ab­weicht, braucht es doch Men­schen, die ein­grei­fen. Ei­ne Re­kla­ma­ti­on, zum Bei­spiel, kön­nen der­ar­ti­ge Ma­schi­nen noch nicht be­ar­bei­ten. „Ma­rio ist ein As­sis­tent, aber er kann mensch­li­che In­ter­ak­ti­on nicht er­set­zen“, sagt auch Ro­ger Lang­hout, Di­rek­tor des Mar­riott in Gent. Und der­zeit ist er vor al­lem auch ei­ne At­trak­ti­on, die die Gäs­te zum La­chen bringt. Be­droh­te Jobs im Tou­ris­mus. Das dürf­te auch noch ei­ni­ge Zeit so blei­ben. Zwar macht die Tech­no­lo­gie rie­si­ge Schrit­te, auch im Be­reich der künst­li­chen In­tel­li­genz, doch selbst die ge­fei­er­ten Pro­gram­me, die Men­schen in Spie­len wie Schach oder Go be­sie­gen kön­nen, ar­bei­ten nur Al­go­rith­men nach be­stimm­ten Re­geln ab. Bis sie tat­säch­lich mensch­lich agie­ren kön­nen, dürf­te noch ei­ni­ge Zeit ver­ge­hen.

Und doch gibt es Jobs, die durch die Au­to­ma­ti­sie­rung ge­fähr­det sind. 35 Pro­zent der Jobs könn­ten in den nächs­ten 20 Jah­ren von Ro­bo­tern über­nom­men wer­den, sagt Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Carl Be­ne­dikt Frey von der Uni­ver­si­ty of Ox­ford, wie er es für sei­ne Stu­die „The Fu­ture of Em­ploy­ment“ be­rech­net hat. „Nicht ge­fähr­det sind Be­ru­fe, in de­nen Krea­ti­vi­tät und so­zia­le In­tel­li­genz ge­for­dert sind“, meint er. Sehr wohl be­trof­fen sind aber Jobs, in de­nen vor al­lem Rou­ti­nen ab­ge­ar­bei­tet wer­den. Im Tou­ris­mus nennt er et­wa Emp­fangs­mit­ar­bei­ter, Kof­fer­trä­ger oder Rei­se­füh­rer. „Es ist na­tür­lich ein Un­ter­schied, wel­che Art von Rei­se­füh­rer – je­mand, der mit Ih­nen auf ei­nem Pferd durch die Al­pen rei­tet, lässt sich nicht so leicht er­set­zen wie je­mand, der im Bus durch das Mi­kro­fon Durch­sa­gen macht.“Aber selbst Be­ru­fe, die sich leicht au­to­ma­ti­sie­ren

Zwei Drit­tel glau­ben, dass Ro­bo­ter das Le­ben maß­geb­lich ver­bes­sern kön­nen. So­bald et­was von der Rou­ti­ne ab­weicht, braucht es ei­nen Men­schen, der ein­greift.

Reu­ters

Chi­hi­ra Ka­nae ist ein Ro­bo­ter, der Gäs­te im Ho­tel emp­fängt.

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