Wort der Wo­che

BE­GRIF­FE DER WIS­SEN­SCHAFT

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VO N MAR­TIN KUG­LER

Wie sich ver­schie­de­ne Dis­zi­pli­nen, Öko­no­mie et­wa und So­zio­lo­gie, ein gu­tes Le­ben in ei­ner Post­wachs­tums­ge­sell­schaft vor­stel­len kön­nen: Als Wohl­fahrt und Re­so­nanz mit der Welt.

Dem schei­den­den Wi­fo-Lei­ter, Karl Ai­gin­ger, war lan­ger Ap­plaus be­schie­den, als er die­se Wo­che die Er­geb­nis­se des Pro­jekts „Wel­fa­re, We­alth and Work for Eu­ro­pe“(WWW­forEUROPE) prä­sen­tier­te. Ge­mein­sam mit 33 an­de­ren In­sti­tu­ten hat das Wi­fo in vier­jäh­ri­ger Ar­beit ei­ne aus­ge­feil­te Stra­te­gie ent­wi­ckelt, wie die EU durch so­zia­le und öko­lo­gi­sche In­no­va­tio­nen zu neu­er Dy­na­mik ge­lan­gen könn­te (www.for­eu­ro­pe.eu). Dy­na­mik wird da­bei nicht als Stei­ge­rung des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes (BIP) ver­stan­den, son­dern als Er­hö­hung der Wohl­fahrt. Die Zei­ten ho­hen Wirt­schafts­wachs­tums sei­en vor­über, und falls das Wachs­tum über­haupt je­mals zu­rück­keh­ren soll­te, dann wer­de es die Pro­ble­me – Ar­beits­lo­sig­keit, so­zia­le Un­gleich­heit oder über­bor­den­den Res­sour­cen­ver­brauch – nicht lö­sen kön­nen, mach­te Ai­gin­ger deut­lich.

Es ge­he nun dar­um, die Wohl­fahrts­ent­wick­lung vom Wirt­schafts­wachs­tums zu ent­kop­peln – al­so mit ge­rin­ge­rem Wachs­tum ei­ne hö­he­re Le­bens­qua­li­tät zu er­zie­len. Wohl­fahrt ist da­bei scharf de­fi­niert als Ein­kom­mens­dy­na­mik, so­zia­le In­klu­si­on und öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit.

So soll qua­si die Ba­sis für ein „gu­tes Le­ben“– ein Me­gathe­ma un­se­rer Ta­ge – ge­schaf­fen wer­den. Der deut­sche So­zio­lo­ge Hart­mut Ro­sa gab bei sei­nem Wi­en-Be­such die­se Wo­che ei­ne in­ter­es­san­te Deu­tung: Ein „ge­lin­gen­des Le­ben“bil­de sich aus viel­fäl­ti­gen Re­so­nanz­be­zie­hun­gen mit der Welt. Mit Re­so­nanz meint er ei­ne Ver­bun­den­heit mit der Welt – mit Mit­men­schen, in der Ar­beits- und Kon­sum­welt, mit Na­tur, Kunst oder Re­li­gi­on. Die­sem The­ma hat der in Jena und Er­furt tä­ti­ge For­scher sein neu­es Buch, „Re­so­nanz. Ei­ne So­zio­lo­gie der Welt­be­zie­hung“(816 Sei­ten, 36 Euro, Suhr­kamp), ge­wid­met.

„Die Mo­der­ne ist ver­stimmt“, lau­tet Ro­sas zen­tra­ler Be­fund. Im­mer mehr Men­schen kom­me die Re­so­nanz mit der Welt ab­han­den, sie lit­ten un­ter Ent­frem­dung. Vie­le wür­den glau­ben, dass sie ein bes­se­res Le­ben ha­ben wür­den, wenn sie durch hö­he­ren Wohl­stand ih­re „Re­so­nanz­po­ten­zia­le“er­wei­ter­ten. Im heu­ti­gen Sys­tem wer­de die­ses Ver­spre­chen aber nicht ein­ge­löst. Ei­ne Ab­kehr vom bis­he­ri­gen „Stei­ge­rungs­zwang“kön­ne die Ba­sis für ei­ne neue Qua­li­tät der Re­so­nanz­be­zie­hun­gen mit der Welt schaf­fen, so Ro­sas Hoff­nung.

Es ist in­ter­es­sant und be­zeich­nend für die La­ge der Welt, dass zwei so un­ter­schied­li­che Dis­zi­pli­nen wie Öko­no­mie und So­zio­lo­gie zu ei­nem durch­aus ähn­li­chen Ent­wurf für ei­ne Welt nach dem ra­san­ten Wirt­schafts­wachs­tum ge­lan­gen. Der Au­tor lei­te­te das For­schungs­res­sort der „Pres­se“und ist Chef­re­dak­teur des „Uni­ver­sum Ma­ga­zins“.

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