»Das regt mich heu­te noch auf«

Jo­sef Hi­ckers­ber­ger er­in­nert sich an die Emo­tio­nen der Heim-EM 2008. Der 67-Jäh­ri­ge äu­ßert Sor­gen, weckt Hoff­nun­gen und kri­ti­siert den ÖFB in der Te­am­chef-Fra­ge.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON CHRIS­TOPH GASTINGER

Sie sind seit über zwei­ein­halb Jah­ren im Fuß­bal­lru­he­stand. Fehlt Ih­nen et­was? Jo­sef Hi­ckers­ber­ger: Nein, es hat seit mei­nem letz­ten En­ga­ge­ment in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten 2013 nicht ein ein­zi­ges Mal gekrib­belt. Ich be­kam noch An­ge­bo­te, das letz­te erst vor we­ni­gen Wo­chen, aber nichts da­von hat mich ge­reizt, oft auch aus Si­cher­heits­grün­den. Ägyp­ten ist der­zeit kein Land, in dem ich ar­bei­ten möch­te, das­sel­be gilt für Al­ge­ri­en. Ein In­diz da­für, dass Trai­ner kein Ablauf­da­tum ha­ben? Man kann sich selbst ei­nes ver­pas­sen. Es gibt äl­te­re Kol­le­gen, die noch ak­tiv sind, aber ir­gend­wann muss Schluss sein. Ich hat­te das Glück, bis 65 auf dem Platz ste­hen zu kön­nen und zu dür­fen. Jetzt ge­nie­ße ich das Le­ben, oh­ne für den Fuß­ball ar­bei­ten zu müs­sen. Wie mei­nen Sie das? Ich kann es mir er­lau­ben, Spie­le an­zu­schau­en, die ich wirk­lich se­hen will. Ich muss nicht mehr den kom­men­den Geg­ner stu­die­ren, ob­wohl er mich im Grun­de nur be­ruf­lich in­ter­es­siert. Was be­rei­tet Ih­nen sonst noch Freu­de? Golf ist noch im­mer ei­ne gro­ße Lei­den­schaft, ob­wohl es mir nicht mehr so viel Spaß be­rei­tet wie frü­her. Mit ab­neh­men­der kör­per­li­cher Fle­xi­bi­li­tät ver­liert man an Schlag­wei­te. Das Leis­tungs­den­ken ist al­so schon noch da. Las­sen Sie uns über die Na­tio­nal­mann­schaft spre­chen. Vie­le se­hen in der ak­tu­el­len die bes­te der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Stim­men Sie zu? Ab­so­lut. Te­am­chef Mar­cel Kol­ler hat ein funk­tio­nie­ren­des Team mit Zu­kunft ge­formt. Ös­ter­reich ver­fügt mit Da­vid Ala­ba über ei­nen Welt­klas­se­spie­ler, im An­griff agiert Mar­ko Arn­au­to­vic´ in der Form sei­nes Le­bens. Ich ha­be ei­ni­ge Spie­le von Sto­ke Ci­ty ge­se­hen, Arn­au­to­vic´ ist wirk­lich tor­ge­fähr­li­cher denn je. Dann gibt es Ju­nu­zo­vic,´ Fuchs, Jan­ko, Baum­gart­lin­ger oder Dra­go­vic,´ die­se Lis­te lie­ße sich noch lang fort­füh­ren. Es ist schon un­glaub- lich, über wel­ches Po­ten­zi­al die­se Mann­schaft ver­fügt. Wo­zu wird die­ses Po­ten­zi­al die­sen Som­mer rei­chen? Ich er­war­te das Er­rei­chen des Ach­tel­fi­nals, zu­trau­en tue ich der Mann­schaft so­gar das Vier­tel­fi­na­le. Zu den acht bes­ten Teams zu ge­hö­ren wä­re sen­sa­tio­nell. Dar­über hin­aus zu spe­ku­lie­ren, wä­re nicht se­ri­ös und ver­kennt die Qua­li­tä­ten an­de­rer Mann­schaf­ten. Ha­ben Sie denn über­haupt Zwei­fel an ei­ner er­folg­rei­chen EM? Mei­ne ein­zi­ge Sor­ge ist der Ge­sund­heits­zu­stand der Spie­ler. Wir ha­ben ei­ne ein­ge­spiel­te Mann­schaft. Ob aber Al­ter­na­ti­ven auf An­hieb funk­tio­nie­ren, weiß man nie. Bei der Heim-EM 2008 wa­ren die Vor­aus­set­zun­gen ganz an­de­re. Auch mei­ne Mann­schaft hat funk­tio­niert, aber wir hat­ten viel we­ni­ger in­di­vi­di­uel­le wie kol­lek­ti­ve Qua­li­tät. Das bes­te Bei­spiel ist Christian Fuchs: Er hat da­mals bei Mat­ters­burg ge­gen den Ab­stieg ge­spielt, heu­te steht er beim eng­li­schen Ta­bel­len­füh­rer un­ter Ver­trag. Mein Team war de­fen­siv ziem­lich stabil, es hat we­nig zu­ge­las­sen, war in der Chan­cen­aus­wer­tung aber ein­fach nicht gut ge­nug. Im Nach­hin­ein traue ich mich zu sa­gen: Mit ei­nem Jan­ko in der Form von 2009 (39 Bun­des­li­ga­to­re für Salz­burg, Anm.), hät­ten wir das Vier­tel­fi­na­le ge­packt. Die­ses Vor­ha­ben schei­ter­te letzt­lich am 0:1 ge­gen Deutsch­land. Ha­ben Sie im Vor­feld selbst noch an den Auf­stieg ge­glaubt? Man schließt so et­was nicht völ­lig aus, aber fest dar­an glau­ben? Da­für bin ich zu sehr Rea­list. Ich wuss­te, wie schwie­rig es ist, ge­gen Deutsch­land zu ge­win­nen. Noch da­zu in ei­ner Si­tua­ti­on, in der wir un­ge­heu­ren Druck hat­ten. Was ver­bin­den Sie rück­bli­ckend mit der Heim-EM? To­re, Stolz, Ent­täu­schun­gen? Au­ßer­ge­wöhn­li­che Emo­tio­nen. Es war wirk­lich zu spü­ren, wel­che Stim­mung die ös­ter­rei­chi­schen Fans er­zeugt ha-

Jo­sef Hi­ckers­ber­ger

wur­de am 27. April 1948 in Am­stet­ten ge­bo­ren. Als Spie­ler lief er u. a. für Aus­tria, Ra­pid, Inns­bruck und Düs­sel­dorf auf, mit dem Na­tio­nal­team nahm er an der WM 1978 in Ar­gen­ti­ni­en teil. Die Lis­te als Trai­ner liest sich noch län­ger, Hi­ckers­ber­ger coach­te Ös­ter­reich bei der WM 1990 und bei der EM 2008. Auch ste­hen Ra­pid (Meis­ter 2005) so­wie ei­ni­ge Klubs aus dem ara­bi­schen Raum in sei­ner Vi­ta.

89 Ta­ge

Noch zum An­pfiff.

bis ben. Ich wer­de nie ver­ges­sen, als wir zwei­ein­halb St­un­den vor dem An­pfiff des ers­ten Spiels ge­gen Kroa­ti­en mit dem Bus durch rot-weiß-ro­te Fah­nen schwin­gen­de Men­schen­men­gen zum Hap­pel-Sta­di­on ge­fah­ren sind. Das war sur­re­al. Der ÖFB möch­te die Te­am­chef-Fra­ge noch vor der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ge­klärt wis­sen. Ein Schuss ins ei­ge­ne Knie? Ich ver­ste­he nicht, war­um der Verband auf Mar­cel Kol­ler vor der EM durch die­ses Vor­ge­hen Druck aus­übt. Das hat der ÖFB 2008 auch schon bei mir ver­sucht. Man hat mir vor der EM ei­ne Ver­trags­ver­län­ge­rung an­ge­bo­ten – für den Fall, dass wir ei­ne gu­te EM spie­len. Nur für die­sen Fall. Soll­ten wir kei­ne gu­te EM spie­len, wä­re der Ver­trag null und nich­tig ge­we­sen. Das war das An­ge­bot. Und wie ha­ben Sie re­agiert? Es hat Klick ge­macht, ich woll­te nur mei­ne Ru­he ha­ben. Für mich war das ein No-go. Wenn ich ei­ne schlech­te EM spie­le, dann ste­he ich oh­ne Ver­trag da. Aber wenn ich ei­ne gu­te EM spie­le, wir ins Vier­tel­fi­na­le kom­men und ich vor­her ei­nen Ver­trag un­ter­schrie­ben ha­be, will ich ihn doch gar nicht mehr. Wenn ich heu­te dar­über nach­den­ke, regt es mich im­mer noch auf. Man hat mich – ich will es nicht an­ders for­mu­lie­ren – ei­gent­lich für blöd ver­kauft. Ähn­li­che Ge­dan­ken hegt wo­mög­lich auch Mar­cel Kol­ler. Mar­cel Kol­ler braucht jetzt kei­nen neu­en ÖFB-Ver­trag zu un­ter­schrei­ben, er hat al­le Zeit der Welt. Und wenn sich Kol­ler noch ein­mal für Ös­ter­reich ent­schei­den soll­te, dann müs­sen wir dank­bar sein. Die EM wird von Ter­ror­angst be­glei­tet wer­den. Ha­ben Sie gro­ße Be­den­ken? Gibt es noch Si­cher­heit? Ich will bei Gott nicht den Teu­fel an die Wand ma­len, aber: Es gibt Hor­ror­sze­na­ri­en, über die ich gar nicht nach­den­ken möch­te, weil sie mich nicht mehr ru­hig schla­fen las­sen.

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