Stoß um Stoß zum Sieg

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Die Krei­de tanz­te im Strahl der Lam­pe. Ein Jahr­hun­dert­fo­to. Zu­min­dest für mich als Hob­by­fo­to­gra­fen. Ich warf ei­nen Blick zu mei­ner Che­fin, ob sie mir an­er­ken­nend zu­nick­te. Was na­tür­lich un­sin­nig war, denn ers­tens konn­te sie nicht se­hen, was in mei­nem Fo­kus war, und zwei­tens hing sie mehr, als dass sie saß, auf dem Bar­ho­cker an der Wand. Das pu­re Des­in­ter­es­se. Ich schwor mir, sie nie wie­der zu et­was zu über­re­den, auch wenn es hun­dert Mal ein Snoo­ker-Tur­nier war, ei­nes der span­nends­ten Din­ge, die ich ken­ne. Nun gut, es han­del­te sich um das Ama­teur­tur­nier mei­nes Klubs im Now­he­re, aber trotz­dem.

Die gu­te Lau­ne war mir ver­dor­ben. Doch da ich mei­nen Job in der De­tek­tei moch­te und auch Ed Mil­ler, troll­te ich mich zu un­se­rem Tisch und nick­te ihr auf­mun­ternd zu. „Al­les bes­tens, Fre­di“, flö­te­te sie, „sehr span­nend, das al­les.“Und sie wur­de nicht ein­mal rot bei die­sem Satz. An­schei­nend las sie Zwei­fel in mei­nem Ge­sicht, denn sie wuch­te­te ih­re in, pas­send zum An­lass, Filz­grün ge­hüll­ten Ru­bens­kur­ven in ei­ne da­men­haf­te Po­si­ti­on. „Nein, ich mei­ne das ernst, mein Bes­ter. Es heißt ja so schön: Willst du je­man­den wirk­lich ken­nen ler­nen, dann spie­le mit ihm Golf oder Bil­lard.“– „Ah ja.“– „Ja. Na­tür­lich ist das nicht so bei den Pro­fis . . .“– „Wo­her wol­len Sie das denn wis­sen?“– „Es gibt zum Ein­schla­fen nichts Bes­se­res als Über­tra­gun­gen von Rand­sport­ar­ten. Bil­lard ist be­son­ders be­ru­hi­gend.“

Frech­heit. Ich hol­te tief Luft. „Vor al­lem, wenn man die Re­geln nicht kennt, so wie ich“, fuhr sie sanft fort. „Je­den­falls merkt man die­sen Leu­ten kaum et­was von ih­ren Emo­tio­nen an. Nur Klei­nig­kei­ten ver­ra­ten sie, ein Zu­cken des Mund­win­kels, ein un­nö­ti­ger Griff zum Was­ser­glas . . . aber die hier“, sie um­fass­te mit ei­ner Be­we­gung die ge­sam­te Snoo­ker­hal­le, „die sind bes­te Stu­di­en­ob­jek­te. Zum Bei­spiel der dort drü­ben“, nun nick­te sie in Rich­tung ei­nes schlan­ken, äl­te­ren Herrn mit Horn­bril­le, „der hat ei­nen ganz spe­zi­el­len Feind. Je­des Mal, wenn die­ser Mann . . .“Ihr Blick such­te. „Jetzt ist er gera­de nicht da. Der Ein­zi­ge ganz in Schwarz mit Wes­te.“– „Stevie.“– „Ein Bri­te?“– „Nein, ein Fan von Ste­phan Maguire.“Und we­gen des Fra­ge­zei-

HONIGWABE

Sa­bi­na Na­ber

ar­bei­te­te nach ih­rem Stu­di­um als Re­gis­seu­rin am Thea­ter, als Jour­na­lis­tin und Dreh­buch­au­to­rin. 2002 er­schien ihr ers­ter Ro­man in der Se­rie mit Kom­mis­sa­rin Ma­ria Kou­ba. Der­zeit er­mit­teln May­er & Katz in ih­rem drit­ten Aben­teu­er „Schwal­ben­tod“. 2007 er­hielt sie den Fried­rich-Glau­serP­reis für die bes­te Kurz­ge­schich­te. chens in ih­ren Au­gen setz­te ich hin­zu: „Ei­ner der fünf­zehn bes­ten Snoo­ker­spie­ler der­zeit.“– „Ah ja. Nun, al­so wenn Stevie an der Horn­bril­le vor­bei­geht, tritt die ei­nen Schritt zu­rück. Aber nicht aus Ehr­furcht . . .“– „Wä­re auch schwer mög­lich, weil Stevie ist bes­ten­falls obe­res Drit­tel, aber kein ech­ter Kön­ner.“– „. . . son­dern aus Hass.“– „Das könn­te stim­men, weil die Horn­bril­le, wie du Franz nennst, zwar ei­ner un­se­rer bes­ten ist, aber im­mer ge­gen Stevie ver­liert. War­um wis­sen Sie das?“– „Nun, die Horn­bril­le dreht sich je­des Mal weg. Bei Ehr­furcht tritt man zu­rück und senkt das Haupt.“Bei Ed klang im­mer al­les so nach Kü­chen­psy­cho­lo­gie, aber seit ich sie ken­ne, hat sie sich noch nie ge­irrt.

„Und dann dort das Ro­themd“, fuhr sie fort, „kann den See­hund­schnau­zer nicht lei­den, weil er hat bei je­dem Punkt von der Horn­bril­le ein Schno­ferl ge­zo­gen, aber ei­nes von der an­er­ken­nen­den Sor­te.“– „Das kann nicht sein. Die Horn­bril­le, Franz, ist sein ärgs­ter Kon­kur­rent in der Klub­rang­lis­te.“Ed hob die Au­gen­brau­en: „Sehr in­ter­es­sant. Vor al­lem, wenn man be­denkt, dass er ei­gent­lich beim Ne­ben­tisch saß und im­mer wie­der Zeit fand, auf­mun­tern­de Ges­ten zu die­sem jun­gen Bur­schen da . . .“– „Nein, nicht zu Bert, das ha­ben Sie falsch ver­stan­den. Si­cher zu sei­nem Geg­ner Bru­ce, des­sen Men­tor das Ro­themd ist.“– „Ah ja.“– „Ja, Bru­ce ist die Klub­hoff­nung. Ra­sen­der Auf­stieg, und wenn er dem­nächst un­ter die ers­ten zehn kommt, wird ihn der Wurst­her­stel­ler von ge­gen­über spon­sern. Da­mit er Pro­fi wer­den kann. Sein ein­zi­ges Pro­blem ist John dort drü­ben. Im­mer wie­der ver­liert er ge­gen ihn, ob­wohl der in­fe­ri­or ist.“

Ed zog die Au­gen­braue hoch. „Ja, auch er“, er­klär­te ich. „Man hat halt so sei­nen per­sön­li­chen Rei­be­baum. Aber viel­leicht be­siegt er ihn end­lich, wenn er gleich im Se­mi­fi­na­le auf ihn trifft.“– „Sehr in­ter­es­sant. Er muss sich aber dar­über klar wer­den, dass er ei­ne sich mäch­tig hal­ten­de Geg­ne­rin hat“, lach­te Ed, „denn die jun­ge Kell­ne­rin fi­xiert bei je­der Ge­le­gen­heit sei­nen Stoß und macht da­bei mit der Hand Teu­fels­hör­ner.“– „Das kann nicht sein“, klär­te ich sie auf, „denn Liz­zy und Bru­ce sind ein Paar.“– „Oh“, kam es nun von Ed. Gleich­zei­tig ging Bru­ce als Verlierer

BUCHSTABENBUND vom Tisch. Bert stand zu sei­ner und un­ser al­ler Ver­wun­de­rung im Se­mi­fi­na­le. Und er war wie­der­um der per­sön­li­che Alb­traum von John.

Ein Schrei. Stevie. Mitt­ler­wei­le war er zu sei­nem Steh­tisch zu­rück­ge­kehrt. Er brüll­te: „Wer hat mei­ne Flie­ge?“– „Was?“, frag­te Ed. – „Sein Glücks­brin­ger, oh­ne den er nicht ge­win­nen kann, wie er meint. Ei­ne von Maguire si­gnier­te Flie­ge. Fand er wit­zig, weil der Schot­te ja we­gen ei­ner Krank­heit vom Flie­gen­tra­gen be­freit ist.“Mitt­ler­wei­le flitz­te Stevie wie ei­ne wei­ße Ku­gel nach ei­nem Kunst­stoß von ei­nem Spie­ler zum nächs­ten und for­der­te schrei­end die Rück­ga­be sei­nes Ta­lis­mans. „Du hast die Flie­ge wahr­schein­lich ein­fach auf dem Klo ver­ges­sen“, mein­te Franz, die Horn­bril­le, wor­auf Stevie sei­ne Colaf­la­sche hoch­hob: „Hier hab ich sie drum her­um­ge­wi­ckelt ge­habt! Und – ge­nau, du sitzt auch hier an die­sem Tisch, du hast sie ge­stoh­len. Du willst heu­te ge­win­nen.“– „Nur for­mal sitz ich da“, ätz­te der, „dich hält ja kei­ner aus.“Und er leer­te de­mons­tra­tiv die Ta­schen sei­ner Ho­se und der Ja­cke. „Schwach­sinn. Es traut sich doch kei­ner auch nur in die Nä­he von dei­nem Tisch“, mein­te Ro­themd, al­so per Na­men ei­gent­lich . . . egal. Al­le nick­ten ganz groß.

Ed mach­te „Hm“und zog mich zur Ta­fel mit den Tur­nie­r­er­geb­nis­sen. „Al­so wir ha­ben jetzt im Se­mi­fi­na­le Horn­bril­le ge­gen Stevie so­wie Bert ge­gen John. Rich­tig?“Ich nick­te. „Und die Klub­rang­lis­te?“Ich zeig­te ihr auch die und er­läu­ter­te: „Bert wird John be­to­nie­ren. Und Franz . . .“– „Wird höchst­wahr­schein­lich Stevie schla­gen, nun, da die­ser sei­nen Ta­lis­man nicht mehr hat“, er­gänz­te Ed. „Wo­durch Bru­ce un­ter die ers­ten zehn rückt. Al­so ist klar, wer die Flie­ge ge­nom­men hat.“Ich hoff­te, dass sie sich irr­te, denn ei­gent­lich . . . Wen hat Ed­wi­na Mil­ler in Ver­dacht, die Flie­ge ge­stoh­len zu ha­ben? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Lipp wacht mit Ar­gus­au­gen über die Ein­hal­tung der Mit­tags­ru­he. Trotz­dem woll­te er um 14 Uhr den Ra­sen mä­hen. Das macht ihn ver­däch­tig. Of­fen­sicht­lich hat er das Feu­er selbst ge­legt, um die Tat den Asyl­wer­bern in die Schu­he zu schie­ben.

KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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