Fa­mi­li­en­dra­ma »all’ ita­lia­na«

»Er­ben auf Ita­lie­nisch« ist ein lau­ter, bit­ter­bö­ser Ro­man über ei­nen bis­si­gen Pa­tri­ar­chen, wil­de Rau­fe­rei­en mit Nach­barn und die gol­de­nen Zei­ten des Ma­de-in-Ita­ly.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON SU­SAN­NA BAS­TA­RO­LI

Al­f­re­do Pam­pa­lo­ni, ein be­tag­ter Kä­se­fa­bri­kant aus Mai­land und no­to­ri­scher Grant­ler, be­or­dert sei­ne er­wach­se­nen Kin­der in die Do­lo­mi­ten-Fe­ri­en­vil­la. Beim mehr­gän­gi­gen Abend­es­sen im ver­staub­ten Grand­ho­tel kün­digt der Pa­tri­arch der ver­sam­mel­ten Fa­mi­lie bei­läu­fig an, tod­krank zu sein. Dann be­läs­tigt er die Kell­ne­rin­nen mit dre­cki­gen Wit­zen und säuft wie ein Loch.

Plum­pe Pro­vo­ka­ti­on und der­be Strei­che ge­hö­ren zu den Haupt­ei­gen­schaf­ten des al­ten Pam­pa­lo­ni, den die Er­fin­dung des ro­sa­far­be­nen Gor­gon­zo­la in den 1960er-Jah­ren reich ge­macht hat. Und so ent­ar­tet der un­frei­wil­li­ge Fa­mi­li­en­ur­laub in der re­tro-fu­tu­ris­ti­schen Sieb­zi­ger­jah­re-Vil­la zur Fa­mi­li­engro­tes­ke: Pam­pa­lo­ni be­lei­digt un­auf­halt­sam Freun­de, Nach­barn, Fa­mi­li­en­mit­glie­der mit Strei­chen und Wit­zen – bis Häu­ser bren­nen und Kü­he ster­ben. Er schwa­dro­niert pau­sen­los über die schil­lern­den Som­mer­mo­na­te der Ver­gan­gen­heit, in de­nen er an­geb­lich mit dem in­ter­na­tio­na­len Jet­set „an der Co­te“,ˆ in Mon­te­car­lo und Sankt Mo­ritz, cham­pagni­sie­rend um die Häu­ser ge­zo­gen ist. Und sich mit Play­boy Gun­ter Sachs – Pam­pa­lo­nis al­ler­größ­tem Vor­bild – ver­brü­dert hat. Toch­ter, Sohn und Fa­mi­li­en­an­hang las­sen die Aus­fäl­le wi­der­stands­los über sich er­ge­hen. Der Sohn, weil er auf das Er­be spitz ist. Die ewig ver­nach­läs­sig­te Toch­ter aus Mit­leid. Ein Hauch von Nost­al­gie. Laut und zeit­wei­se et­was dick auf­ge­tra­gen kommt die­se bit­ter­bö­se Fa­mi­li­en­ge­schich­te da­her. Hin­ter der der­ben Cha­rak­ter­stu­die und all dem schwar­zen Hu­mor ver­steckt sich aber auch ein Hauch Nost­al­gie: „Er­ben auf Ita­lie­nisch“ist näm­lich ein fast weh­mü­ti­ger Ab­ge­sang auf Ita­li­ens gol­de­ne Zei­ten – auf die, in­zwi­schen ge­platz­ten, Träu­me ma­de in Ita­ly. Durch Rück­blen­den in die Ver­gan­gen­heit be­schreibt der Ro­man ei­ne Ära, in der un­ge­ho­bel­te Ty­pen wie Pam­pa­lo­ni dank ei­ner ori­gi­nel­len Idee in kür­zes­ter Zeit zu (Li­re-)Mil­li­ar­dä­ren wur­den und mit ih­rer Krea­ti­vi­tät das Land in­dus­tria­li­siert ha­ben: der­be Neu­rei­che, die ih­re Mil­li­ar­den pom­pös zur Schau ge­stellt (und frei­lich die Steu­er­be­hör­den nach Strich und Fa­den be­tro­gen), aber zu­gleich un­glaub­lich viel Ener­gie ver­streut ha­ben. Das Buch ist re­gel­recht voll­ge- Pier­san­dro Pal­la­vici­ni „Er­ben auf Ita­lie­nisch“über­setzt von Ka­rin Flei­schan­derl Fo­lio Ver­lag 302 Sei­ten 22,90 Euro stopft mit Er­in­ne­run­gen aus der Zeit – mit Lie­der­zei­len, Wer­be­slo­gans, Co­mi­cHel­den aus den 1960er- bis 1980er-Jah­ren. Al­lein der Ori­gi­nal­ti­tel des Ro­mans – „Com­me­dia all’ita­lia­na“– weist auf das in den Sech­zi­ger­jah­ren er­folg­rei­che Film­ko­mö­di­en­gen­re hin. Das Buch hät­te üb­ri­gens ein pas­sen­des Dreh­buch da­für dar­ge­stellt.

Au­tor Pal­la­vici­ni scheint es rich­tig zu ge­nie­ßen, sich lan­ge Zeit bei die­sen Re­lik­ten aus der Ver­gan­gen­heit auf­zu­hal­ten. Le­ser, de­nen die­ses Ita­li­en fremd ist, könn­ten die vie­len Rück­blen­den an­stren­gen. Je­ne hin­ge­gen, de­nen die­se Welt ver­traut ist, ha­ben die Mo­ment­auf­nah­men in ei­ne längst ver­ges­sen ge­glaub­te Ver­gan­gen­heit ver­setzt. Eben­so wer­den Pro­gres­si­ve-Rock-Ken­ner ih­re Freun­de ha­ben – und Lie­der­tex­te, Sän­ger so­wie das Lon­do­ner-ProRock-Mi­lieu mit den ein­schlä­gi­gen Pubs, Plat­ten­shops und Kon­zert­hal­len wie­der­fin­den (samt zy­nisch-bös­ar­ti­ger Be­schrei­bung des Kon­zerts ei­ner grei­sen Rock­grup­pe). Ins­ge­samt lässt das pau­sen­lo­se Hin und Her zwi­schen er- zäh­le­ri­scher Ge­gen­wart, Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft den Le­ser et­was atem­los zu­rück. Ein Grund­ge­fühl, das die oft zu schnel­le, for­ciert lo­cker wir­ken­de Spra­che der Dia­lo­ge noch wei­ter her­vor­hebt.

Auch die be­wuss­te Zu­spit­zung der Cha­rak­te­re und die mit et­was zu viel Si­tua­ti­ons­ko­mik ge­würz­te Hand­lung er­mü­den im­mer wie­der: Der Au­tor ver­fällt sehr oft ins Scha­blo­nen­haf­te, et­wa bei den all­zu bra­chia­len Fa­mi­li­en- und Nach­bar­schafts­strei­te­rei­en oder bei der Be­schrei­bung des et­was zu schmie­ri­gen Soh­nes samt blas­ser bri­ti­scher Ehe­frau be­zie­hungs­wei­se sei­ner sehr ab­ge­klär­ten Schwes­ter mit der treu­en bes­ten Freun­din.

Aber pas­sa­gen­wei­se ge­lingt es die­ser „ita­lie­ni­schen Ko­mö­die“auch zu men­scheln: Wenn et­wa die er­wach­se­nen Ge­schwis­ter bei ei­ner be­frei­en­den Rau­fe­rei all die jah­re­lang zu­rück­ge­hal­te­nen Ag­gres­sio­nen her­aus­las­sen. Oder wenn Pam­pa­lo­ni wie­der ein­mal so bis­sig und ekel­haft ist, dass man mit­ten in der Lek­tü­re laut auf­la­chen muss.

Ales­san­dro Le­va­ti

Au­tor Pier­san­dro Pal­la­vici­ni schreibt über Ita­li­ens stein­rei­che Self­made­men.

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