Lie­be in Form ei­ner Droh­ne

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - THO­MAS KRAMAR

Anohni: »Dro­ne Bomb Me«. Die­se schö­ne, nach er­stick­ten Trä­nen klin­gen­de Stim­me! So lan­ge hat man sie ei­nem Mann zu­ge­ord­net, der mit sei­nem Mann­sein ha­der­te, da­von träum­te, von ei­nem Bu­ben zur Frau zu rei­fen. Und nun ge­hört sie ei­nem Men­schen, der bald als Trans­gen­der, bald als Frau ge­se­hen wer­den will. Im Vi­deo zum Song kommt sie nicht aus dem Mund von An­t­o­ny/Anohni, son­dern dem von Nao­mi Camp­bell. Noch selt­sa­mer mu­tet der Text an: Zu den rou­ti­niert dra­ma­ti­schen Sounds (in­klu­si­ve Leicht­me­tall-Fan­fa­ren) von Hud­son Mo­haw­ke fleht Anohni um Lie­be in Form ei­ner Droh­nen­bom­be: „Blow my he­ad off, ex­plo­de my crys­tal guts, lay my purple on the grass.“Hier geht das Or­ga­ni­sche ins Anor­ga­ni­sche über, und ma­so­chis­ti­sches Ver­lan­gen wird als Sehn­sucht nach Krieg ge­deu­tet. (Oder um­ge­kehrt?) Spä­tes­tens, wenn Anohni ent­rückt „My blood!“schmach­tet, wird es un­heim­lich, ja: ob­szön. Ein zu­tiefst an­stö­ßi­ger, be­denk­li­cher Song.

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