End­lich auf­ge­räumt!

Ma­gic Clea­ning, so nennt die Ja­pa­ne­rin Ma­rie Kon­do ih­re Me­tho­de für mehr Ord­nung im Le­ben. So wird ba­na­les Auf­räu­men zu ei­nem Er­leb­nis, ver­spricht sie. Und hat vie­le An­hän­ger.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON EVA WINROITHER

Es kann zur Grund­satz­fra­ge wer­den, die über Be­zie­hun­gen ent­schei­det. Sie, chao­tisch, un­or­ga­ni­siert, türmt Wä­sche­ber­ge im Schlaf­zim­mer und Pa­pier­stöß­chen auf al­len frei­en Flä­chen in der Woh­nung. Ei­gent­lich möch­te sie mehr Ord­nung hal­ten, schafft es aber nicht. Er, von klein auf bes­tens or­ga­ni­siert, fal­tet pe­ni­bel sei­ne Wä­sche und ord­net sie nach Far­ben.

Ist man nicht be­reit, den an­de­ren zu ak­zep­tie­ren, war’s das wohl mit der trau­ten Zwei­sam­keit – zum Preis für we­ni­ger Cha­os in der Woh­nung. Oder man ver­sucht, ge­mein­sam ei­ne Lö­sung zu fin­den, die ei­ge­ne Cha­os-Schmerz­gren­ze zu über­den­ken und dem Part­ner na­he­zu­le­gen, sich et­was mehr mit Ord­nung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Und es könn­te sein, dass man ge­nau dann auf Ma­rie Kon­do stößt.

Die 30-jäh­ri­ge Ja­pa­ne­rin ist so et­was wie ein Su­per­star des Auf­räu­mens (nicht Put­zens, das sind zwei ver­schie­de­ne Din­ge). Das „Ti­me Ma­ga­zi­ne“hat sie 2015 so­gar zu den 100 ein­fluss- reichs­ten Men­schen der Welt ge­zählt. Weil Ma­rie Kon­do weiß, wie man Un­wich­ti­ges von Wich­ti­gem sor­tiert. Das gilt für Klei­der und Bü­cher, für Do­ku­men­te und Ka­bel. Da­bei ver­spricht sie nicht nur ei­ne or­dent­li­che­re Woh­nung, son­dern auch nichts we­ni­ger als ein bes­se­res Le­ben. Ei­ge­ne Me­tho­de. Da­für hat sie ih­re ei­ge­ne Me­tho­de, Kon-Ma­ri, ent­wi­ckelt, die nach ein­fa­chen Re­geln funk­tio­niert. Die Grund­re­gel und da­mit das Herz­stück der ge­sam­ten Phi­lo­so­phie: Wer auf­räumt, darf nur be­hal­ten, was ei­nen glück­lich macht. Wer et­wa den Klei­der­kas­ten sor­tiert, muss je­des Stück in die Hand neh­men (nur an­schau­en gilt nicht) und sich da­nach ent­schei­den: be­hal­ten oder weg­wer- fen. Rund zwei Drit­tel der Sa­chen, sagt Kon­do, wer­den er­fah­rungs­ge­mäß weg­ge­ge­ben. Bleibt na­tür­lich mehr Platz für die, die da blei­ben. Die Din­ge, die zu ord­nen sind, teilt sie in Ka­te­go­ri­en. An­fan­gen soll der ge­will­te Auf­räu­mer grund­sätz­lich mit Klei­dung, dann wei­ter­ma­chen mit Bü­chern (ja, auch die­se müs­sen zum Teil weg), Pa­pier, Klein­zeugs und sich zum Schluss den Er­in­ne­rungs­stü­cken wid­men.

Von Ord­nungs­sys­te­men hält sie we­nig. Üb­ri­gens auch da­von, Klei­der auf­zu­hän­gen. Er­wünscht sind La­den, Schach­teln und Re­ga­le. Die­se soll­ten im­mer zu 90 Pro­zent voll sein, weil sich sonst wie­der Un­ord­nung ein­schleicht. Klei­dungs­stü­cke sta­pelt Kon­do nicht über­ein­an­der, son­dern ord­net sie auf­recht ste­hend ne­ben­ein­an­der. Wie in ei­nem Bü­cher­re­gal. So wür­de man stän­dig se­hen, was man hat, wäh­rend die Sta­pel die Sicht ver­sper­ren und Platz kos­ten, lau­tet ihr Ar­gu­ment.

Auch beim Zu­sam­men­le­gen hält sich Kon­do nicht an gän­gi­ge Re­geln. Sie fal­tet al­les, so­oft es geht. Das zer­knit­te­re die Wä­sche nicht zu­sätz­lich, ar­gu­men­tiert sie. Denn die Fal­ten wür­den durch das Ge­wicht von an­de­ren Klei­dern ent­ste­hen, wenn man die­se sta­pelt. Zu gu­ter Letzt soll je­des Stück sei­nen Platz ha­ben, an den es im­mer wie­der zu­rück­ge­bracht wer­den muss. Zur rich­ti­gen Zeit. Was wie ein neu­er Hy­pe in der un­über­sicht­lich ge­wor­de­nen Rat­ge­be­r­ecke („Wie wer­de ich schlank, reich, klug, er­folg­reich etc.?“) klingt, hat er­staun­lich vie­le An­hän­ger. Ih­re Bü­cher (das neu­es­te, „Spark Joy“, ist so­eben auf Eng­lisch er­schie­nen) wur­den in 27 Spra­chen über­setzt und be­reits sie­ben Mil­lio­nen Mal ver­kauft. Kon­do wird für Goog­le ge­bucht, um den Mit­ar­bei­tern Ord­nung bei­brin­gen, tritt im Fern­se­hen auf, hat 75.000 Fol­lo­wer auf Ins­ta­gram und wird den­noch nicht aus­ge­lacht, wie so man­che an­de­re selbst er­nann­te Be­ra­ter.

Viel­leicht mag es dar­an lie­gen, dass die zier­li­che Ja­pa­ne­rin im­mer freund­lich lä­chelnd, be­schei­den, ja fast schon un­be­hol­fen auf­tritt. Ihr Eng­lisch ist

Ma­rie Kon­do

ist ein so­ge­nann­ter Or­ga­ni­zing Con­sul­tant. Die ge­bür­ti­ge Ja­pa­ne­rin ist laut ei­ge­nen An­ga­ben seit ih­rer Kind­heit am Auf­räu­men in­ter­es­siert. Mitt­ler­wei­le hat sie fünf Bü­cher zu die­sem The­ma ge­schrie­ben; so­eben auf Eng­lisch er­schie­nen: „Spark Joy: An Il­lus­tra­ted Mas­ter Class on the Art of Or­ga­ni­zing And Tidy­ing Up“. Auf Deutsch wur­den bis­her zwei Bü­cher un­ter dem Ti­tel „Ma­gic Clea­ning“bei Ro­wohlt her­aus­ge­bracht.

Kon­do

fand sich 2015 auf der „Ti­me’s“-Lis­te der 100 ein­fluss­reichs­ten Per­so­nen. Sie ist ver­hei­ra­tet und seit Ju­li 2015 Mut­ter ei­ner Toch­ter. Auf Ins­ta­gram hat sie 75.000 Fol­lo­wer. Web: kon­ma­r­i­me­dia.com schlecht, In­ter­views gibt sie nur mit Über­set­ze­rin. Oder dar­an, dass ih­re Lie­be zu Ord­nung den Zeit­geist trifft. In ei­ner Welt, in der mehr zu kau­fen, mehr zu schen­ken, mehr zu ha­ben und mehr zu er­rei­chen zum Man­tra ge­wor­den ist, ver­liert man leicht den Über­blick. Was ist wich­tig und un­wich­tig?, fragt man sich. Und hebt zur Si­cher­heit eben al­les auf. Ein Werk­zeug, das Hil­fe bei der Reiz­über­flu­tung ver­spricht, scheint da ein will­kom­me­nes Ge­schenk. Vor al­lem, wenn es sich so un­auf­dring­lich wie Kon­do prä­sen­tiert.

Die Ja­pa­ne­rin hat sich auch ei­ne klei­ne Ge­schich­te zu­recht­ge­legt: Sie ha­be schon im­mer Din­ge auf­ge­räumt. Als klei­nes Kind fand sie Un­ord­nung in der Schu­le, zu Hau­se bei den El­tern, sor­tier­te Ka­bel, or­ga­ni­sier­te Pa­pie­re, kurz dar­auf war im­mer wie­der al­les un­or­dent­lich. So sei sie auf die Idee ge­kom­men, sich von dem zu tren­nen, was nicht glück­lich macht. Laut Kon­do soll man sich auch re­gel­mä­ßig bei Ge­gen­stän­den be­dan­ken. „In Ja­pan ist es et­was Selbst­ver­ständ­li­ches, dass auch

Nur Din­ge, die ei­nem Freu­de be­rei­ten, dür­fen bei Ma­rie Kon­do be­hal­ten wer­den. Zu­erst wer­den die Klei­der ge­ord­net, dann Bü­cher, Pa­pie­re und Klein­kram.

Ge­gen­stän­de ei­ne See­le ha­ben“, sagt Kon­do un­längst in ei­nem In­ter­view mit dem „Ma­ga­zin“. Schließ­lich wür­den sie uns täg­lich ei­nen Di­enst er­wei­sen.

Das mag eso­te­risch klin­gen, Kon­do selbst ist ge­nau das nicht. Sie hat jung ih­re Fir­ma ge­grün­det und ver­dient gut an un­se­rer Sehn­sucht nach Ord­nung und Über­sicht. Ge­hol­fen hat ihr da­bei auch die bil­der­fi­xier­te Welt des In­ter­nets, auf Platt­for­men wie Ins­ta­gram und Pin­te­rest sind Style- und Ord­nungs­ratge­be­rin­nen die Kö­ni­gin­nen.

Ma­rie Kon­do hat zu­dem be­ob­ach­tet, dass im­mer wie­der Le­ser nach dem Groß­auf­räu­men ih­rer Woh­nung auch im Be­rufs­le­ben auf­räu­men wür­den. Oder in der Be­zie­hung. Bei den ei­nen ha­be es die Lie­be neu ent­facht, sagt sie, bei den an­de­ren nicht.

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