Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA STEI­NER

Der Te­enager in spe hat ei­nen neu­en Spleen, er will sich die Haa­re blau fär­ben. Blau! Und was ma­che ich jetzt? Ver­bie­ten kann ich es schließ­lich schwer.

Zu­ge­ge­ben, ein biss­chen bin ich sel­ber schuld. Man soll­te sich halt in­for­mie­ren. Man soll­te zu­min­dest kurz „bunt“und „Haa­re“goo­geln, be­vor man ge­dan­ken­ver­lo­ren nickt, wenn die Toch­ter, die in we­ni­gen Wo­chen kein ku­sche­li­ges Kind mehr sein wird, son­dern ein ve­ri­ta­bler Te­enager, ei­nem er­klärt, sie möch­te un­be­dingt blaue Haa­re ha­ben. Dann wä­re mir näm­lich be­wusst ge­we­sen, dass man das nicht so ein­fach tö­nen kann, wie ich mir das in mei­ner Nai­vi­tät und Hen­na­er­fah­rung so vor­ge­stellt hat­te, und dass sich das mit­nich­ten wie­der her­aus­wäscht nach ein paar Wo­chen. Nein, für so ei­nen Aqua­mar­in­schopf muss man zu­erst künst­lich auf­hel­len; Mar­le­nes wun­der­schö­nem, glat­tem, lan­gem, ha­sel­nuss­brau­nem Haar wer­den al­so die Pig­men­te ent­zo­gen und dann wird die Far­be drauf­ge­pappt. Ei­ne grau­en­haf­te Vor­stel­lung! Zu­min­dest für mich. Doch Mar­le­ne zuckt, als ich ihr die Kon­se­quenz ih­res Wun­sches vor Au­gen füh­re – „Du kriegst Spliss!“– nur mit den Schul­tern. „Aber du hast es mir er­laubt“, sagt sie, und au­ßer­dem ver­steht sie nicht, war­um ich plötz­lich so spin­ne. Sonst bin ich doch auch nicht so un­ent­spannt, al­les, was mich nicht nervt und kei­nen dau­er­haf­ten Scha­den an­rich­tet, ist in un­se­rem Haus­halt aus­drück­lich er­laubt. Und ich se­he ein: Drei Jah­re – die braucht es im al­ler­bes­ten Fall, bis die Far­be her­aus­ge­wach­sen ist – sind nicht ewig. Und dass ich in die­ser Zeit ein braun-blau ge­scheck­tes Kind vor mir ha­be, ist wohl wirk­lich nicht ner­venz­er­fet­zend ge­nug für ein Ver­bot. Ver­wa­schen. Ein­fach Nein sa­gen geht al­so nicht, aber im­mer­hin könn­te ich ihr vor­rech­nen, mit wel­chen Kos­ten ihr neu­er Spleen ver­bun­den ist: Das Blau muss näm­lich mo­nat­lich auf­ge­frischt wer­den, sonst ver­wan­delt es sich in ein ver­wa­sche­nes Grün (ja, dies­mal ha­be ich aus­führ­lich re­cher­chiert). „Al­so ich“, wer­de ich sa­gen, „zah­le si­cher nicht für den Fri­seur.“Und ich ma­che für sie auch nicht die Termine aus.

Mein Mann hat­te je­den­falls ei­ne Idee, wie Töch­terl zu er­pres­sen wä­re. Er wer­de an­kün­di­gen, dass er sich in dem Fall eben­falls die Haa­re blau fär­ben wer­de, und wer mei­nen Mann kennt, der weiß, dass Mar­le­ne das für kei­ne lee­re Dro­hung hal­ten wird. Der Ge­dan­ke hat je­den­falls Charme, ich stel­le mir vor, die gan­ze Fa­mi­lie läuft mit blau­en Köp­fen her­um, ich wür­de ein sat­tes Ko­balt be­vor­zu­gen, zu Hannah könn­te Azur pas­sen, bei Mar­le­ne den­ke ich an Aqua­ma­rin. Und mein Mann? Der trägt Him­mel­blau. Auf Rei­sen wür­den wir uns auch auf den größ­ten Plät­zen und in den un­über­sicht­lichs­ten Bahn­hö­fen nicht mehr aus den Au­gen ver­lie­ren kön­nen, und je­der wüss­te so­fort, dass wir zu­sam­men ge­hö­ren, die Fa­mi­lie Eibel-Stei­ner-Blau.

Ich schla­ge das dann ein­mal vor.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.