KLI­MA

Die Presse am Sonntag - - Globus -

Ge­frier­punkt hat, von der käl­te­ren Luft. An­de­rer­seits kühlt das Eis im Som­mer die Luft. Zu­dem funk­tio­niert die wei­ße Eis­flä­che wie ein Spie­gel, der die Son­nen­strah­len re­flek­tiert. Als Al­be­do wird die­ses für das Kli­ma so wich­ti­ge Rück­strahl­ver­mö­gen der Eis­flä­che be­zeich­net. Schwin­det die Eis­flä­che, nimmt die dunk­le­re Was­ser­flä­che mehr Wär­me auf, was wie­der­um zum stär­ke­ren Ab­schmel­zen des Ei­ses führt. Das Eis der Ark­tis be­ein­flusst den Wär­me- und Feuch­tig­keits­aus­tausch an der Mee­res­ober­flä­che, ei­ne Rei­he von Mee­res­strö­mun­gen, die für das Kli­ma welt­weit be­deu­tend sind, die Wol­ken­bil­dung und die Luft­feuch­tig­keit. Jagd nach Rob­ben. Poo­too­goo Elee wur­de in ei­nem Zelt in ei­nem Camp auf ei­ner In­sel in der Hud­son-Stra­ße ge­bo­ren, et­wa 100 Ki­lo­me­ter von der Sied­lung Ca­pe Dor­set ent­fernt, die in Inukti­tut „Kinn­gait“heißt, „die Ber­ge“. Der heu­te 55 Jah­re al­te Mann kann sich noch dar­an er­in­nern, wie er als Vie­ro­der Fünf­jäh­ri­ger auf ei­nen Schlit­ten ge­setzt wur­de und mit sei­nen El­tern auf die Jagd nach Ka­ri­bus und Rob­ben ging. Er­beu­te­te Tier­fel­le tausch­ten die El­tern in der Nie­der­las­sung der Hud- son’s Bay Com­pa­ny in Ca­pe Dor­set ge­gen Le­bens­mit­tel und Mu­ni­ti­on. Es war die Zeit des gro­ßen Um­bruchs im Le­ben der Inuit. Im­mer mehr Fa­mi­li­en lie­ßen sich in der Nä­he der Hud­son-BayStütz­punk­te nie­der, ga­ben ihr No­ma­den­le­ben auf und wur­den sess­haft.

Auch Poo­too­goos Fa­mi­lie voll­zog die­sen Wan­del. So wuchs er in Ca­pe Dor­set und Iqa­luit bei sei­nen El­tern und Groß­el­tern auf. Er ging zur Schu­le und dann auf Unis in Bri­tish Co­lum­bia, Sas­kat­che­wan, Ma­ni­to­ba und On­ta­rio, wo er Kur­se in Rechts- und Um­welt­wis­sen­schaf­ten be­leg­te. Heu­te be­glei­tet Poo­too­goo Be­su­cher durch Ca­pe Dor­set, zeigt ih­nen den Ort, der als Künst­ler­ge­mein­de und durch sei­ne welt­weit ge­schätz­ten Dru­cke be­kannt ist, und die Stät­ten, an de­nen Men­schen der al­ten Dor­set-Kul­tur sie­del­ten. Wenn es die Zeit zu­lässt, fährt er mit ih­nen auf die Mal­lik-In­sel, um durch den Mal­lik­juag Ter­ri­to­ri­al Park zu wan­dern.

Poo­too­goo war da­bei, als vor 20 Jah­ren auf der In­sel Häu­ser ei­ner 1000 Jah­re al­ten Sied­lung aus der Thu­le-Kul­tur so­wie Werk­zeu­ge und Kunst­ge­gen­stän­de ge­fun­den wur­den. Vor al­lem aber ist Poo­too­goo Jä­ger, so wie ei­gent­lich al­le Män­ner aus dem au­to­chtho­nen ark­ti­schen Volk. Er jagt Ka­ri­bus und Rob­ben, Wal­ros­se und Wa­le. Seit et­wa zwei Jahr­zehn­ten re­gis­trie­re er Ve­rän­de­run­gen im Eis, er­zählt er. Das Eis sei nicht mehr so dick, es sei nicht mehr so „vor­her­seh­bar“wie einst, es bil­de sich spä­ter und bre­che im Früh­jahr frü­her auf. „Vor zwei Jah­ren ha­be ich mein Schnee­mo­bil ver­lo­ren“, sagt er. Er brach auf dem Eis ein und hat­te das Glück im Un­glück, dass er von der Strö­mung nicht un­ter das Eis ge­zo­gen wur­de. „Es ist schwe­rer für uns, über das Eis zu den Stel­len zu kom­men, wo wir ja­gen kön­nen.“

Ähn­li­che Be­rich­te und An­ek­do­ten der Inuit fu­ßen auf punk­tu­el­len Er­fah­run­gen, de­cken sich aber mit dem, was Wis­sen­schaft­ler mes­sen: Die Eis­flä­che wird nicht nur klei­ner, sie wird auch dün­ner. Seit mehr als zehn Jah­ren ist die­ser Trend fest­zu­stel­len. In den 1960er-Jah­ren lag die am häu­figs­ten ge­mes­se­ne Mee­reis­di­cke wäh­rend des

Die Ark­tis im Wan­del.

Noch En­de der 1970er- und in den 1980er-Jah­ren wur­den im Fe­bru­ar oder März ma­xi­ma­le Eis­flä­chen von Qua­drat­ki­lo­me­tern ge­mes­sen. Dem­ge­gen­über wur­de im Fe­bru­ar 2015 ein neu­er Ne­ga­tiv­re­kord er­reicht, denn nur noch Qua­drat­ki­lo­me­ter des Oze­ans und sei­ner Rand- und Ne­ben­mee­re wa­ren im Fe­bru­ar auf dem Hö­he­punkt des ark­ti­schen Win­ters mit Eis be­deckt.

16 Mil­lio­nen

14,54 Mil­lio­nen

Som­mers bei drei Me­tern. In den 1990er-Jah­ren be­trug sie noch mehr als zwei Me­ter, jetzt sind es nur noch et­wa 90 Zen­ti­me­ter. Ei­ne Zu­sam­men­stel­lung der für den zen­tra­len Ark­ti­schen Oze­an seit Mit­te der 1970er-Jah­re ge­won­ne­nen Da­ten zeigt, dass dort die mitt­le­re Eis­di­cke im Som­mer von et­wa drei Me­tern auf we­ni­ger als 1,5 Me­ter zu­rück­ge­gan­gen ist. Zu­dem wird di­ckes mehr­jäh­ri­ges Eis zu­neh­mend durch dün­ne­res ein­jäh­ri­ges Eis er­setzt. Som­mer­eis. Wäh­rend die Be­rich­te der wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tu­te über die Win­te­reis­flä­che sel­ten viel Auf­merk­sam­keit fin­den, ist das beim Som­mer­eis an­ders. Denn die­se Zah­len lie­fern den Stoff für die er­schre­cken­den Sze­na­ri­en ei­ner „eis­frei­en Ark­tis“. Aber die Be­zeich­nung „eis­freie“Ark­tis ist nicht ganz kor­rekt, wenn nicht so­gar ir­re­füh­rend: Die Pro­gno­sen der Wis­sen­schaft­ler be­zie­hen sich al­lein auf den Som­mer. Im Win­ter wird sich wei­ter Eis in der Ark­tis bil­den, denn die Tem­pe­ra­tu­ren fal­len nach wie vor weit un­ter den Ge­frier­punkt. Zu­dem kön­nen wäh­rend des Som­mers auch in „eis­frei­en“Ge­bie­ten im­mer noch gro­ße Eisschollen trei­ben.

Es ist wich­tig, die­se Ein­schrän­kun­gen bei al­len Dis­kus­sio­nen über die Zu­kunft der Ark­tis, über Roh­stoff­för­de­rung und Schiff­fahrt im Au­ge zu be­hal­ten. Sie neh­men den Sze­na­ri­en aber nichts von ih­rer Dra­ma­tik. Tat­säch­lich ist der Rück­gang des Som­me­rei­ses dra­ma­tisch und weit­aus deut­li­cher als der des Win­te­rei­ses – er be­trägt bis zu 50 Pro­zent ge­gen­über den Wer­ten vor 35 Jah­ren. Ei­ne Trend­wen­de ist nicht in Sicht. So schmolz im Som­mer 2015 die Eis­flä­che im Ark­ti­schen Oze­an auf 4,4 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter ab. Das war zwar rund ei­ne Mil­li­on Qua­drat­ki­lo­me­ter mehr als beim Re­kord­mi­ni­mum drei Jah­re zu­vor, aber im­mer noch we­ni­ger Eis als in den bei­den Vor­jah­ren.

Die Eis­flä­che wird nicht nur klei­ner, sie wird seit mehr als zehn Jah­ren auch dün­ner.

Corbis

Ein Bär sucht Ab­küh­lung in Nu­na­vut, Ka­na­da.

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