Wann ist das Kind wie­der ge­sund?

Die Grau­zo­ne zwi­schen Noch-krank- und Wie­der-ge­sund-Sein macht El­tern zu schaf­fen. Manch­mal ver­lan­gen Kin­der­gär­ten ein At­test des Arz­tes.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON RO­SA SCHMIDT-VIERTHALER

Oft wünscht man sich ei­ne klei­ne Am­pel, die über dem Kopf des Kin­des schwebt und ob­jek­tiv Aus­kunft über des­sen Ge­sund­heits­zu­stand gibt. Rot: zu Hau­se blei­ben. Grün: Zäh­ne put­zen. Doch lei­der lässt sich die Fra­ge, ob die Klei­nen nun krank oder ge­sund sind, nicht im­mer ein­deu­tig be­ant­wor­ten. El­tern, die schon ei­ni­ge Ta­ge pfle­gend zu Hau­se ver­bracht ha­ben, müs­sen da­her ab­wä­gen.

Der idea­le Weg wä­re na­tür­lich, das Kind si­cher­heits­hal­ber noch zu Hau­se zu las­sen. Nach ei­ner Krank­heit soll­te man drei Ta­ge fie­ber­frei sein, be­vor man wie­der in den Kin­der­gar­ten geht, hieß es frü­her – und das war kein Pro­blem, so­lan­ge nicht bei­de El­tern­tei­le ar­bei­ten gin­gen. „Drei Ta­ge fie­ber­frei gibt es heu­te nicht mehr“, heißt es aus der St. Ni­kolaus­stif­tung, Trä­ger der meis­ten ka­tho­li­schen Kin­der­gär­ten und Hor­te in Wi­en. Aber auch kei­ne an­de­re gül­ti­ge Re­gel, da­her sei die Sa­che hei­kel. Bei Fie­ber, Durch­fall und star­ken Ver­küh­lun­gen müs­se das Kind na­tür­lich zu Hau­se blei­ben. „Aber ,krank‘ ist im­mer ein dehn­ba­rer Be­griff“, sagt Su­san­na Haas, die Päd­ago­gi­sche Lei­te­rin der Stif­tung.

Man müs­se den Blick stets auf das Kind rich­ten – und des­halb auch manch­mal stren­ger sein. „Wenn ein Kind im­mer wie­der bei­spiels­wei­se mit Durch­fall ge­bracht wird, kann es schon sein, dass wir vom Arzt ei­ne Ge­sund­schrei­bung ver­lan­gen, be­vor es wie­der ge­bracht wird“, sagt Haas. Prin­zi­pi­ell for­de­re man ein ärzt­li­ches At­test aber nur bei mel­de­pflich­ti­gen Krank­hei­ten wie et­wa Sal­mo­nel­len, bei de­nen sich oh­ne­hin das Ge­sund­heits­amt ein­schal­tet. Bei an­ste­cken­den Kin­der­krank­hei­ten wie Feucht­blat­tern set­ze man auf das Ur­teil der Päd­ago­gin­nen – wenn die ty­pi­schen An­zei­chen ab­ge­klun­gen sind, könn­ten die­se mit ih­rer Er­fah­rung die Si­tua­ti­on gut ein­schät­zen. In die­sen Fäl­len ge­hen die El­tern aber oh­ne­hin meist zum Kin­der­arzt, was bei ein­fa­chen grip­pa­len In­fek­ten nicht un­be­dingt der Fall ist. Hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen. Die Ge­fahr der An­ste­ckung ist na­tur­ge­mäß ein The­ma, das den gan­zen Kin­der­gar­ten be­trifft. Wenn das ei­ge­ne Kind schon in der Gar­de­ro­be ganz fest von ei­nem Mäd­chen mit Hus­ten und Rotz­na­se ge­drückt wird, möch­te man am liebs­ten „Min­dest­ab­stand wah­ren!“ru­fen.

Und da schon die Aus­wahl der Jau­senäp­fel man­chen El­tern­abend fül­len kann, wer­den an­ste­cken­de Krank­hei­ten und die Fra­ge, wer den Ma­gen-Darm-In­fekt oder die Läu­se in die Grup­pe ge­bracht hat, un­ter El­tern teil­wei­se recht hit­zig dis­ku­tiert. Doch das ist oft sinn­los, denn die Klei­nen sind meist schon ans­te- ckend, be­vor die El­tern ei­ne Krank­heit über­haupt be­mer­ken kön­nen.

Wenn dann vor der Kin­der­gar­ten­grup­pe das üb­li­che Schild mit der War­nung vor der neu­en Pla­ge prangt (Schar­lach, Läu­se, Feucht­blat­tern), muss man als Mut­ter ei­ne nicht eben ein­fa­che Ent­schei­dung tref­fen: Neh­me ich nun die nächs­ten drei Ta­ge nor­ma­len Ur­laub und blei­be auf Ver­dacht zu Hau­se, um ei­ne An­ste­ckung zu ver­hin­dern, auch wenn es das Kind spä­ter viel­leicht doch er­wi­schen könn­te, oder war­te ich und ver­wen­de ich da­nach noch ei­ne Wo­che des kost­ba­ren Pfle­ge­ur­laubs? Fie­ber als In­di­ka­tor. So kniff­lig die­se Über­le­gun­gen rund ums Zu­hau­se­blei­ben sind, in ei­nem Punkt gibt es Klar­heit: Kin­der fie­bern rasch, und Fie­ber ist ein kla­rer In­di­ka­tor. So­lan­ge ein Kind noch Tem­pe­ra­tur hat, darf es nicht in den Kin­der­gar­ten. „Es pas­siert sel­ten, dass Kin­der halb­krank ge­bracht wer­den“, sagt Mo­ni­ka Ri­ha. Die Ge­schäfts­füh­re­rin der pri­va­ten Kin­der-in-Wi­en-Kin­der­gär­ten, kurz Ki­wi, lobt die El­tern als (meist) sehr ver­ant­wor­tungs­be­wusst. Sie sieht aber auch, dass die Fra­ge nicht ein­fach ist: „Man merkt, dass die Men­schen am Ar­beits­platz gro­ßen Druck ha­ben“, sagt sie. Ob die Ge­rüch­te stim­men, dass man­che El­tern den Kin­dern in der Früh noch fie­ber­sen­ken­de Mit­tel ein­flö­ßen, da­mit die Ide­al­tem­pe­ra­tur er­reicht wird? Das kön­ne sie nicht be­ur­tei­len, sagt sie: „Wir wür­den das ja nicht wirk­lich be­mer­ken.“Auch bei Ki­wi gibt es kei­ne all­ge­mei­ne Re­gel da­für, ab wann ein Kind nach ei­ner Krank­heit wie­der in den Kin­der­gar­ten kann. „Man­che Kin­der wer­den schnell ge­sund, das ist sehr in­di­vi­du­ell“, sagt Ri­ha. Man­che Kin­der sei­en ei­nen Tag krank und am nächs­ten tat­säch­lich wie­der fit, an­de­re wür­den Wo­chen an ei­ner Krank­heit la­bo­rie­ren.

El­tern müs­sen sich al­so selbst ih­re klei­ne Am­pel kon­stru­ie­ren, wenn der

Die Fra­ge, wer die Krank­heit in die Grup­pe ge­bracht hat, wird oft hit­zig dis­ku­tiert.

Arzt nicht oh­ne­hin ei­ne kla­re Hand­lungs­an­wei­sung ge­ge­ben hat.

Nur die kann auch täu­schen. Denn wenn El­tern schon ei­ni­ge Ta­ge mit dem Kind zu Hau­se sind und es fröh­lich an sei­nem Puz­zle baut, liegt der Ge­dan­ke na­he, dass es doch in den Kin­der­gar­ten hät­te ge­hen kön­nen. Doch dort ist es für ein Kind auch um ei­ni­ges auf­re­gen­der – und da­mit auch an­stren­gen­der. Wann ist ein Kind al­so ge­sund ge­nug? Als Mut­ter oder Va­ter weiß man es wohl mit Si­cher­heit erst im Nach­hin­ein.

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