Ka­na­das Kul­tur der Käl­te

Der Kli­ma­wan­del be­droht den Le­bens­raum der Inuit in Ka­na­da. Ein Aus­zug aus dem neu­en Buch von »Pres­se«-Kor­re­spon­dent Gerd Brau­ne.

Die Presse am Sonntag - - Leben -

Iqa­luit, Haupt­stadt des ka­na­di­schen Ark­tis­ter­ri­to­ri­ums Nu­na­vut, im April. Drei St­un­den dau­ert der Flug von der Haupt­stadt, Ot­ta­wa, nach Iqa­luit. Das leuch­tend gel­be Flug­ha­fen­ge­bäu­de ist schon aus gro­ßer Ent­fer­nung vom Flug­zeug aus zu se­hen. Die meist ein- oder zwei­ge­scho­ßi­gen Häu­ser ent­lang der Küs­te des Koo­jes­se In­let schei­nen sich zu du­cken, um nicht zu sehr dem Wind aus­ge­setzt zu sein. Un­über­seh­bar auf ei­nem Hü­gel über der Stadt steht der As­tro Hill Com­plex mit Ho­tel, Ki­no und ei­nem acht­ge­scho­ßi­gen Ap­par­te­ment­block.

Die Fro­bis­her-Bucht mit dem Koo­jes­se-Mee­res­arm, an dem die 7000 Ein­woh­ner zäh­len­de Stadt liegt, ist ei­ne Eis­wüs­te. Bi­zarr ra­gen die Eis­mas­sen in die Hö­he, Eb­be und Flut ha­ben sie auf­ge­türmt. Der Ti­den­hub ist hier am En­de der Bucht ge­wal­tig – bis zu zehn Me­ter kön­nen es sein.

Wo das Eis eben ist, führt ei­ne Eis­stra­ße von der Stadt hin­aus auf die Bucht. Lang­sam fah­ren Trucks in ei­ner Ko­lon­ne, mit­ten in der Bucht hal­ten sie. Dut­zen­de Fahr­zeu­ge, Schnee­mo­bi­le und Hun­der­te Men­schen kom­men zu­sam­men. Ein Schnee­mo­bil­ren­nen, ein „Drag Race“, ist an­ge­kün­digt, die letz­te Ver­an­stal­tung des Früh­lings­fests Too­nik Ty­me.

Von meh­re­ren Sei­ten füh­ren Fahr­spu­ren für die Schnee­mo­bi­le vom Fest­land zum Ver­an­stal­tungs­ort auf dem Eis. „Es ist su­per­si­cher“, sagt mir Jer­ry Ell, ein mit Speck­stein ar­bei­ten­der Bild­hau­er, als ich ihn fra­ge, ob ich ge­fahr­los die rund 500 Me­ter über das Eis zu Fuß zu­rück­le­gen kann. „Das Eis ist be­stimmt fünf Fuß dick“, be­ru­higt er mich, „aber bleib auf der Spur, in der die Schnee­mo­bi­le fah­ren.“Die Stel­len, an de­nen das Eis an­ge­taut und mat­schig ist, sol­le ich mei­den. Wenn das ein­ein­halb Me­ter di­cke Eis Au­tos und die schwe­ren Schnee­mo­bi­le trägt, soll­te es auch mich tra­gen.

Ich bin nicht der Ein­zi­ge, der über das Eis geht. Ei­ni­ge Men­schen se­he ich in wei­ter Fer­ne, klei­ne schwar­ze Punk­te in­mit­ten von Schnee und Eis. Schnee­mo­bi­le brau­sen an mir vor­bei. Den­noch ha­be ich ein et­was mul­mi­ges Ge­fühl, vor al­lem, wenn Ei­stür­me den Blick auf Iqa­luit oder den vor mir lie­gen­den Renn­platz ver­sper­ren und mich nie­mand sieht. Zu wis­sen, dass sich un­ter dem Eis das ark­tisch-kal­te Was­ser in ei­ner hef­ti­gen Strö­mung be­wegt, hat et­was Be­un­ru­hi­gen­des. Mehr als wei­ße Flä­che. Die Pis­te des „Drag Race“ist kurz, nur rund 300 Me­ter. Aber das Eis der Fro­bis­her Bay reicht noch vie­le Ki­lo­me­ter nach Süd­os­ten, bis es auf of­fe­nes Was­ser stößt. Ich den­ke an das tra­gi­sche Un­glück, das we­ni­ge Ta­ge vor mei­nem Ein­tref­fen die Men­schen hier er­schüt­tert hat. San­dy Oo­lay­ou, ein er­fah­re­ner Jä­ger, fuhr mit sei­nem Schnee­mo­bil hin­aus zur Jagd. Ir­gend­wo da drau­ßen traf er auf trü­ge­ri­sches Eis. Er er­kann­te es zu spät und brach mit sei­nem Schnee­mo­bil ein. Die Strö­mung riss ihn ver­mut­lich un­ter das Eis, nie­mand konn­te ihm hel­fen. Oo­lay­ou war be­kannt da­für, dass er sei­ne Jagd­beu­te, ob Rob­ben, Wa­le oder Ka­ri­bus, mit der Ge­mein­de teil­te. All dies zeigt: Das Ark­tis­eis ist mehr als ei­ne wei­ße Flä­che, de­ren Aus­deh­nung uns we­gen der Kli­ma­ver­än­de­run­gen im Nord­po­lar­ge­biet und der Per­spek­ti­ven für die Schiff­fahrt und die wirt­schaft­li­che Nut­zung der Ark­tis in­ter­es­siert. Es Als Kor­re­spon­dent der „Pres­se“be­rich­tet

re­gel­mä­ßig aus Ka­na­da. Er hat un­ter an­de­rem die rie­si­gen ark­ti­schen Ge­bie­te lan­ge Zeit be­ob­ach­tet und nun ein Buch dar­über ver­öf­fent­licht.

Gerd Brau­ne

„Die Ark­tis

Por­trät ei­ner Welt­re­gi­on“ Chris­toph Lin­ke Ver­lag, 248 Sei­ten, 18 Euro. ist mehr als der Le­bens­raum des Eis­bä­ren, der un­ser Bild von der Ark­tis prägt. Das Eis ist Teil des Le­bens der Men­schen in der Ark­tis.

Die Jagd, die vom Eis aus be­trie­ben wird, ist für die Inuit le­bens­not­wen­di­ger Nah­rungs­er­werb. Die Inuit, sagt Shei­la Watt-Clou­tier, sind ein Volk, des­sen Kul­tur auf Käl­te be­ruht. „Für die Men­schen im Sü­den ha­ben Schnee und Eis et­was mit Frei­zeit zu tun. Hier aber geht es um un­se­ren Su­per­markt. Das Eis, das das Land be­deckt, die In­seln ver­bin­det oder weit in das Meer hin­aus­ragt, und der Schnee, über den wir mit Schnee­mo­bi­len oder Hun­de­schlit­ten fah­ren, sind un­se­re Stra­ßen, um zu den Nah­rungs­quel­len zu kom­men.“

Seit Jah­ren be­müht sie sich, dem Kli­ma­wan­del ein „mensch­li­ches Ge­sicht“zu ge­ben, denn er be­trifft nicht nur Eis und Eis­bä­ren, son­dern auch die Men­schen der Ark­tis.

Ein „Recht auf Käl­te“ha­ben die Inuit, sagt sie, und so heißt auch ih­re Au­to­bio­gra­fie: „The Right to Be Cold“. Watt-Clou­tier war Prä­si­den­tin des Inuit Cir­cum­po­lar Coun­cil (ICC), des Dach­ver­ban­des der Inuit Ka­na­das, Alas­kas, Grön­lands und der rus­si­schen Tschu­kot­ka-Re­gi­on, und ver­trat die Inuit bei den Ver­hand­lun­gen, die zur Stock­hol­mer Kon­ven­ti­on über das Ver­bot lang­le­bi­ger Um­welt­gif­te wie PCB und DDT führ­te. Für ih­re le­bens­lan­ge Ar­beit, die Kul­tur der Inuit und die ark­ti­sche Umwelt zu schüt­zen, wur­de sie im Ok­to­ber 2015 mit dem Al­ter­na­ti­ven No­bel­preis aus­ge­zeich­net. Eis ist nicht ewig. Der Ver­lust an Eis­flä­che im Ark­ti­schen Oze­an spielt in der Be­richt­er­stat­tung über den Kli­ma­wan­del, die Rohstoffe und die Schiff­fahrt in der Ark­tis ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Vom „ewi­gen Eis“ist die Re­de, von Eisschollen und Eis­ber­gen, von Pack­eis, den zu­sam­men- und über­ein­an­der­ge­scho­be­nen Eisschollen, und von Fest­eis, der an der Küs­te oder an fest­sit­zen­den Eis­ber­gen ver­an­ker­ten Mee­reis­flä­che, von Win­ter- und Som­mer­eis. Die Vor­stel­lun­gen vom ark­ti­schen Eis sind oft sehr ver­schwom­men. Das Meer­eis der Ark­tis ist nicht starr – und es ist zum größ­ten Teil nicht „ewig“. Es bil­det sich, und es schmilzt. An­ders als die Glet­scher und Eis­kap­pen, die Grön­land und den ant­ark­ti­schen Kon­ti­nent be­de­cken und Tau­sen­de Jah­re alt und meh­re­re Ki­lo­me­ter dick sein kön­nen, ist das Eis, das auf dem Oze­an liegt, jung – zu gro­ßen Tei­len nur so alt wie der zu­rück­lie­gen­de Win­ter – und nur ei­ni­ge Me­ter dick. Meer­eis ist ge­fro­re­nes salz­hal­ti­ges Meer­was­ser, Glet­scher hin­ge­gen sind Land­eis, das sich aus Schnee und Re­gen­was­ser, al­so aus Süß­was­ser, bil­det.

Die rie­si­gen Eis­stü­cke, die von Glet­schern ab­bre­chen und in den Oze­an fal­len – die Glet­scher kal­ben –, sind die Eis­ber­ge, die weit nach Sü­den trei­ben und Schiff­fahrts­we­ge kreu­zen kön­nen wie je­ner Eis­berg, mit dem 1912 die Ti­ta­nic kol­li­dier­te. Da sich Meer­eis auf dem Oze­an aus dem Meer­was­ser bil­det, führt das Ab­schmel­zen der Mee­reis­flä­che auch nicht zum An­stieg des Mee­res­spie­gels. Die Pro­gno­sen über des­sen An­stieg be­ru­hen vor al­lem auf Be­rech­nun­gen über das Ab­schmel­zen der Eis­schil­de von Grön­land und Ant­ark­ti­ka, die so dem Oze­an Was­ser zu­füh­ren, und auf der stär­ke­ren Aus­deh­nung des Meer­was­sers durch den An­stieg der Was­ser­tem­pe­ra­tur.

Die Tem­pe­ra­tu­ren in der Ark­tis und in den Al­pen stei­gen of­fen­bar dop­pelt so stark wie im glo­ba­len Durch­schnitt. Das be­stä­tig­te im De­zem­ber 2015 er­neut die „Arc­tic Re­port Card“, die die US-ame­ri­ka­ni­sche Na­tio­nal Ocea­nic and At­mo­s­phe­ric Ad­mi­nis­tra­ti­on (NO­AA) all­jähr­lich her­aus­gibt. Die durch­schnitt­li­che Luft­tem­pe­ra­tur über Land ha­be von Ok­to­ber 2014 bis Sep­tem­ber 2015 1,3 Grad Cel­si­us über dem Durch­schnitt ge­le­gen und sei die höchs­te seit Be­ginn der Auf­zeich­nun­gen im Jahr 1900 ge­we­sen.

Ein glo­ba­ler Tem­pe­ra­tur­an­stieg um drei Grad in die­sem Jahr­hun­dert könn­te ei­nen An­stieg um sechs Grad in der Ark­tis be­deu­ten. Falls es ge­lin­gen soll­te, den Tem­pe­ra­tur­an­stieg auf ma­xi­mal zwei oder gar 1,5 Grad ge­gen­über der

Die Jagd auf dem Eis ist für die Inuit le­bens­not­wen­dig. Ih­re Kul­tur be­ruht auf Käl­te. Ex­per­ten nen­nen es kal­ben, wenn rie­si­ge Eis­stü­cke von den Glet­schern ab­bre­chen.

vor­in­dus­tri­el­len Zeit zu be­gren­zen, dann wür­de das für die Ark­tis im­mer noch ein Plus von drei bis vier Grad be­deu­ten.

Ve­rän­de­run­gen in der Ark­tis kön­nen den Rest der Welt be­ein­flus­sen. Das Ark­tis­eis wird als ei­ne der wich­tigs­ten Kli­ma­va­ria­blen im ho­hen Nor­den an­ge­se­hen. Die Mee­reis­flä­che iso­liert Was­ser, das Tem­pe­ra­tu­ren zwi­schen null Grad und we­ni­gen Gra­den über dem

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