»Ich fühl­te mich aus­ge­grenzt«

Schau­spie­le­rin Brie Lar­son spricht über ih­ren neu­en Film »Raum«, ih­re de­pres­si­ven Pha­sen in der Schu­le und ih­re vie­len Rei­sen, die ih­ren Ho­ri­zont er­wei­tert ha­ben. Au­ßer­dem er­zählt sie, wel­che Au­to­ren sie am meis­ten be­ein­flusst ha­ben.

Die Presse am Sonntag - - Menschen - VON RÜ­DI­GER STURM

Vor acht Jah­ren ist das Kel­ler­ver­lies ent­deckt wor­den, in dem Jo­sef F. sei­ne Toch­ter 24 Jah­re lang ein­ge­sperrt und sie­ben Kin­der mit ihr ge­zeugt hat. Der Fall hat sich nicht nur ös­ter­reich­weit ins Ge­dächt­nis ge­brannt, son­dern auch Em­ma Do­no­ghu­es au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ro­man „Raum“in­spi­riert. Am Frei­tag kommt die Ver­fil­mung ins Ki­no – und wid­met sich nicht dem Ver­bre­chen an sich, son­dern der Mut­ter-Kind-Be­zie­hung. Haupt­dar­stel­le­rin Brie Lar­son im In­ter­view. Ei­ne jun­ge Frau, die ge­kid­nappt und ver­ge­wal­tigt wird und ih­ren Sohn in Ge­fan­gen­schaft auf­zieht – ist das ei­ne Rol­le, vor der man Angst ha­ben muss? Brie Lar­son: Nein, aber ich wuss­te, dass sie mich sehr viel Kraft kos­ten wür­de. Ich muss­te mir von vorn­her­ein klar sein, wie ich die Gren­zen zwi­schen mir und die­ser Fi­gur zie­he. Das ist ziem­lich schwie­rig, denn, wenn man zwölf St­un­den am Tag in der Haut ei­ner an­de­ren Per­son steckt, ist man nur noch im Schlaf man selbst. Wie zieht man die­se Gren­zen? Ich bin mit mei­nen Freun­den und mei­ner Fa­mi­lie in en­gem Kon­takt ge­blie­ben. Sie ha­ben mich an­ge­ru­fen und mir Pa­ke­te ge­schickt. Au­ßer­dem ha­be ich vie­le mei­ner pri­va­ten Hab­se­lig­kei­ten aus mei­nem Haus mit ins Dre­ha­part­ment ge­nom­men. Wenn ich am Abend von der Ar­beit zu­rück­ge­kom­men bin, hat mich ihr Ge­ruch an mei­ne Welt und an mich selbst er­in­nert. Und war Ih­nen klar, dass Sie mit so ei­ner Rol­le ei­nen Os­car be­kom­men kön­nen? Das wä­re ab­surd ge­we­sen. Das wä­re un­ge­fähr so, als wür­de ich von mei­ner Traum­hoch­zeit fan­ta­sie­ren, oh­ne ei­nen Freund zu ha­ben. Selbst als das Ge­re­de von No­mi­nie­run­gen an­ge­fan­gen hat, war das al­les ganz weit weg. Ist so et­was nicht frus­trie­rend? Klar, aber das ge­hört zum Le­ben da­zu. Du musst be­reit sein, auch dei­ne ne­ga­ti­ven Emo­tio­nen wahr­zu­neh­men und aus­zu­kos­ten. Ver­su­che nicht, die Din­ge an dei­ne Vor­stel­lun­gen an­zu­pas­sen, son­dern bleib of­fen und neu­gie­rig auf das, was dir das Le­ben zu bie­ten hat. Wie sind Sie auf sol­che Ein­sich­ten ge­kom­men? Zum Bei­spiel auf mei­nen ver­schie­de­nen Rei­sen. Aber ich ha­be im­mer schon ver­sucht, mei­nen Ho­ri­zont zu

1989

wur­de Brie Lar­son in Sa­cra­men­to, Ka­li­for­ni­en, ge­bo­ren.

2009

wur­de sie durch die preis­ge­krön­te Fern­seh­se­rie „Ta­ras Wel­ten“ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kannt. Es folg­ten Rol­len in Fil­men wie „21 Jump Street“und „Short Term 12“.

2015

mit ih­ren Fil­men vor Will dem Pu­bli­kum

Brie Lar­son. Schau­spie­le­rin und Re­gis­seu­rin ge­lang ihr der in­ter­na­tio­na­le Durch­bruch mit ih­rer Haupt­rol­le in dem Dra­ma „Raum“, für die sie den Gol­den Glo­be und den Os­car be­kam.

al­lem ein er­wei­tern, weil ich die Din­ge nicht so ak­zep­tie­ren konn­te, wie sie wa­ren. Des­halb hat­te ich auch in der Schu­le mei­ne Pro­ble­me. Ich fühl­te mich aus­ge­grenzt und ein­sam und bin da­her rich­tig de­pres­siv ge­wor­den. Wie ka­men Sie dar­über hin­weg? Mei­ne Mut­ter hat mich un­ter­stützt, und zum Glück konn­te ich die Schu­le schon mit 15 be­en­den und mich auf mei­ne In­ter­es­sen kon­zen­trie­ren: auf Phi­lo­so­phie, My­tho­lo­gie, Kunst­ge­schich­te. Wel­che Den­ker und Au­to­ren ha­ben Sie be­son­ders be­wegt? Da ge­hört der in­di­sche Yo­gal­eh­rer Ram­dev da­zu, aber auch J. D. Sa­lin­ger. Im ver­gan­ge­nen Jahr ha­be ich Tho­mas Manns Ro­man „Der Zau­ber­berg“ge­le­sen. Die­ses Buch hat mich sehr ge­prägt. Sie hät­ten Li­te­ra­tur­pro­fes­so­rin statt Schau­spie­le­rin wer­den kön­nen. Schau­spiel ist mein Ide­al­be­ruf. Ich kann die Welt aus so vie­len un­ter­schied­li­chen Blick­win­keln se­hen. Au­ßer­dem ist die Schau­spie­le­rei ei­ne si­che­re Me­tho­de, um schwie­ri­ge The-

Ge­mein­schafts­ge­fühl men aus­zu­lo­ten. Wer hät­te sich ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über ei­ne Frau an­ge­schaut, die in ei­nem ein­zi­gen Zim­mer ge­fan­gen ge­hal­ten wird? Aber so­bald man das künst­le­risch ver­ar­bei­tet, wird dar­aus ei­ne uni­ver­sel­le Ge­schich­te, mit der sich je­der iden­ti­fi­zie­ren kann. Aber in Ih­rem Be­ruf müs­sen Sie stän­dig In­ter­views ge­ben und sich ins Ram­pen­licht wa­gen. Auch für die Os­cars ab­sol­vier­ten Sie ei­ne re­gel­rech­te Kam­pa­gne mit un­zäh­li­gen öf­fent­li­chen Auf­trit­ten. Nervt so et­was nicht auf Dau­er? Oh ja, al­lein die Pro­mo­ti­on für „Raum“dau­er­te Mo­na­te. Aber ich ge­nie­ße das, denn ich muss nicht stän­dig die­sel­ben fünf Fra­gen be­ant­wor­ten. Je­der hat sei­ne ei­ge­ne Mei­nung zu die­sem Film. Wie ich schon sag­te, ich fühl­te mich als Kind in­ner­lich ein­sam, und mit so ei­nem Film kann ich ei­ne Ver­bin­dung zu den Men­schen her­stel­len und ih­nen das Ge­fühl ge­ben: „Ich bin mit mei­nen Emp­fin­dun­gen nicht al­lein. Es gibt Per­so­nen, die ge­nau so den­ken wie ich.“Ge­mein­schafts­ge­fühl – das ist das, was hof­fent­lich je­der mei­ner Zu­schau­er von mir be­kommt.

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