Neue Beat­les? »Das ist ab­surd!«

An­nenMayKan­te­reit im In­ter­view: Hin­ter dem sper­ri­gen Band­na­men ver­ber­gen sich vier ent­spann­te Bur­schen aus Köln. Nächs­ten Frei­tag er­scheint ihr De­büt­al­bum »Al­les Nix Kon­kre­tes«.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON SA­MIR H. KÖCK

Die Hand­ka­me­ra kreist im Wa­ckel­stil um fünf Bur­schen im Vor­zim­mer ei­ner WG. Es wird mu­si­ziert. „Po­ca­hon­tas“heißt das mi­t­rei­ßen­de Lied. Ein milch­ge­sich­ti­ger Trom­pe­ter fällt auf, eben­so der leicht ent­rück­te Gi­tar­rist. Im Zen­trum aber steht die­ser ha­ge­re Sän­ger, der beim Sin­gen die Ar­me hin­ter dem Rü­cken ver­schränkt oder die Hän­de in die Ho­sen­ta­schen gräbt. Er strahlt nicht den Pau­vre Chic ei­nes jun­gen Bo­bos aus, des­sen ver­heim­lich­te Ak­ti­en­fonds­be­tei­li­gung ein Ge­fühl von Über­le­gen­heit schenkt. Nein, Hen­ning May ver­fügt über ei­ne Au­ra recht­schaf­fe­ner Ar­mut.

Mit­tel­los ist er des­we­gen noch lan­ge nicht. Sein Reich­tum liegt zu­dem nicht al­lein in sei­ner cha­ris­ma­ti­schen Stim­me, son­dern in der Art, wie er sie ein­setzt: kraft­voll und doch sen­si­bel. Die­ser lei­den­schaft­li­che Ge­sang ist das Aus­hän­ge­schild von An­nenMayKan­te­reit, ei­nem Quar­tett aus Köln, das auf die­se Schreib­wei­se be­steht und das deut­sche Me­di­en gar mit den Beat­les ver­glei­chen. Was die vier Bur­schen ent­setzt. Hen­ning May ver­sucht die jour­na­lis­ti­sche Hy­bris mit der tiefs­ten sei­ner Stim­men zu pa­rie­ren. „Ab­surd. Die Beat­les sind die größ­te Band der Welt und wir bloß vier Freun­de. Das ist, wie wenn man ei­nen Spie­ler vom FC Darm­stadt mit Zi­ne­di­ne´ Zi­da­ne ver­gleicht.“ Der coo­le Typ, dem sie ver­trau­en. Ihr Licht un­ter den Schef­fel zu stel­len, ge­lingt An­nenMayKan­te­reit aber im­mer schlech­ter. Mit „Oft ge­fragt“glück­te ein 8,5 Mio. Mal an­ge­klick­ter YouTu­be-Hit, das ele­gi­sche „Bar­fuß am Kla­vier“lu­krier­te gar über zehn Mio. Se­her. Jetzt folgt das ers­te Al­bum „Al­les Nix Kon­kre­tes“. Gab es ei­nen Plan? „Na­tür­lich“, sagt Schlag­zeu­ger und Ca­jon-Tromm­ler Se­ve­rin Kan­te­reit, „Für uns war es wich­tig, ei­nen coo­len Ty­pen zu fin­den, dem wir ver­trau­en kön­nen. Mo­ses Schnei­der war der Rich­ti­ge. Er hat me­ga­gu­tes tech­ni­sches Ver­ständ­nis und konn­te sich auch per­sön­lich auf uns ein­las­sen.“

Schnei­der, der in der Ver­gan­gen­heit wich­ti­ge Al­ben von den Beat­steaks und To­co­tro­nic pro­du­ziert hat, über­zeug­te in den Ber­li­ner Han­sa Stu­di­os nicht nur mit sei­nen mu­si­ka­li­schen Fer­tig­kei­ten. „Man konn­te auch gut mit ihm blö­deln. Al­bern­heit ist näm­lich ei­ner un­se­rer wich­tigs­ten Wer­te“, lobt ihn May. Was über­rascht, sind doch die Lie­der von An­nenMayKan­te­reit über­wie­gend von me­lan­cho­li­scher An­mu­tung.

So­gar „21, 22, 23“, ein Lied vom Jung­sein, ist im Schat­ten an­ge­sie­delt. Im Wind­schat­ten ei­ner schö­nen EGi­tar­ren­li­nie plus­tert sich Ver­zweif­lung auf. „Und du wirst 21, 22, 23, und du kannst noch gar nicht wis­sen, was du willst. Und du wirst 24, 25, 26, und du tanzt nicht mehr wie frü­her.“Spürt die Ju­gend die ers­ten Bo­ten des Ver­falls schon so früh? „Man merkt na­tür­lich, dass man äl­ter wird, aber das hat mehr mit dem Ver­lust von Neu­gier und Un­be­küm­mert­heit zu tun“, er­läu­tert May.

Im Ver­lauf des Lieds fo­kus­sie­ren sie die heut­zu­ta­ge weit ver­brei­te­te Un­fä­hig­keit, et­was zu wol­len. „Manch­mal wirst du me­lan­cho­lisch im Stra­ßen­la­ter­nen­licht. Am Wo­che­n­en­de gehst du fei­ern und machst dich na­tür­lich dicht. Und du hältst dei­ne Träu­me ab­sicht­lich klein, um am En­de nicht ent­täuscht zu sein“, singt May hei­ser wie einst Rio Rei­ser. Wo je­ner An­fang der Sieb­zi­ger noch re­bel­lisch „Mach ka­putt, was dich ka­putt macht“, schrie, kreist Mays so­no­res Or­gan um das ei­nem re­si­gna­ti­ven Zeit­geist ge­schul­de­te Mo­tiv der An­nul­lie­rung des Wün­schens. Der fa­ta­le Hang zur Si­cher­heit. „Es gibt zu vie­le Men­schen, die gro­ße Träu­me ha­ben, aber sie aus Grün­den der Kon­ven­ti­on oder der Er­zie­hung nicht ver­su­chen zu ver­wirk­li­chen. Ein fa­ta­ler Hang zur Si­cher­heit drängt sie dann letzt­lich dann doch da­zu, statt Ar­chi­tek­tur oder Kunst Be­triebs­wirt­schaft zu stu­die­ren.“May scheint das zu be­dau­ern. Und doch singt er nicht un­gern über das klei­ne Glück. „Ich wür­de gern mit dir in ei­ner Alt­bau­woh­nung woh­nen. Zwei Zim­mer, Kü­che, Bad und ein klei­ner Bal­kon“, lau­tet ei­ne Zei­le in „3. Stock“.

Ob Glück eher ei­ne Fra­ge des Cha­rak­ters oder des Schick­sals ist, wagt er nicht zu ent­schei­den. „Schwer zu sa­gen. Aber ich den­ke, je hö­her die In­tel­li­genz, des­to schwie­ri­ger ist es glück­lich zu sein.“Und so mei­den die Lie­der das Welt­ver­bes­se­ri­sche. „Wir wol­len uns nicht hin­ter plat­ten Slo­gans ver­ste­cken. Dass man Na­zis Schei­ße fin­det, dar­über muss man nicht laut sin­gen“, fin­det May. Und so prüf­te er letz­tes Jahr ein An­ge­bot, bei ei­nem Stück der Ber­li­ner Hip-Hop-For­ma­ti­on K.I.Z. mit­zu­sin­gen, be­son­ders ge­nau. „Wir ha­ben sie auf Kor­rekt­heit ge­checkt, weil sie auf der Büh­ne auch ag­gres­si­ve Rol­len spie­len.“Am En­de fand er Ge­fal­len an der posta­po­ka­lyp­ti­schen Uto­pie von „Hur­ra, die Welt geht un­ter“. Mit dem Er­folg die­ser Sing­le fing May neue Hö­rer­schich­ten für An­nenMayKan­te­reit. Auch die Zu­sam­men­ar­beit mit dem in­ter­na­tio­nal er­folg­rei­chen deut­schen Duo Mil­ky Chan­ce war ei­ne schö­ne Er­fah­rung. May und Mil­ky-Chan­ce-Sän­ger Cle-

»Wir ha­ben viel ge­blö­delt. Al­bern­heit ist näm­lich ei­ner un­se­rer wich­tigs­ten Wer­te.« An­nenMayKan­te­reit ha­ben sich be­wusst da­für ent­schie­den, auf Deutsch zu sin­gen.

mens Reh­bein adel­ten mit ih­ren so un­ter­schied­li­chen Stim­men den ab­ge­han­ge­nen Po­li­ce-Ha­dern „Ro­xan­ne“.

An­ders als Mil­ky Chan­ce, die für ih­re Sing­le „Sto­len Dan­ce“in den USA Dop­pel­pla­tin er­ober­ten, ha­ben sich An­nenMayKan­te­reit ent­schie­den, Deutsch zu sin­gen. „Wir ha­ben er­kannt, dass un­se­re deut­schen Tex­te viel bes­ser sind als un­se­re eng­li­schen.“Ba­sis des traum­wand­le­ri­schen Ver­ständ­nis­ses in­ner­halb der Band ist die Er­fah­rung, die man sich beim Kon­zer­tie­ren in der Köl­ner Fuß­gän­ger­zo­ne ge­holt hat. „Die Tricks wa­ren ein­fach“, er­in­nert sich May: „Au­gen­kon­takt und kei­ne Bier­fla­schen, sonst ge­ben die Leu­te nichts.“

Termine: 23. 4., Are­na, aus­ver­kauft. 15.–16. 7. „Out of the Woods“, Wie­sen; 2.–3. 9. Nu­ke Fes­ti­val, Graz.

Fabien J. Raclet

Drei Nach­na­men der vier er­ge­ben den Band­na­men.

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