Die Re­nais­sance der Dorfg

Die länd­li­che Idyl­le war ges­tern. Die Pro­vinz als Sinn­bild al­les Dump­fen auch: In den Ro­ma­nen von Ju­li Zeh, Saˇ­sa Sta­niˇ­si´c oder Ro­bert Seet­ha­ler ist das Land nicht gut oder schlecht – es ist. Und wie!

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON BET­TI­NA STEI­NER

Es war der bri­ti­sche Schrift­stel­ler Ju­li­an Bar­nes, der ein­mal über die As­so­zia­tio­nen ge­schrie­ben hat, die ein Au­tor al­lein da­durch aus­löst, dass er ei­ner weib­li­chen Fi­gur ei­ne be­stimm­te Au­gen­far­be ver­passt. Ih­re Au­gen sind blau? Un­schul­dig. Braun? Zu­ver­läs­sig! Schwarz? Steht für Lei­den­schaft. Grün? Da denkt der ge­üb­te Le­ser an Ei­fer­sucht. Je­de Far­be schlie­ße un­wei­ger­lich ba­na­le Vor­stel­lun­gen mit ein. „Wie kommt man da raus, oh­ne ei­nen gan­zen Sack von An­deu­tun­gen mit­zu­schlep­pen?“

Und Bar­nes spricht nur von Au­gen! Da scheint es dop­pelt hei­kel, wenn ein Au­tor ei­ne so grund­sätz­li­che Ent­schei­dung trifft wie je­ne, ei­nen Ro­man auf dem Land spie­len zu las­sen. Vom Le­ben im Dor­fe hat doch je­der so­fort ein Bild vor Au­gen, da hup­fen ent­we­der die Na­zis aus dem mit Hirsch­ge­wei­hen de­ko­rier­ten Kel­ler oder die Kin­der spie­len Rin­gel­rei­hen rund um den Brom­beer­busch. Und als sei der Ge­gen­satz Stadt und Land nicht schon so zu­tiefst ideo­lo­gisch be­setzt, muss sich der Au­tor noch fra­gen las­sen, in wel­che Tra­di­ti­on er sich ein­rei­he. Eher in die des Hei­mat­ro­man ei­nes Wag­gerl oder des An­tiHei­mat­ro­mans ei­nes Hans Le­bert? Was heißt hier Hei­mat? Wo­mit wir schon bei ei­nem Grund­be­griff wä­ren, des­sen Be­deu­tung sich ge­wan­delt hat – was wohl zum Teil da­für ver­ant­wort­lich ist, dass sich Au­to­ren heu­te be­frei­ter als frü­her dem Land­le­ben zu­wen­den kön­nen: Die Hei­mat, das war stets das Land, nie­mals die Stadt. Doch je mehr die Dör­fer sich lee­ren, die Jun­gen weg­zie­hen, je in­dus­tria­li­sier­ter die Land­wirt­schaft, des­to frem­der wird uns das, was frü­her Hei­mat war: Ei­ne Bäue­rin, die ih­re Kü­he melkt, wirkt auf uns nicht mehr ver­traut, son­dern nach­ge­ra­de exo­tisch. Das Fens­terln, das Vea Kai­ser be­schreibt, er­scheint uns skur­ril, die Be­deu­tung des Mai­baums für die Eh­re ei­nes Dor­fes ko­misch. Von die­sem Wan­del un­se­rer Wahr­neh­mung, von der dar­aus fol­gen­den En­tideo­lo­gi­sie­rung und Äs­t­he­ti­sie­rung des Lan­des zehrt nicht nur Kai­sers „Blas­mu­sik­pop“– auch Sa­saˇ Sta­ni­siˇc´ er­klärt uns in „Vor dem Fest“aus­führ­lich, wie man denn die Hen­nen vor dem Fuchs schützt (Spoi­ler: wirk­lich si­cher ist kein Hüh­ner­stall), und Ro­bert Seet­ha­lers be­rüh­ren­de Be­schrei­bung des kar­gen Le­bens auf den Ber­gen ge­winnt noch durch den Reiz des Un­be­kann­ten.

Karl Tho­mas/all­Over/ pic­tu­re­desk.com

Das Land­le­ben er­scheint uns heu­te als exo­tisch.

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