Ju­li Zeh: Von al­ten Feind­schaf­ten und neu­en Ver­bün­de­ten

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Ei­ne Dorf­ge­mein­schaft droht zu zer­bre­chen: Ju­li Zeh be­schreibt in ih­rem eben er­schie­ne­nen Ro­man »Un­ter­leu­ten« das kom­ple­xe Be­zie­hungs­ge­fü­ge. Ju­li Zeh hält sich in ih­rem neu­en Ro­man „Un­ter­leu­ten“erst gar nicht lan­ge mit der länd­li­chen Idyl­le auf: Schon auf der ers­ten Sei­te stinkt es bes­tia­lisch. Da ist das Aka­de­mi­ker-Ehe­paar eben von Ber­lin aufs Land ge­zo­gen, an den Rand des Dor­fes so­gar, wo kein Strom­mast oder Hoch­stand den Blick auf die präch­ti­ge Na­tur trübt. Und dann ver­brennt der Nach­bar Au­to­rei­fen! Nicht nur aus­nahms­wei­se, son­dern tag­täg­lich, er be­treibt ei­ne Werk­statt. „Das Tier“, nen­nen sie ihn nur, und wir wer­den ihn spä­ter ken­nen­ler­nen, so wie noch vie­le an­de­re Be­woh­ner des Dor­fes Un­ter­leu­ten. Ei­gent­lich, stel­len wir fest, ist er ver­blüf­fend sym­pa­thisch.

Zeh, die selbst aus Leip­zig aufs Land ge­zo­gen ist und die­se Ent­schei­dung auch nach zehn Jah­ren nicht be­reut, lässt al­len ih­ren Fi­gu­ren Ge­rech- tig­keit wi­der­fah­ren. Ob dem mas­si­gen Macht­men­schen, der sein Er­be be­wah­ren will, oder dem ehe­ma­li­gen Kom­mu­nis­ten, der im­mer noch gern gro­ße Re­den schwingt, ob­wohl er nichts mehr zu sa­gen hat. Ob der zu­ge­reis­ten Pfer­de­flüs­te­rin, die ih­re Ta­len­te zu­neh­mend ma­ni­pu­la­tiv bei Men­schen an­wen­det, oder der jun­gen Mut­ter, die ih­ren Ehe­mann miss­trau­isch be­äugt.

Zeh er­zählt von ei­ner Dorf­ge­mein­schaft, die end­gül­tig zu zer­bre­chen droht, als der Bür­ger­meis­ter den Bau meh­re­rer Wind­kraft­wer­ke an­kün­digt. Wem ver­stel­len sie die Sicht? Wer pro­fi­tiert da­von? An­hand ei­ner Hand­voll Leu­te, die von un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen ge­lei­tet wer­den und die ei­ne ge­mein­sa­me Ver­gan­gen­heit ver­bin­det oder auch trennt, wird hier das Psy­cho­gramm ei­ner Ge­mein­schaft ent­wi­ckelt. Das ist sti­lis­tisch nicht im­mer span­nend, fes­selnd aber al­le­mal. (Lucht­er­hand Li­te­ra­tur­ver­lag, 640 Sei­ten)

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