In Sa­saˇ Sta­ni­siˇcs´ Fürs­ten­fel­de bleibt je­der für sich – oder nicht?

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Vom Fähr­mann, dem le­bens­mü­den Rau­cher und an­de­re wil­de Ge­schich­ten: »Vor dem Fest« zeich­net das schil­lern­de Por­trät ei­nes Dor­fes. Sa­saˇ Sta­ni­siˇc´ stammt aus Bos­ni­en, er floh 1992 als Te­enager nach Deutsch­land – und hat mit „Vor dem Fest“den wohl le­ben­digs­ten Dor­fro­man der ver­gan­gen Jah­re ge­schrie­ben: ver­spielt, mit gro­ßem Sprach­witz und sehr mu­tig: Ro­ma­ne, die ei­nem so hart­nä­ckig ei­ne kon­zi­se Hand­lung vor­ent­hal­ten, ver­lie­ren ih­re Le­ser oft schnell. Nicht so hier: weil man von Sei­te zu Sei­te ge­trie­ben wird, vom Be­säuf­nis in Ul­lis Ga­ra­ge, wo die Män­ner auf ih­re tief ein­ge­fleisch­ten Ehe­rin­ge star­ren, über das ge­heim­nis­um­wit­ter­te Hei­mat­mu­se­um bis hin zum Häu­schen des ver­stor­be­nen Fähr­manns, des­sen Job in dem schrump­fen­den Dorf kei­ner mehr über­neh­men wird: Der al­te Freund läu­tet noch ein letz­tes Mal die Fähr­manns­glo­cke: „Das ist das ei­gent­li­che Nichts: Dass et­was exis­tiert und funk­tio­niert, aber für nie­man­den ei­nen Nut­zen hat.“

Wie Ju­li Zeh be­schreibt Sta­ni­siˇc´ das Be­zie­hungs­ge­flecht des Dor­fes, auch bei ihm gibt es nicht ei­nen Hel­den, son­dern je­de Men­ge gleich­be­rech­tig­tes Per­so­nal, doch blei­ben bei ihm die Fi­gu­ren iso­lier­ter, in ih­rer Le­bens­wirk­lich­keit ge­fan­gen (bis der Au­tor sie zu­min­dest ein biss­chen er­löst): Da ist der Brief­trä­ger, der ver­däch­tigt wird, für die Sta­si in der Post ge­schnüf­felt zu ha­ben und der nun Hüh­ner züch­tet. Die nacht­blin­de Hei­mat­ma­le­rin. Und Herr Schramm, der sich dar­über auf­regt, dass auf dem Soft-Por­no-Ka­nal die strip­pen­de Bil­lard­spie­le­rin kei­ne ein­zi­ge Ku­gel ver­senkt, und über den der Ich-Er­zäh­ler sagt: „In Wil­fried Schramms Haus­halt fin­den sich im Schnitt mehr Grün­de ge­gen das Le­ben als ge­gen das Rau­chen.“(Lucht­er­hand Ver­lag, 320 Sei­ten).

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