Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KUL­TUR­KAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜL­LER

»Wir schaf­fen das.« War­um die­ser Satz für ei­ne vi­ta­le Ge­sell­schaft eben vi­tal ist. An­hand der Er­folgs­ge­schich­te des un­ge­wöhn­li­chen Mo­dels Ma­de­li­ne Stuart.

Die­ser Ta­ge hat das ers­te Mo­del mit Down-Syn­drom mit ei­ner Fo­to­se­rie Fu­ro­re ge­macht. Die Bil­der ei­ner Pro­fi­fo­to­gra­fin zei­gen die jun­ge Aus­tra­lie­rin Ma­de­li­ne Stuart in Hoch­zeits­klei­dern. Das ist auch un­ter­schwel­lig trau­rig, denn nur sehr sel­ten kön­nen sol­che Men­schen wirk­lich ei­ne Ehe ein­ge­hen. Aber es ist ein Licht­blick, eben­so wie die Vi­de­os, die die glück­li­che Stuart bei der New York Fa­shion Week auf dem Lauf­steg zei­gen.

Ih­re Mut­ter be­schreibt, wie es da­zu kam: Sie hat­ten zu­sam­men ei­ne Mo­de­schau be­sucht, und vom ers­ten Mo­ment an war deut­lich, dass Ma­de­li­ne der Cat­walk ma­gisch an­zieht. „Mum, me mo­del“, ha­be das Mäd­chen ge­sagt. Und die Re­ak­ti­on der Mut­ter war von Mer­kel’schem Op­ti­mis­mus: „Wir schaf­fen das!“

Die Rea­li­tät ist oft an­ders. Die Dia­gno­se Down­Syn­drom im Mut­ter­leib kommt ei­nem To­des­ur­teil gleich, fast im­mer kommt es zur Ab­trei­bung. In Ös­ter­reich müss­te es bei rund 80.000 Ge­bur­ten im Jahr zwi­schen 100 und 160 neu­ge­bo­re­ne Kin­der mit Down-Syn­drom ge­ben. Im Jahr 2013 wa­ren es nur drei. Das Jahr­buch der Ge­sund­heits­sta­tis­tik für 2014 lässt die Fehl­bil­dungs­ta­bel­le über­haupt weg, die be­legt, wie ef­fi­zi­ent heu­te Prä­na­tal­dia­gnos­tik und Ab­trei­bungs­ge­schäft zu­sam­men­ar­bei­ten. Darf es nicht ein­mal in­di­rek­te In­for­ma­ti­on zur Häu­fig­keit und Mo­ti­va­ti­on von Ab­trei­bun­gen ge­ben?

In der „Zeit“er­schien im ver­gan­ge­nen Jahr ein Ar­ti­kel un­ter dem Ti­tel „Wer darf le­ben?“. Er schil­dert den Weg ei­nes Paa­res, das ein Kind mit Down­Syn­drom er­war­tet. Da heißt es: „Wir schaf­fen das. Aber so ein­fach ist es nicht. Was, wenn Lu­ca doch Un­ter­stüt­zung braucht, ein Le­ben lang? Wir schaf­fen das nicht. Oder doch?“Und kurz dar­auf: „Nie­mand hilft. Wer auch?“Drei Ta­ge spä­ter wird Lu­ca ab­ge­trie­ben. „Wir ha­ben ihn ge­tö­tet. Lu­ca, nicht das Down-Kind, son­dern un­se­ren Sohn.“

Nie­mand hilft. War­um auch? Es gibt ja die Ab­trei­bung. Das ist ei­ne Bank­rott­er­klä­rung der Ge­sell­schaft. Sie er­leich­tert zwar das Le­ben mit Be­hin­de­run­gen, un­ter­stützt El­tern fi­nan­zi­ell und mit Ex­per­ti­se. Aber sie er­mun­tert nicht. Sie sagt nicht: „Wir schaf­fen das schon.“Ei­ne vi­ta­le Ge­sell­schaft hilft, die Angst zu über­win­den. Sie ver­weist auf das Glück, das da­rin liegt, sich sei­ner Pflicht als Mensch zu stel­len. Ei­ne ster­ben­de Ge­sell­schaft greift zum Skal­pell, um das Ver­stö­ren­de, das Her­aus­for­dern­de her­aus­zu­schnei­den, da­mit das Le­ben so per­fekt wie mög­lich wird: ei­ne Kul­tur der Ver­zagt­heit, die das er­sehn­te Glück nicht pro­du­zie­ren kann.

Ma­de­li­ne Stuart er­in­nert uns dar­an, wie gut es ist, „Wir schaf­fen das!“zu sa­gen. In ei­ner Zeit, in der wir es oft gar nicht ein­mal ver­su­chen. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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