War­um die Vor­stadt­wei­ber funk­tio­nie­ren

Die »Vor­stadt­wei­ber« keh­ren mor­gen zu­rück. Die Quo­ten ©er ers­ten StŻf­fel wŻ­ren üãer­rŻ­schen© gut, ©ie Kri­ti­ken we­ni­ger. Der Er­folg ©er Se­rie erkl´rt sich leicht: ein ãe­kŻnn­ter Stoff, ãe­lieã­te SchŻu­spie­ler un© »Un­ter­leiãs­rin­gel­piez«.

Die Presse am Sonntag - - Medien - VON AN­NA-MA­RIA WALL­NER

Sie könn­ten ge­las­sen sein, die Darstel­le­rin­nen und Darstel­ler der „Vor­stadt­wei­ber“. Sind sie aber nicht. In ei­nem der vie­len In­ter­views, die die un­zäh­li­gen Se­ri­en­be­tei­lig­ten vor dem Start der zwei­ten Staf­fel am Mon­tag (ORF eins, 20.15 Uhr) ge­ben muss­ten, mo­kier­ten sich Ma­ria Köst­lin­ger und Ni­na Proll über die „Feuille­to­nis­ten“, die den Er­folg der Se­rie nicht ver­ste­hen wür­den. Kri­tik dar­an sei „ja auch nicht nett“, je­nen „Men­schen ge­gen­über, die die ,Vor­stadt­wei­ber‘ an­schau­en“. Das wa­ren im ver­gan­ge­nen Jahr bei der ers­ten Staf­fel tat­säch­lich vie­le. Mit 28 Pro­zent durch­schnitt­li­chem Markt­an­teil und 857.000 Se­hern pro Fol­ge war die Se­rie ein Quo­ten­hit für den ORF. Es soll so­gar schon „Vor­stadt­wei­ber“-Par­tys an Mon­tag­aben­den ge­ben. Auch in Deutsch­land, wo sie ab Mai in der ARD zu se­hen war, sa­hen die Se­rie im Schnitt vier Mil­lio­nen Men­schen.

Und doch ist ei­ne klei­ne Kul­tur­de­bat­te aus­ge­bro­chen, in der mit üb­li­chen Scha­blo­nen ar­gu­men­tiert wird. Für die „FAZ“war „Ös­ter­reichs ,De­spe­ra­te Hou­se­wi­ves‘-Auf­guss“ins­ge­samt „un­in­spi­riert run­ter­ge­spiel­te Flach­wa­re aus dem Kli­schee­bau­kas­ten“, der „gan­ze Un­ter­leibs­rin­gel­piez schreck­lich öde“. Die „Süd­deut­sche“ur­teil­te tro­cken: „Statt Wie­ner Schmäh gibt es fla­che Witze.“Nur der „Spie­gel“zog po­si­tiv Bi­lanz am En­de der ers­ten Staf­fel – die Se­rie sei „der Tri­umph ei­nes Hu­mors, der sich um Sub­ti­li­tät und fe­mi­nis­ti­sche Kor­rekt­heit nicht schert“. Und die Be­tei­lig­ten? Re­agier­ten mit Schmoll­mund und dem öden Aus­ruf „Die­se Feuille­to­nis­ten!“, an­statt sich über bei­des zu freu­en: die Mil­lio­nen­quo­te und die pfeff­ri­gen Kri­ti­ken, die amü­sant zu le­sen sind.

Auch wenn uns Gol­den-Glo­be-ge­schmück­te Se­ri­en­wa­re aus al­ler Welt seit Jah­ren be­weist, dass Un­ter­hal­tung und Mas­sen­ge­schmack zu­sam­men­ge­hen kön­nen, dass auch in­tel­li­gen­te Dia­lo­ge und fein ge­zeich­ne­te Cha­rak­te­re Mil­lio­nen vor die Fern­seh- oder Com­pu­ter­bild­schir­me lo­cken, gilt im deutsch­spra­chi­gen Raum of­fen­bar im­mer noch ein Ge­setz: Was die Mas­se in­ter­es­siert, muss flach sein. Kein Ori­gi­nal. Mo­ment, wol­len wir da sa­gen – und zu­nächst an frü­he­re Se­ri­en­er­fol­ge des ORF er­in­nern. Der heu­te zu Recht als Kult ge­lob­te „Ech­te Wie­ner“, der nicht un­ter­geht, wur­de 1975 bei sei­ner Erst­aus­strah­lung we­gen der der­ben Spra­che mas­siv kri­ti­siert, und auch der fast zwan­zig Jah­re spä­ter er­schie­ne­ne „Kai­ser­müh­len­blues“hat­te nicht aus­schließ­lich Fans. Die Dia­lo­ge wa­ren auch hier nicht im­mer bril­lant und in­tel­li­gent, ga­ben aber ziem­lich ge­nau wie­der, wie Herr und Frau Ös­ter­rei­cher leb­ten und dach­ten. Zu­dem wa­ren die­se bei­den Se­ri­en aus der Fe­der von Ernst Hin­ter­ber­ger ös­ter­rei­chi­sche Ori­gi­nal­wa­re, wes­halb sie auch so schnell zum Pu­bli­kums­hit wur­den. Das ist bei den „Vor­stadt­wei­bern“an­ders. Sie sind ge­woll­ter Ab­klatsch der US-Se­rie „De­spe­ra­te Hou­se­wi­ves“. Aber das ist viel­leicht so­gar ei­nes der Ge­heim­nis­se der Se­rie. Vie­le ha­ben das USVor­bild ge­se­hen, die ar­ti­fi­zi­el­le Wis­te­ria La­ne war dann aber doch zu weit weg vom ei­ge­nen Le­ben. Die Wie­ner Vor­stadt ist da schon nä­her. Egal, ob man sich als Teil der ab­ge­bil­de­ten Ge­sell­schaft sieht oder über die „G’sprit­zen“und „G’stopf­ten“vor­der­grün­dig lacht und sie hin­ter­rücks be­nei­det.

In ei­ner Sa­che muss man den Kri­ti­kern recht ge­ben: Sub­ti­ler Witz ist (bis auf Aus­nah­men) nicht die Stär­ke die­ser Se­rie. Hier wird mit Kli­schees ge­ar­bei­tet, so sehr, dass ei­nem das Ab­dre­hen in der ers­ten Staf­fel oft auf­ge­drängt wur­de. Dass die Se­rie trotz­dem funk­tio­niert, liegt vor al­lem an den Schau­spie­lern. Es sind sehr vie­le, und es sind ei­ni­ge Pu­bli­kums­lieb­lin­ge dar­un­ter, de­nen man mit­un­ter ver­zeiht, nicht in je­der Sze­ne das Bes­te zu ge­ben. Wer ein­mal das oh­ne­hin nicht so schwer zu durch­schau­en­de Be­zie­hungs­durch­ein­an­der ver­stan­den hat, will wis­sen, wie es wei­ter­geht. Zu­dem gibt es hier nie­man­den, den man ins Herz schlie­ßen kann, im Grun­de sind al­le Fi­gu­ren selbst­ge­rech­te Ar­sch­lö­cher, de­nen man gern beim Stol­pern und Schei­tern zu­sieht. Und das steht hier nur in die­ser Deut­lich­keit, weil sol­che Kraft­aus­drü­cke auch in der Se­rie fal­len. Er­folg­reich ist die Se­rie schließ­lich auch, das liegt auf der Hand, we­gen der frei­zü­gi­gen Art, über Sex zu spre­chen.

Um die­sen „Un­ter­leibs­rin­gel­piez“geht es gleich zu Be­ginn der neu­en Staf­fel. Die Ehe­leu­te Ca­ro (Martina Ebm) und Ha­dri­an Mel­zer (Bern­hard Schir) sit­zen bei der Se­xu­althe­ra­peu­tin (ei­ne von meh­re­ren neu­en Fi­gu­ren, die Ab­wechs­lung ver­spre­chen, ge­spielt von Ni­co­le Beutler). Ha­dri­an em­pört sich über die un­still­ba­re Lust sei­ner Frau: „Man kann doch auch ein­fach ein­mal ei­nen Abend fern­se­hen.“Sie: „Ja, vor dem Sex.“Als sie es gleich in der The­ra­pie­stun­de mit ihm ma­chen will, sagt er: „Hör auf, ich kann nicht zwei­mal hin­ter­ein­an­der.“Dumm nur, wenn die Ehe­frau beim ers­ten Mal nicht an­we­send war.

Sonst hat sich in der Dö­blin­ger Vor­stadt seit dem En­de der ers­ten Staf­fel vor ei­nem Jahr nicht viel ge­än­dert: Die fünf Vor­stadt­wei­ber sind – bis auf Ni­co­la (Ni­na Proll) – aus dem Ge­fäng­nis drau­ßen, aber zer­strit­ten. Und ja, das Brim­bo­ri­um um Tren­nun­gen, Be­trü­ge­rei­en, Schwan­ger- und Erb­schaf­ten ist noch im­mer vor­her­seh­bar, aber of­fen­bar so mensch­lich, dass es zieht.

ORF/ThomŻs RŻm­stor­fer

Die Kern­trup­pe ©er „Vor­stŻ©twei­ber“: Ger­ti DrŻssl, A©inŻ Vet­ter, MŻr­tinŻ Ebm, MŻ­riŻ Köst­lin­ger un© NinŻ Proll (v. l.).

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