Der fa­ta­le »Krieg ge­gen die Sub­ver­si­on«

Kei­ne Mi­li­tär­dik­ta­tur in Süd­ame­ri­ka war so bru­tal wie die ar­gen­ti­ni­sche Jun­ta, die vor 40 Jah­ren die Macht über­nahm. »Fein­de« wie lin­ke Grup­pen, aber auch Ho­mo­se­xu­el­le, Mus­li­me, Ju­den und Ein­wan­de­rer wur­den ver­folgt. Auch wenn das Land die Ver­ant­wort­li­che

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON ANDRE­AS FINK

Es war ein Mitt­woch im Spät­som­mer. Um ge­nau 3.10 Uhr in der Früh stürm­ten Uni­for­mier­te sämt­li­che Ra­dio- und TV-Sta­tio­nen Ar­gen­ti­ni­ens und lie­ßen ein Kom­mu­ni­que´ ver­le­sen: „Der Be­völ­ke­rung wird mit­ge­teilt, dass die­ses Land ab die­sem Tag un­ter der Kon­trol­le des Ge­ne­ral­stabs der Streit­kräf­te steht. Al­len Ein­woh­nern wird emp­foh­len, den Vor­schrif­ten und Auf­for­de­run­gen der Au­to­ri­tä­ten von Mi­li­tär, Si­cher­heits­diens­ten und Po­li­zei Fol­ge zu leis­ten und ins­be­son­de­re Ein­zel- oder Grup­pen­ak­tio­nen zu ver­mei­den, die ein dras­ti­sches Ein­grei­fen der Ein­satz­kräf­te er­for­dern könn­ten.“

Un­ter­schrie­ben war die­se ers­te von 31 Er­klä­run­gen je­nes Ta­ges von den Kom­man­deu­ren des Hee­res, der Ma­ri­ne und der Luft­waf­fe. Um sie­ben Uhr früh wur­de die Prä­si­den­tin, Ma­ria Es­te­la Mart´ınez de Pe­ron,´ fest­ge­nom­men und in ei­ne Re­si­denz in den An­den ver­bracht. Und in vie­len ar­gen­ti­ni­schen Haus­hal­ten wur­de tief durch­ge­at­met. End­lich Ru­he. Der Putsch war lan­ge er­war­tet und von nicht we­ni­gen her­bei­ge­sehnt wor­den in ei­nem Land im per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand. An­fang 1976 war Ar­gen­ti­ni­en die ein­zig üb­rig ge­blie­be­ne De­mo­kra­tie der Re­gi­on. Ge­ne­rä­le an der Macht. In Chi­le, Bo­li­vi­en, Pa­ra­gu­ay, Bra­si­li­en und Uru­gu­ay kom­man­dier­ten die Streit­kräf­te. Und wäh­rend die Mi­li­tär­ge­heim­diens­te in San­tia­go be­reits die „Ope­ra­ti­on Con-´ dor“de­fi­nier­ten, die grenz­über­schrei­tend al­len lin­ken Wi­der­stand in die­ser Welt­ge­gend aus­ra­die­ren soll­te, gin­gen in Bu­e­nos Ai­res, Cordo­ba´ und Ro­sa­rio bei­na­he täg­lich Bom­ben hoch. Das trotz­kis­ti­sche „re­vo­lu­tio­nä­re Volks­heer“ERP und die Mon­to­ne­ros, der lin­ke Flü­gel der pe­ro­nis­ti­schen Be­we­gung, woll­ten ih­ren ku­ba­ni­schen Ido­len nach­ei­fern und die Re­vo­lu­ti­on mit Waf­fen ins Werk set­zen. Bei­de Grup­pen ent­führ­ten Fir­men­chefs und er­schos­sen Si­cher­heits­kräf­te.

Die un­fä­hi­ge und mi­se­ra­bel be­ra­te­ne Prä­si­den­tin, einst Nacht­klub­sän­ge­rin und seit 1974 Wit­we des eins­ti­gen Volks­prä­si­den­ten Juan Do­m­in­go Pe­ron,´ ließ mit To­des­schwa­dro­nen Jagd auf Sub­ver­si­ve ma­chen. Die Wirt­schaft ver- sank in Re­zes­si­on, mas­si­ve Ab­wer­tun­gen pro­vo­zier­ten hef­ti­ge Pro­tes­te der Ge­werk­schaf­ten, die In­fla­ti­on er­reich­te drei­stel­li­ge Wer­te. Ar­gen­ti­ni­en war ein Pul­ver­fass. Aber es ex­plo­dier­te nicht, es im­plo­dier­te. Und das mit al­ler Ge­walt. WM-Ti­tel als ein­zi­ger Er­folg. „Pro­zess zur na­tio­na­len Re­or­ga­ni­sa­ti­on“nann­ten die Mi­li­tärs und ih­re zi­vi­len öko­no­mi­schen Be­ra­ter ih­re Mis­si­on. Kei­ne der süd­ame­ri­ka­ni­schen Mi­li­tär­dik­ta­tu­ren war bru­ta­ler, nie­der­träch­ti­ger und gie­ri­ger als die ar­gen­ti­ni­sche. Der ein­zi­ge Er­folg, den das Land in die­sen sie­ben­ein­halb Jah­ren fei­ern konn­te, war der Fuß­ball-Welt­meis­ter-Ti­tel bei der Heim-WM 1978. Doch selbst die­ser war ge­kauft, wie sich spä­ter her­aus­stell­te.

Mo­na­te­lang hat­ten Mi­li­tär­füh­rer wie Jor­ge Ra­fa­el Vi­de­la ih­ren Zu­griff ge­plant, sie woll­ten un­be­dingt si­cher­stel­len, im ge­sam­ten Ter­ri­to­ri­um ih­ren „Krieg ge­gen die Sub­ver­si­on“füh­ren zu kön­nen. Die Mi­li­tärs wa­ren ent­schlos­sen, mit ih­ren Mit­teln Ru­he zu schaf­fen, und sie wa­ren nicht be­reit für Kom­pro­mis­se. Der Gou­ver­neur der Pro­vinz Bu­e­nos Ai­res er­klär­te: „Erst wer­den wir die Sub­ver­si­ven eli­mi­nie­ren, dann ih­re Kom­pli­zen, dann die Sym­pa­thi­san­ten und dann die Gleich­gül­ti­gen und Feig­lin­ge.“

Ibe­ri­co´ Saint-Je­an ge­hör­te zu den Hard­li­nern, de­nen es nicht reich­te, den lin­ken Un­ter­grund zu ver­nich­ten. Die „Fal­ken“woll­ten das Land mo­ra­lisch neu grün­den. Da­bei war al­les su­spekt, was nicht christ­lich-eu­ro­päi­schem Er­be oder zu­min­dest die­ser Wel­t­an­schau­ung ent­sprach. Schwu­le, Mus­li­me und Ein­wan­de­rer aus den An­den­län­dern hass­ten und ver­folg­ten die Macht­ha­ber. Be­son­ders ge­jagt – und auch be­son­ders grau­sam ge­quält – wur­den Ju­den. Et­wa vier Pro­zent der Op­fer der Mi­li­tärs ge­hör­ten zu die­ser Be­völ­ke­rungs­grup­pe. Da­bei war we­ni­ger als ein Pro­zent al­ler Ar­gen­ti­ni­er jü­di­scher Her­kunft. In kei­nem Mo­ment ih­res „Krie- ges ge­gen die Sub­ver­si­on“er­wo­gen die Mi­li­tärs die An­wen­dung von rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en. Sie zähl­ten dar­auf, dass die vom jah­re­lan­gen Cha­os mür­be Be­völ­ke­rung schwei­gen und weg­se­hen wür­de – und sie hat­ten Recht. „No te me­tas!“,´ hieß das Leit­mo­tiv je­ner Jah­re. Misch dich nicht ein!

Nur we­ni­ge Aus­nah­men gab es, al­len vor­an die Müt­ter vie­ler Ver­schlepp­ter, die sich don­ners­tags auf der Pla­za de Mayo tra­fen, vor dem ro­sa­far­be­nen Re­gie­rungs­pa­last. Die Mi­li­tärs lie­ßen sie ge­wäh­ren, weil sie fälsch­li­cher­wei­se glaub­ten, die un­be­waff­ne­ten Frau­en könn­ten nicht ge­fähr­lich wer­den. Aber die Mär­sche der Müt­ter mit ih­ren wei­ßen Kopf­tü­chern wur­den in der Welt re­gis­triert und lös­ten in­ter­na­tio­na­len Druck auf die Macht­ha­ber aus. Die „Madres de la Pla­za de Mayo“mach­ten die Mi­li­tärs ab 1980 zu Pa­ri­as.

Von Tag eins an schwärm­ten die Kom­man­dos aus, um oh­ne Rich­ter­spruch Ver­däch­ti­ge zu grei­fen und in ei­nes der zu-

Es war al­les su­spekt, was nicht dem christ­lich-eu­ro­päi­schen Welt­bild ent­sprach.

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