Ge­schich­te

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Das ist der ers­te Vor­teil, wenn ein Au­tor sich da­für ent­schei­det, li­te­ra­risch Stadt­flucht zu be­ge­hen. Der zwei­te: Flo­ra und Fau­na, das wuss­ten schon die Ro­man­ti­ker, eig­nen sich her­vor­ra­gend als Me­ta­pher und Ku­lis­se: Vor der ge­wal­ti­gen Na­tur wirkt der Mensch noch klei­ner, vor blü­hen­den Wie­sen oder glei­ßen­den Gip­feln ist sein Glück grö­ßer, die Trau­er tie­fer. In Seet­ha­lers „Das gan­ze Le­ben“ist Früh­ling, der Schnee schmilzt, und die Schnä­bel der jun­gen Schwal­ben „lu­gen über den Ne­strand“– be­vor ei­ne La­wi­ne die ge­lieb­te Ma­rie un­ter sich be­gräbt.

Seet­ha­ler be­schreibt das Le­ben Andre­as Eg­gers über sie­ben Jahr­zehn­te hin­weg – zu Be­ginn ist das Tal, in dem er lebt und ster­ben wird, noch nicht ein­mal elek­trif­ziert. Am En­de ver­fügt das Dorf über ein Hal­len­bad, ei­nen Kur­gar­ten, ein Fe­ri­en­zen­trum. Na­tür­lich ver­än­dert sich auch die Stadt – aber am Land ist der Wan­del sicht­ba­rer, ge­wal­ti­ger, leich­ter be­nenn­bar: In Ju­li Zehs eben er­schie­ne­nem Ro­man „Un­ter­leu­ten“sind es die Wind­kraft­an­la­gen, die der Land­schaft und de­ren Be­woh­nern end­gül­tig die Un­schuld rau­ben. Was für ein selt­sam sanf­tes (al­ter­na­ti­ve Ener­gie!) und zu­gleich phal­li­sches Sym­bol der Ge­gen­wart. Das re­du­zier­te Per­so­nal. Aber auch aus ei­nem an­de­ren Grund las­sen sich ge­schicht­li­che Pro­zes­se in Dor­fro­ma­nen bes­ser er­zäh­len: Das Per­so­nal ist von vorn­her­ein re­du­ziert, das So­zi­al­ge­fü­ge ist kom­plex, aber nicht zu ver­wir­rend. So lässt sich an­hand der Dy­na­mik ei­nes Dor­fes treff­lich er­klä­ren, wie der ei­ne zum Sta­si-Spit­zel, der an­de­re zum An­ti-Kom­mu­nis­ten wur­de. Ein Rück­blick auf das vo­ri­ge Jahr­hun­dert ist fol­ge­rich­tig fast im­mer Teil der Er­zäh­lung – manch­mal so­gar ihr Kern: Im Mit­tel­punkt von Dör­te Han­sens „Al­tes Land“ste­hen drei Frau­en aus ver­schie­de­nen Ge­ne­ra­tio­nen: Mut­ter, Toch­ter und Nich­te. Die ei­ne ist aus Po­len ge­flo­hen und war nur kurz im Dorf zu­hau­se. Die zwei­te harrt aus, un­wil­lig. Die drit­te kehrt wie­der.

Und was ist nun mit dem Ge­gen­satz zwi­schen Stadt und Land? Auf wel­che Sei­te schla­gen sich die Au­to­ren? Wie mei­den sie die Fall­stri­cke? Ju­lie Zeh ta­riert von den ers­ten Sei­ten an Idyl­le und Schre­cken raf­fi­niert aus, da trifft bes­tia­li­scher Gestank auf die Schön­heit ei­ner Birn­baum­al­lee. Sa­saˇ Sta­ni­siˇc´ ver­legt sei­nen Ro­man in ein schrump­fen­des Dorf, das so we­nig at­trak­tiv ist, dass man als Post­kar­ten­mo­tiv die Eier­box des Ras­se­huhnZüch­ters Ditz­sche wählt. Ma­ja Ha­der­lap zeigt uns in „En­gel des Ver­ges­sens“die hei­le Welt aus Kin­der­au­gen – sie wird zer­stört, als das Mäd­chen äl­ter wird und ge­nau­er hin­schaut. Und Ro­bert Seet­ha­ler? Dör­te Han­sen?

Ein biss­chen alt­mo­di­sche Sehn­sucht nach Rück­zug und ei­nem Le­ben im Ein­klang mit der (rau­en) Na­tur darf wohl sein.

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