Al­ter Schmarrn? Al­lo­tria a` la Haydn!

»Zer­streu­te Sym­pho­nie« im Mu­sik­ver­ein

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WA LT E R W E I D R I N G E R

Wie zer­streut darf der Di­ri­gent sein? Gio­van­ni An­to­ni­ni tat am Pult von „Il Gi­ar­di­no Ar­mo­ni­co“mehr­fach so, als wür­de er nicht mehr wei­ter wis­sen – und zwar im­mer dann, wenn die Mu­sik im ers­ten Satz von Jo­seph Haydns Sym­pho­nie „Il dis­trat­to“(Hob. I:60) über zwölf Tak­te lang auf ei­nem re­pe­tier­ten Ak­kord fest­friert und da­bei im­mer lei­ser wird. Da griff er sich je­weils mit grüb­le­ri­scher Ges­te ans Kinn: Sor­ry, Fa­den ver­lo­ren! Er hät­te auch ein Ein­schla­fen vor­täu­schen kön­nen – dann wä­re der plötz­li­che For­tis­si­mo­schock des gan­zen Orches­ters nach den letz­ten, ru­hig at­men­den Drei­vier­tel­no­ten im Pia­nis­si­mo als er­schreck­tes Hoch­fah­ren aus dem Schlum­mer ver­ständ­lich ge­wor­den.

Für Haydn war das Stück 1803 schon ein „al­ter Schmarrn“, den frei­lich „Ihro Ma­jes­tät die Kay­se­rin . . . zu hö­ren ver­lan­gen trägt“: 30 Jah­re zu­vor hat­te er ei­ne Büh­nen­mu­sik für Je­anFran­cois¸ Regnards Ko­mö­die „Le Dis­trait“(„Der Zer­streu­te“) kom­po­niert. Es ist nicht ver­wun­der­lich, dass de­ren Po­pu­la­ri­tät in ih­rer vom Stück los­ge­lös­ten Gestalt als sechs­sät­zi­ge Sym­pho­nie Haydn spä­ter ein klei­ner Dorn im Au­ge war, weil sie sei­ner An­sicht nach von ge­wich­ti­ge­ren Wer­ken wie dem ka­pi­ta­len Dut­zend der „Lon­do­ner“ab­lenk­te. Ein Hö­he­punkt des Haydn-Zy­klus. Aber auch bald 250 Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung zählt der „al­te Schmarrn“zum Ori­gi­nells­ten und Über­ra­schends­ten der ge­sam­ten Klas­sik – und zwar des­halb, weil der Witz der Kom­po­si­ti­on auch bei Un­kennt­nis des Dra­mas er­hal­ten bleibt. Denn Haydn han­delt in sei­ner Mu­sik den mu­si­ka­li­schen Ge­pflo­gen­hei­ten der Zeit mit die­bi­schem Ver­gnü­gen zu­wi­der: als wür­de der Zer­streu­te stän­dig den Kon­text ver­ges­sen und Un­ver­ein­ba­res an­ein­an­der­fü­gen. Nun wur­de das Werk zu ei­nem Hö­he­punkt des zwei­ten Abends im von lan­ger Hand ge­plan­ten Zy­klus „Haydn 2032“. Bis zum Ju­bi­lä­ums­jahr wol­len ja An­to­ni­ni und sein „Gi­ar­di­no Ar­mo­ni­co“al­le Hayd­nSym­pho­ni­en in­ter­pre­tie­ren – nicht nur, aber auch im wun­der­bar in­ti­men Brahms­saal des Mu­sik­ver­eins.

Ty­pisch für Haydn, dass er im „Dis­trat­to“gleich­sam je­der Bil­dungs­grup­pe et­was bie­tet: Ei­ne Po­in­te wie das nach­träg­li­che ge­räusch­vol­le Stim­men der Vio­li­nen mit­ten im Fi­na­le ver­steht je­der; die vie­len Re­gel­ver­stö­ße me­tri­scher oder har­mo­ni­scher Art aber müs­sen, zu­mal für heu­ti­ge Oh­ren, schon sub­ti­ler, ex­klu­si­ver gel­ten: Ly­ri­sche Me­lo­di­en wer­den mit krie­ge­ri­schen Fan­fa­ren zu schrä­gen Phra­sen zu­sam­men­ge­stop­pelt, ein Gas­sen­hau­er wird in die fal­sche Takt­art ge­zwängt, das Pres­to sackt ein­mal un­ver­mit­telt von f-Moll nach Es-Dur ab, im Ad­a­gio ver­lo­re­ne Zeit muss plötz­lich hu­delnd auf­ge­holt wer­den . . .

Für die trans­pa­ren­te und zu­gleich ef­fekt­voll zu­ge­spitz­te, vom Di­ri­gen­ten auf das Leb­haf­tes­te an­ge­sta­chel­te Mu­si­zier­wei­se des „Gi­ar­di­no Ar­mo­ni­co“war das Stück er­war­tungs­ge­mäß ei­ne idea­le Spiel­wie­se. An­to­ni­nis hin­zu­ge­füg­te Gr­ü­bel­po­se, die sich frei­lich durch Wie­der­ho­lung prompt ab­nütz­te, mag im Ver­gleich da­zu über­trie­ben und ei­gent­lich un­nö­tig ge­we­sen sein. Dass er da­bei selbst in die Rol­le des Dis­trat­to schlüpf­te, ließ sich aber als Pen­dant zur ver­blüf­fen­den Iden­ti­fi­ka­ti­on Haydns mit sei­nem Prot­ago­nis­ten deu­ten: In der Durch­füh­rung des ers­ten Sat­zes glei­tet näm­lich so­gar er ei­nen wil­den Ab­schnitt lang in ein fal­sches Stück ab, sei­ne „Ab­schieds­sym­pho­nie“! Plötz­lich scheint al­so das Spiel auf die „rea­le“Ebe­ne des Kom-

Der Di­ri­gent schlüpf­te in die Rol­le des Dis­trat­to, so wie Haydn selbst das schon tat.

po­nis­ten über­zu­grei­fen – ein Clou, der in der Li­te­ra­tur an Haydns Zeit­ge­nos­sen Lau­rence Ster­ne ge­mahnt.

Er­hel­lend der Ver­gleich mit dem völ­lig an­de­ren, brei­ten­wirk­sam funk­tio­nie­ren­den mu­si­ka­li­schen Hu­mor von Do­me­ni­co Cima­ro­sas Opern­in­ter­mez­zo „Il ma­e­s­tro di cap­pel­la“: Da ahm­te Ba­ri­ton Ric­car­do No­va­ro mit Ope­ra-buf­fa-ge­mäß plap­pern­dem Par­lan­do Orches­ter­in­stru­men­te nach und „di­ri­gier­te“die klang­voll und mit Au­gen­zwin­kern spie­len­den „Gi­ar­di­no“So­lis­ten. In­tel­lek­tu­el­les Ver­gnü­gen bot da­nach frei­lich wie­der Haydn – durch das er­staun­li­che Kon­zept ei­ner Dur-Sym­pho­nie mit kräf­ti­ger Moll­schlag­sei­te (Hob. I:70), ge­spickt mit kon­tra­punk­ti­schen Kunst­stü­cken.

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