»Ich will nicht be­son­ders ernst sein«

Die Fo­to­gra­fin El­fie Se­mo­tan hat­te sie al­le vor der Lin­se: Künst­ler, Schau­spie­ler, Sport­ler. In ih­rer Au­to­bio­gra­fie »Ei­ne an­de­re Art von Schön­heit« blickt sie auf ih­re Tä­tig­keit, aber auch auf ihr Le­ben zwi­schen Wi­en, dem Bur­gen­land und New York zu­rück. E

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON DUYGU ÖZKAN

Kürz­lich wur­de als Pres­se­fo­to des Jah­res ein Schwarz-Weiß-Bild aus­ge­zeich­net, das ei­nen Flücht­ling zeigt. Er reicht sein Ba­by durch ei­nen St­a­chel­draht­zaun. Das Fo­to fasst wohl die gan­ze Flücht­lings­kri­se zu­sam­men: Gren­zen, Schick­sa­le, Krieg, Angst. Aber was muss ein Fo­to kön­nen, da­mit ei­ne Ge­schich­te oh­ne Text er­zählt wer­den kann? El­fie Se­mo­tan: Es wird im­mer ei­ne Ge­schich­te er­zählt, aber ob es die rich­ti­ge Ge­schich­te ist, das ist ja die Fra­ge. Je­des Fo­to ver­klärt auch den Mo­ment. Die­ses Pres­se­bild er­zählt uns al­les, weil wir so viel dar­über wis­sen, wir be­kom­men den Text von früh bis spät ge­lie­fert. Aber bei dem Fo­to von Ro­bert Ca­pa zum Bei­spiel, auf dem ein Mann die Ar­me aus­ein­an­der­wirft und das Ge­wehr fal­len lässt, wis­sen wir ganz we­nig über die Um­stän­de und wie graus­lich es rund­her­um war. Wenn ein Fo­to­graf die Um­stän­de nicht kennt, kann er auch die Ge­schich­te nie ganz er­zäh­len? Ich war vor ganz lan­ger Zeit in Pe­ru, da ha­be ich na­tür­lich auch an­ge­fan­gen, Men­schen zu fo­to­gra­fie­ren. Ir­gend­wann ha­be ich mir ge­dacht: „Nein, ich kann das jetzt nicht ma­chen. Ich muss, wenn ich sie wirk­lich fo­to­gra­fie­ren will, ein biss­chen blei­ben, ih­nen zu­min­dest mei­ne Zeit ge­ben und mich nä­her mit ih­ren Le­bens­um­stän­den be­fas­sen.“Ich kann nicht ein­fach schö­ne Fo­tos von ar­men Leu­ten ma­chen. Das zeigt nie das gan­ze Un­glück, das man oft zu ver­mit­teln ver­sucht. In Ih­rer neu­en Au­to­bio­gra­fie „Ei­ne an­de­re Art von Schön­heit“phi­lo­so­phie­ren Sie dar­über, ob ein Fo­to­graf je in der La­ge sein kön­ne, ei­nen na­tür­li­chen Mo­ment ein­zu­fan­gen. Denn al­lein sei­ne Prä­senz neh­me dem na­tür­li­chen Mo­ment das Na­tür­li­che weg. Das heißt wie­der­um, dass von „na­tür­li­chen Fo­tos“nie die Re­de sein kann. Ja, aber das macht nichts. Man muss nur wis­sen, dass es so ist. Ir­gend­et­was macht man si­cher an­ders, wenn ein Fo­to­graf da­sitzt, oder man macht es be­wusst nicht an­ders. Wenn fo­to­gra­fiert wird, wird auf ir­gend­ei­ne Wei­se auch kom­mu­ni­ziert. Ich selbst ha­be lie­ber ei­ne be­ob­ach­ten­de Rol­le, wenn ich je­man­den fo­to­gra­fie­re, et­wa in der Mo­de­fo­to­gra­fie. Die Per­son be­zieht sich dann nicht auf mich, son­dern ist mit sich selbst be­schäf­tigt. Trotz­dem kann ich nicht so tun, als ob ich nicht da wä­re. Sie sind seit Jahr­zehn­ten als Mo­de­fo­to­gra­fin tä­tig. Mo­de ist schnell­le­big, aber für Sie als Fo­to­gra­fin: Hat sich Ihr Blick durch die Lin­se ei­gent­lich ver­än­dert? Die Mo­de­fo­to­gra­fie hat sich sehr wei­ter­ent­wi­ckelt. Das war frü­her sim­pler, heu­te ist al­les viel­fäl­ti­ger, kom­pli­zier­ter. Frü­her war der Frau­en­typ uni­form, jetzt gibt es die ver­schie­dens­ten Ty­pen und Schön­hei­ten. Auch mein Blick hat sich ver­än­dert, ich hof­fe, dass ich et­was da­zu­ge­lernt ha­be. Mein vi­su­el­ler Zu­gang hat sich viel­leicht ver­fei­nert, ist aber wahr­schein­lich der­sel­be ge­blie­ben. Ich woll­te ja nie vor­der­grün­dig Mo­de fo­to­gra­fie­ren. Und wenn ich es ma­che, dann ma­che ich es als Zitat. Mir ist lie­ber, wenn ich die Per­so­nen mit ih­ren Mög­lich­kei­ten in den Vor­der­grund rü­cke. Oder et­was an­de­res dar­stel­le ne­ben der Mo­de. Sie ka­men im Wi­en der 1960er-Jah­re in die Mo­de­welt hin­ein, aber konn­te im Wi­en der 1960er über­haupt von Mo­de­welt ge­spro­chen wer­den? Nein, wirk­lich nicht. Es gab nur ein, zwei Pret-ˆa-`por­ter-Fir­men, und es war schreck­lich, was sie ge­macht ha­ben. An­sons­ten gab es nur fünf Hau­te-Cou­ture-Sa­lons, die von der Grö­ße und Be-

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wird El­fie Se­mo­tan in Wels ge­bo­ren. Sie heu­ert nach der Mo­de­schu­le in Wi­en bei der Mo­de­schöp­fe­rin Ger­trud Höchs­mann an, ehe sie nach Pa­ris zieht. Dort ar­bei­tet sie als Fo­to­mo­dell, spä­ter als ge­fei­er­te Fo­to­gra­fin. Sie ist für nam­haf­te Ma­ga­zi­ne wie „Vogue“, „El­le“, „Ma­rie Clai­re“oder „The New Yor­ker“tä­tig. Se­mo­tan war mit den Künst­lern Kurt Ko­cher­scheidt so­wie Mar­tin Kip­pen­ber­ger ver­hei­ra­tet, die bei­de früh ver­star­ben.

In ih­rer Au­to­bio­gra­fie

„Ei­ne an­de­re Art von Schön­heit“

(auf­ge­zeich­net von Ute Wol­tron. Brand­stät­ter Ver­lag, 240 S., 35 Euro) schreibt sie über ih­re Kind­heit, ih­re viel­schich­ti­ge Ar­beit so­wie ihr Fa­mi­li­en­le­ben. deu­tung her über­haupt nichts mit Hau­te Cou­ture zu tun hat­ten. Da­mals gab es ja schon die Häu­ser Cha­nel, Yves Saint Laurent oder Di­or. Die­se hat­ten in Pa­ris ei­ne ganz an­de­re Be­deu­tung und ha­ben sich ent­fal­tet. Wi­en hat sehr viel auf­ge­holt. In der Zwi­schen­zeit ha­ben wir vie­le jun­ge, sehr gu­te De­si­gner. Aber Wi­en ist kein Um­schlag­platz für Mo­de und Zei­tun­gen, die Mo­de fo­to­gra­fie­ren. Kann es gar nicht sein, da­für ist die Stadt zu klein. In den 1960er-Jah­ren sind vie­le Künst­ler aus ganz Eu­ro­pa nach Pa­ris ge­zo­gen. Sie auch. Ha­ben Sie dort ge­fun­den, wo­nach Sie ge­sucht ha­ben? Ja, ich woll­te in ei­ne Stadt, in der es mehr von dem gibt, was ich ma­chen woll­te, näm­lich Mo­de. Ich bin dann Fo­to­mo­dell ge­wor­den, das war ein­fach und schnell, um Geld zu ver­die­nen. Ich ha­be gut ver­dient und ge­se­hen, wie in Mo­de­häu­sern ge­ar­bei­tet wird. Es ist un­glaub­lich an­stren­gend, De­si­gner zu sein. Man muss im Jahr zwei Kol­lek­tio­nen ent­wer­fen, Stof­fe aus­su­chen, sich um die Shows küm­mern, um die Mu­sik usw. Man hat ei­gent­lich fast nie Zeit. Mir hat die Fo­to­gra­fie bes­ser ge­passt. Da konn­te ich al­lein ar­bei­ten. Der Fo­to­graf, ein klas­si­scher Ein­zel­gän­ger? Man braucht schon gu­te Leu­te, mit de­nen man die Ide­en durch­füh­ren kann, aber de­ren Zahl ist li­mi­tiert. Als Fo­to­graf kann man auch oh­ne As­sis­ten­ten et­was ma­chen, auch wenn sich die As­sis­ten­ten­schar stei­gern lässt . . . Als Fo­to­gra­fin ha­ben Sie Auf­trä­ge auch ein­mal ab­ge­lehnt . . . Ich ha­be ver­sucht, kon­se­quent zu sein. Manch­mal ist das, was von mir ver­langt wur­de, ge­gen mei­ne gan­zen Über­zeu­gun­gen ge­gan­gen. Bei der Wer­bung zum Bei­spiel ha­be ich das Ge­fühl, dass es nicht um ein gu­tes Fo­to geht, son­dern nur dar­um, et­was zu ver­kau­fen. Ich will das nicht ver­dam­men, aber es in­ter­es­siert mich nicht wirk­lich. Ich möch­te auch kei­ne Leu­te in ir­gend­wel­chen ei­gen­ar­ti­gen Po­sen fo­to­gra­fie­ren, das ist mir pein­lich für sie. Zu­rück zu Ih­rem Buch. Wenn man Er­in­ne­run­gen nie­der­schreibt, ist das oft auch ein Ab­schluss mit ir­gend­et­was. Hat Sie die­ses Ge­fühl an­ge­trie­ben? Nein, so se­he ich das nicht. Für mich ist es kein Ab­schluss. Ich glau­be, im Lau­fe der Zeit sieht man Din­ge aus ver­schie­de­nen Ge­sichts­punk­ten. Din­ge, über die man sich mit 20 wahn­sin­nig auf­ge­regt hat, sieht man mit 35 an­ders, mit 50 dann noch ein­mal an­ders. Das, was pas­siert ist, ver­än­dert sich ja nicht, man in­ter­pre­tiert es nur an­ders. Sie ge­ben sehr per­sön­li­che Ein­bli­cke, et­wa über ih­re Ehe­män­ner, Kurt Ko­cher­scheidt und Mar­tin Kip­pen­ber­ger. Hat der frü­he Tod der bei­den Sie in Ih­rem Schaf­fen ge­prägt? Ich weiß gar nicht, ob man das auf­ein­an­der be­zie­hen kann. Wäh­rend der Ar­beit fin­det im­mer ein Lern­pro­zess statt, der durch sol­che Er­eig­nis­se be­schleu­nigt oder un­ter­bro­chen wer­den kann. Mei­ner ist zeit­wei­se si­cher un­ter­bro­chen wor­den. Wo­bei ich nicht weiß, was ich da für ein Wort ver­wen­den kann. Viel­leicht wird man ge­nau­er? Ernst­haf­ter eher nicht. Ich ha­be mir vor­ge­nom­men, nicht be­son­ders ernst zu sein, im Ge­gen­teil. Man will des­we­gen nicht auf­hö­ren zu le­ben. Ich wür­de aber nicht sa­gen, dass es mei­ne Ar­beit an sich be­ein­flusst hat. Es hat sich viel­leicht mei­ne Sicht auf mei­ne Um­ge­bung, auf die Per­so­nen, auf Wi­en ver­än­dert. Ich ha­be be­schlos­sen, weg­zu­ge­hen. Denn das, was hier gut, schön und wich­tig war, das gab es nicht mehr. . . . was Sie von Ins­ta­gram hal­ten? Ich be­die­ne mich die­ser Ein­rich­tung nicht. . . . wel­che In­stink­te man als Fo­to­gra­fin ent­wi­ckelt? Ent­wi­ckelt ha­be ich si­cher die Fä­hig­keit, zu kom­mu­ni­zie­ren. Ich ha­be auch ge­lernt, ge­dul­dig im Um­gang mit der Per­son zu sein, die ich fo­to­gra­fie­re. Ich bin in Wirk­lich­keit wahn­sin­nig un­ge­dul­dig. Aber bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten ist das gar nicht gut . . . . . . ob ein Por­trät­fo­to als flüch­ti­ge Mo­ment­auf­nah­me wirk­lich den Cha­rak­ter des Ab­ge­bil­de­ten wi­der­spie­geln kann? Ich glau­be schon. Den­ken Sie an die Bil­der von Au­gust San­der, der Ver­tre­ter un­ter­schied­li­cher Be­rufs­grup­pen fo­to­gra­fiert hat . . . Man kann se­hen, ob je­mand ein sanft­mü­ti­ger Mensch ist, selbst­be­wusst usw. Na­tür­lich er­fährt man nicht je­de ge­hei­me Ei­gen­schaft, aber man be­kommt ei­nen ganz gu­ten Ein­druck von der Per­son. Ich ha­be an­ge­fan­gen, nach New York zu flie­gen, als der Kurt ge­stor­ben ist. Da bin ich noch hin- und her­ge­pen­delt. Nach­dem auch Mar­tin starb, bin ich viel öf­ter ge­flo­gen. Vor­her war mein Sohn Au­gust 13, 14 Jah­re alt, ihn woll­te ich auch nicht viel al­lein las­sen. Wenn Sie zu­rück­bli­cken: Mit wem ha­ben Sie be­son­ders gern ge­ar­bei­tet? Be­ni­cio del To­ro ist of­fen­sicht­lich mein Lieb­ling, es war ein­fach groß­ar­tig, ihn zu fo­to­gra­fie­ren. Er war mir sehr sym­pa­thisch. Und Ray­mond Pet­ti­bon, er ist ein ge­nia­ler Künst­ler. Die ke­nia­ni­sche Leicht­ath­le­tin Te­g­la Lo­rou­pe hat mich un­glaub­lich be­ein­druckt. Sie war so klein und schmäch­tig, und sie hat mir er­zählt, dass sie ih­re Fa­mi­lie sel­ten be­su­chen kön­ne. Dort kön­ne sie nicht trai­nie­ren, son­dern müs­se im Feld ar­bei­ten. Sie konn­te sich in ih­rer Um­ge­bung nicht weh­ren, muss­te tun, was der Va­ter sag­te. Mit ihr ha­be ich zum ers­ten Mal die Ohn­macht der Frau­en wahr­ge­nom­men. Ma­ria Lass­nig war auch ge­ni­al. Wir ha­ben uns ge­ei­nigt, dass sie be­stimm­te Po­si­tio­nen ein­nimmt, wie sie sich sel­ber ma­len wür­de. Die Fo­tos sind sehr spe­zi­ell ge­wor­den, aber sie hat mich, glau­be ich, zwei Jah­re lang für die Bil­der ge­hasst. Erst spä­ter hat sie sie gut ge­fun­den. Das ist un­ge­fähr die Zeit, die man braucht, um dar­über hin­weg­zu­kom­men, dass man doch nicht so aus­schaut, wie man sich das wünscht. Ha­ben Sie das öf­ter er­lebt, dass die Leu­te in­di­gniert wa­ren? Nicht wirk­lich, meis­tens hat es ih­nen ganz gut ge­fal­len. Aber ich ha­be gro­ßes Ver­ständ­nis da­für, weil ich mir auf Fo­tos auch nie ge­fal­le. Das Ge­fühl, dass man nicht so dar­ge­stellt wird, wie man sich sieht, ist aber ein all­ge­mei­nes Phä­no­men, wür­de ich sa­gen.

Au­gust Ko­cher­scheidt

Als Fo­to­gra­fin ha­be sie ge­lernt, ge­dul­dig zu sein, sagt El­fie Se­mo­tan.

Sie ha­ben dann mehr Zeit in New York ver­bracht.

Mitt­ler­wei­le soll es ja nicht mehr so arg schlimm sein . . .

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