FAK­TEN

Seit lan­ger Zeit schon neh­men Be­hör­den Bau­ern zwangs­wei­se ih­re Grün­de und ver­tei­len sie neu – da­mit die­se mög­lichst ef­fi­zi­ent pro­du­zie­ren. In Nie­der­ös­ter­reich wehrt sich ei­ne Grup­pe Land­wir­te ge­gen die „Be­vor­mun­dung durch den Staat“.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON ANDRE­AS WETZ

Der raue Charme des Wald­vier­tels ist im Lauf der ver­gan­ge­nen Jah­re fast ein we­nig chic ge­wor­den. Städ­ter, die die Wir­kung von Käl­te, Hit­ze, Re­gen und Wind häu­fig nur noch durch die Fens­ter kli­ma­ti­sier­ter Bü­ros ken­nen, ent­de­cken ih­re Lie­be zur nörd­li­chen Rand­re­gi­on Nie­der­ös­ter­reichs, um ei­ne knappe St­un­de Au­to­fahrt von Wi­en ent­fernt im Gar­ten des Wo­chen­end­hau­ses den Dreck un­ter den Fin­ger­nä­geln zu spü­ren. Die neu ent­deck­te Landliebe bringt auch Auf­merk­sam­keit in die ver­schla­fe­ne Re­gi­on. Auf­merk­sam­keit, die ei­ni­ge Bau­ern für ih­re Zwe­cke nut­zen wol­len.

Denn ir­gend­wie kommt Ger­hard Al­lin­ger nicht mehr wei­ter. Ge­mein­sam mit ei­ner Grup­pe an­de­rer Bau­ern wehrt sich der ge­lern­te Tech­ni­ker seit fünf Jah­ren ge­gen die Plä­ne der Agrar­be­hör­de des Lan­des. Sie will ihm sei­ne Acker­flä­chen weg­neh­men, sie mit an­de­ren Grund­stü­cken zu­sam­men­le­gen, in­ner­halb der be­trof­fe­nen Re­gi­on die Gren­zen der Par­zel­len neu zie­hen und am En­de neue, grö­ße­re, zu­sam­men­hän­gen­de Fel­der zu­tei­len. Auf Bo­den, der vor­her wo­mög­lich ei­nem ganz an­de­ren ge­hör­te. Wo­zu das Gan­ze gut sein soll?

„Die Be­hör­de glaubt, aus mei­nem und an­de­ren Be­trie­ben land­wirt­schaft­li­che In­dus­trie­un­ter­neh­men ma­chen zu müs­sen“, wet­tert der 52-Jäh­ri­ge. Zu klein­räu­mig, zu zer­streut und da­durch in­ef­fi­zi­ent sei sei­ne 24 Hekt­ar um­fas­sen­de Acker­flä­che, die auf zahl­rei­che Par­zel­len ver­teilt ist. Da­her müs­se zu­sam­men­ge­legt, flur­be­rei­nigt, auf Alt­ös­ter­rei­chisch kom­mas­siert wer­den. Da­mit die neu ge­ord­ne­ten Fel­der aus­rei­chend groß sind, um sie mit mo­der­nen Ma­schi­nen mög­lichst wirt­schaft­lich be­ar­bei­ten zu kön­nen. Die Gr­und­zu­sam­men­le­gung und Neu­zie­hung der Gren­zen pas­siert je­doch laut Flur­ver­fas­sungs­ge­setz auch dann, wenn das ein vom Ver­fah­ren Be­trof­fe­ner nicht will. Al­lin­ger ist so ein Un­wil­li­ger. Aus gu­tem Grund, wie er meint.

Den Be­trieb mit Vieh­hal­tung hat Al­lin­ger von den El­tern über­nom­men, er­zählt er in der Stu­be sei­nes Ho­fes in

Das Flur­ver­fas­sungs­ge­setz

re­gelt die Zu­sam­men­le­gung von Grund­stü­cken und die Neu­zie­hung der Gren­zen. Die neu ge­ord­ne­ten Fel­der sol­len aus­rei­chend groß sein, um sie mit mo­der­nen Ma­schi­nen mög­lichst wirt­schaft­lich be­ar­bei­ten zu kön­nen.

Be­trof­fe­ne

ha­ben for­mal die Mög­lich­keit, An­trä­ge zur Aus­schei­dung ih­rer Grund­stü­cke zu stel­len. Prak­tisch er­teilt die Be­hör­de oft Ab­sa­gen, weil die Grund­stü­cke für das Ge­samt­pro­jekt un­ab­kömm­lich sei­en.

Ge­ra­de im Wald­vier­tel

se­hen vie­le Bau­ern die Neu­struk­tu­rie­rung skep­tisch – aus Grün­den der Um­welt, der Wirt­schaft­lich­keit und auch der Un­ab­hän­gig­keit. der klei­nen Ort­schaft Mo­ni­holz. Über die Jah­re hin­weg steck­te er ei­ni­ges an Geld in Er­wei­te­run­gen. Zu­sätz­li­che Fut­ter­wie­sen wur­den ge­kauft oder da­zu­ge­pach­tet, neue Ma­schi­nen an­ge­schafft. „Jetzt, nach all der Ar­beit, da ich den Hof end­lich so ha­be, wie ich mir das im­mer vor­ge­stellt ha­be, kommt die Be­hör­de und sagt: ,Du wirt­schaf­test nicht rich­tig, musst des­halb dei­nen Grund­be­sitz ab­ge­ben und er­hältst da­für neu­en.‘ Das ist doch Pl­an­wirt­schaft, Be­vor­mun­dung durch den Staat.“

2011 be­gann die Agrar­be­zirks­be­hör­de in Mo­ni­holz mit der Zu­sam­men­le­gung. Ins­ge­samt geht es um et­wa 400 Hekt­ar, auf de­nen das Land die Grund­gren­zen neu zie­hen will, neue We­ge, Rück­hal­te­be­cken für aus­ge­schwemm­ten Hu­mus und Ent­wäs­se­run­gen baut. For­mal ha­ben Be­trof­fe­ne die Mög­lich­keit, An­trä­ge zur Aus­schei­dung ih­rer Grund­stü­cke zu stel­len. Prak­tisch sagt die Be­hör­de je­doch fast im­mer: Das geht nicht, weil aus­ge­rech­net die­ses oder je­nes Grund­stück für das Ge­samt­pro­jekt un­ab­kömm­lich sei. Kein Kon­zept. Im Fall Al­lin­ger (und neun wei­te­ren) er­folg­te das Nein je­doch der­art pau­schal und un­be­grün­det, dass das Lan­des­ver­wal­tungs­ge­richt der Be­hör­de – ge­lin­de ge­sagt – ei­ne Kopf­wä­sche er­teil­te. Dem­nach la­gen kein Kon­zept und kei­ne schlüs­si­ge Be­grün­dung da­für vor, war­um die Grund­stü­cke von Al­lin­ger und sei­nen Mit­strei­tern un­ab­kömm­lich sei­en. Nach fünf Jah­ren Streit trug der Rich­ter­se­nat dem Amt in zehn gleich lau­ten­den Be­schlüs­sen auf, von vorn zu be­gin­nen.

Über Sinn und Un­sinn von Zu­sam­men­le­gun­gen gibt es ge­ra­de im Wald­vier­tel un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen. Diet­mar Hipp zum Bei­spiel sieht dar­in eher den Fort­schritt. Er ist nicht nur Land­wirt, son­dern als Ob­mann der Be­zirks­bau­ern­kam­mer Zwettl auch der ört­li­che In­ter­es­sen­ver­tre­ter. Ge­ra­de im Wald­vier­tel, er­zählt er, sei­en im­mer mehr Flä­chen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in den Be­sitz land­wirt­schafts­fer­ner Ei­gen­tü­mer ge­ra­ten. „Da­her ist es sinn­voll, die vie­len ver­streu­ten Kleinst­flä­chen zu grö­ße­ren Ein­hei­ten zu­sam­men­zu­fas­sen.“Schließ­lich ar­bei­te hier heute nie­mand mehr mit ei­nem Och­sen­ge­spann.

Bei den Bau­ern von Mo­ni­holz steigt bei die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on spür­bar der Blut­druck. Ge­mein­sam se­hen sich die Al­lin­gers, Scheichls, Mül­lers und Haf­ners als Frei­heits­kämp­fer für ih­ren Stand. Ei­ni­ge Ki­lo­me­ter nörd­lich von Zwettl, in Groß Glob­nitz, ha­ben sie mit den Bio­pio­nie­ren vom Kargl-Hof, den Alt­bau­ern Hans und Ma­ria Kargl so­wie der Jung­che­fin Li­sa, wei­te­re Ver­bün­de­te ge­fun­den. Denn auch in Groß Glob­nitz will die Be­hör­de die Gren­zen neu zie­hen. Und be­kam es zu­letzt mit wü­ten­den Bür­gern zu tun. Die Kargls müss­ten näm­lich Acker­flä­chen ab­ge­ben, die sie seit 35 Jah­ren bio­lo­gisch auf­ge­baut ha­ben. Ih­re bis­he­ri­ge Ar­beit wä­re ver­lo­ren. Das stört vor al­lem die Käu­fer ih­res Bio-Ge­mü­se­kistl. In­zwi­schen ha­ben 7343 Per­so­nen ei­ne Online-Pe­ti­ti­on ge­gen die Gr­und­zu­sam­men­le­gung un­ter­schrie­ben.

Doch den Kom­mas­sie­rungs­geg­nern geht es um mehr. „Die­se Ver­fah­ren sol­len uns in die Abhängigkeit der Agrar­kon­zer­ne trei­ben“, sagt Hans Kargl in­mit­ten sei­nes Ho­fes, des­sen Ge­bäu­de und Grün­de sich seit über 200 Jah­ren in Fa­mi­li­en­be­sitz be­fin­den. Sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­ons­ket­te klingt vi­el­leicht ex­trem, von der Hand zu wei­sen ist sie je­doch nicht. Gro­ße Fel­der oh­ne die für das Wald­vier­tel ty­pi­schen Be­gren­zun­gen (Rei­ne) för­dern näm­lich un­wei­ger­lich Ero­si­on durch Wind und Re­gen. Der weg­ge­spül­te Hu­mus er­for­dert je­doch künst­li­che Be­ar­bei­tung des ver­blei­ben­den Bo­dens. Die Bau­ern müs­sen Dün­ger, Pflan­zen­schutz­mit­tel und Ma­schi­nen der Kon­zer­ne kau­fen. Am En­de rei­che es auch mit För­de­run­gen oft nicht zum Über­le­ben. Dann kom­me schließ­lich ein Groß­bau­er, ei­ne Ge­nos­sen­schaft, oder wer auch im­mer, und kau­fe die einst in Streu­be­sitz be­find­li­chen Flä­chen auf, so Kargls Schluss. Un­ab­hän­gig­keit. Ganz ne­ben­bei wer­de die ty­pi­sche Land­schaft der Re­gi­on zer­stört. „Un­ab­hän­gig­keit von Staat und Kon­zer­nen ist aber wich­tig“, sagt Kargl. Das ver­ges­se man in Frie­dens­zei­ten nur all­zu schnell. Un­ab­hän­gig­keit, die vie­le Ei­gen­tü­mer im Zu­ge von Gr­und­zu­sam­men­le­gun­gen je­doch auf­ge­ben müss­ten. In Groß Glob­nitz plant dem­nach ein Vier­tel al­ler Ei­gen­tü­mer, im Zu­ge des Ver­fah­rens ih­re Fel­der zu ver­kau­fen, weil sie sie heute schon nur noch ver­pach­ten. „Es ist nicht gut für ei­ne Ge­sell­schaft, wenn sich Ei­gen­tum im­mer mehr auf ei­ni­ge we­ni­ge kon­zen­triert.“Wer Grund­stücks­gren­zen op­ti­mie­ren, sei­ne Flä­chen ver­grö­ßern will, der kön­ne das auch privat und oh­ne Be­hör­den tun.

Da­bei be­zwei­felt man in den Wi­der­stands­nes­tern des Wald­vier­tels of­fen, dass die Ver­fah­ren ge­ra­de in die­ser Re­gi­on die Land­wirt­schaft wirt­schaft­li­cher ma­chen. In Mo­ni­holz wür­den durch die Neu­ord­nung bis zu 20 der 400 Hekt­ar Ver­fah­rens­flä­che ver­lo­ren ge­hen, weil et­wa die zu­sätz­lich nö­ti­gen neun Ki­lo­me­ter Gü­ter­we­ge, Öko­lo­gi­sie­rungs­maß­nah­men, Rück­hal­te­be­cken und künst­li­chen Ent­wäs­se­run­gen na­tür­lich auch Platz brau­chen. Und Geld kos­ten, das die Ei­gen­tü­mer oben­drein selbst auf­brin­gen müs­sen. Al­lein das neue We­ge­netz, er­zählt Andre­as Haf­ner, der die Bau­ern aus Mo­ni­holz ju­ris­tisch un­ter­stützt, wür­de 900.000 Eu­ro kos­ten.

Zu klein­räu­mig, zu zer­streut und da­durch in­ef­fi­zi­ent sei sei­ne Acker­flä­che. Ge­mein­sam se­hen sich die Bau­ern als Frei­heits­kämp­fer für ih­ren Stand.

Zu­min­dest den Be­am­ten der Be­hör­den sind frei­lich die Hän­de ge­bun­den. Sie sind ver­pflich­tet, tä­tig zu wer­den, so­bald nach An­sicht ei­nes Sach­ver­stän­di­gen un­güns­ti­ge Grund­stücks­struk­tu­ren vor­lie­gen. Ei­ne Zwick­müh­le, die die Lan­des­re­gie­rung al­ler­dings auch nicht auf­lö­sen will. Der ver­ant­wort­li­che Agrar­lan­des­rat, Ste­phan Pern­kopf, sieht kei­nen Grund, am Lan­des­ge­setz et­was zu än­dern oder auf Bun­des­ebe­ne an­zu­re­gen, das den Rah­men ge­ben­de Grund­satz­ge­setz aus dem Jahr 1951 an­zu­pas­sen, denn: Nur mit sol­chen Ver­fah­ren sei es der­zeit mög­lich, „Män­gel in der Agrar­struk­tur zu be­sei­ti­gen, um letzt­lich auch land­wirt­schaft­li­che Ar­beits­plät­ze im länd­li­chen Raum zu er­hal­ten“.

Die Agrar­be­zirks­be­hör­de hat nun An­fang März den be­trof­fe­nen Bau­ern ei­nen ers­ten Ent­wurf ge­schickt, wie sie sich die Fel­der rund um Mo­ni­holz künf­tig vor­stellt. Die Chan­ce, dass Ger­hard Al­lin­ger die Fut­ter­wie­sen für sei­ne Kü­he be­hal­ten darf, ist ge­ring. Ge­mein­sam mit sei­nen Mit­strei­tern hofft er nun auf den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof. Stark ver­ein­facht ge­sagt drän­gen die Bau­ern dar­auf, dort ein Ver­fah­ren über ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung zu er­wir­ken. Die Bau­ern sind näm­lich der Mei­nung, dass Flur­be­rei­ni­gun­gen schon seit lan­ger Zeit der Agrar­po­li­tik der EU wi­der­spre­chen.

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