FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Österreich -

Man soll hier, im his­to­ri­schen Ambiente der Schal­la­burg, de­ren äl­tes­te Tei­le aus dem 11. Jahr­hun­dert stam­men, nun al­so nach sehr mo­der­nen Din­gen Aus­schau hal­ten: Grü­nen Krei­sen auf dem Bo­den und bunt ge­streif­ten Lie­ge­stüh­len. In Letz­te­ren kann man, wenn man möch­te, Platz neh­men, und die Num­mer, die man auf dem Kreis fin­det, in sein Ta­blet oder Han­dy ein­ge­ben. Und zu­hö­ren.

Denn an­no 2016 sieht ein Rund­gang durch das Re­nais­sance­schloss – mit we­sent­lich äl­te­ren Tei­len wie der mit­tel­al­ter­li­chen Wohn­burg – so aus: An 18 Stand­or­ten im Schloss, im Ar­ka­den­hof oder auch im Schloss­gar­ten, be­kommt man über die (kos­ten­lo­se) App auf sei­nem Han­dy oder Ta­blet Burg­ge­schich­ten er­zählt. Ei­ne fi­xe Rei­hen­fol­ge gibt es da­bei nicht. Wer et­wa – vom neu­en Kas­sa­ge­bäu­de gleich un­ten beim Park­platz – die we­ni­gen Me­ter hin­auf zum Schloss spa­ziert und zu­erst in den Gar­ten ab­biegt, kann die ent­spre­chen­de Num­mer 115 ein­ge­ben. Via App hört man ei­ner der Gärt­ne­rin­nen der An­la­ge da­bei zu, wie sie ih­re Ar­beit be­schreibt.

Die Be­die­nung der App ist ein­fach – auch we­nig tech­ni­kaf­fi­ne Be­su­cher soll­ten mit der Hand­ha­bung kei­ne gro­ßen Pro­ble­me ha­ben. Gärt­ne­rin Jo­han­na Mo­ser in­for­miert über das zehn mal zehn Me­ter gro­ße Re­nais­sance­beet, das an­ge­legt wur­de, um den Be­su­chern zu zei­gen, wie der Gar­ten in der Re­nais­sance­zeit aus­ge­se­hen ha­ben könn­te. Die He­cken, er­zählt Mo­ser am Ta­blet (Kopf­hö­rer sind emp­feh­lens­wert, man hört aber auch oh­ne aus­rei­chend), sind ma­xi­mal ei­ne Hand hoch und ei­ne Hand breit, für heu­ti­ge Ge­wohn­hei­ten al­so sehr nied­rig.

Der His­to­ri­ker Jo­han­nes Kritzl, dem man auf die­sem akus­ti­schen Rund­gang via App noch mehr­mals be­geg­nen wird, er­läu­tert, dass die Aus­wahl der Pflan­zen „das ade­li­ge Re­prä­sen­ta­ti­ons­be­dürf­nis“wi­der­spieg­le: „Be­son­ders ge­schätzt wa­ren exo­ti­sche Pflan­zen, mit de­nen man be­ein­dru­cken konn­te.“Ne­ben Tul­pen wa­ren das et­wa Erd­äp­fel und Pa­ra­dei­ser, die aber nicht als Nah­rung an­ge­baut, son­dern we­gen ih­res fremd­län­di­schen Cha­rak­ters ge­schätzt wur­den. Ei­ne Kar­te auf der App zeigt da­bei, wel­che Pflan­zen­ar­ten nach wel­chem Mus­ter im Beet an­ge­legt wur­den – sehr in­for­ma­tiv, ge­ra­de jetzt, da hier noch we­nig blüht. Je©er­zeit PŻu­se mŻchen. Beim im­po­san­ten Hoch­turm im Schlossare­al be­rich­tet ein Spre­cher als Schloss­herr Jo­hann Wil­helm von Stubenberg (1641 bis 1660) von sei­nen Pro­ble­men: „Mir feh­len zur­zeit die fi­nan­zi­el­len Mit­tel, um so ei­ne rie­si­ge Burg wie die Schal­la­burg zu er­hal­ten. Die Herr­schaft wirft zu we­nig ab, um die­ses un­glaub­li­che Ge­bäu­de und un­se­ren Le­bens­stil zu fi­nan­zie­ren.“Tat­säch­lich war Stubenberg nicht der ein­zi­ge Schloss­herr, den wirt­schaft­li­che Sor­gen plag­ten. Im­mer wie­der war die Schal­la­burg in ih­rer 900 Jah­re lan­gen Ge­schich­te in Tur­bu­len­zen – was ein Mit­grund ge­we­sen sein dürf­te, wie­so so vie­le al­te Tei­le nach wie vor er­hal­ten sind: Den Schloss­her­ren könn­te sch­licht das Geld ge­fehlt ha­ben, um sie ab­zu­rei­ßen und durch (teu­re) neue Bau­ten zu er­set­zen.

An­ders als bei nor­ma­len Füh­run­gen kann man mit der App je­der­zeit ei­ne Pau­se ma­chen, man­ches noch­mal an­hö­ren – oder auch ab­bre­chen, wenn ei­nen ei­ne Ge­schich­te we­ni­ger in­ter­es­siert. Die Er­zäh­ler – manch­mal zeit­ge-

Vor 1100

dürf­te die Schal­la­burg ent­stan­den sein.

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wur­de sie als „Fes­te Scha­la“erst­mals ur­kund­lich er­wähnt.

Seit 1967

ge­hört sie dem Land Nie­der­ös­ter­reich, mitt­ler­wei­le wird sie von der Schal­la­burg Kul­tur­be­triebs­ges.m.b.H. be­trie­ben. nös­si­sche His­to­ri­ker, manch­mal lei­hen Spre­cher his­to­ri­schen Fi­gu­ren ih­re Stim­me – sind da­bei recht ab­wechs­lungs­reich: Auch wenn man kei­ner „ech­ten“Per­son zu­hört, hat man nicht un­be­dingt den Ein­druck ei­nes un­per­sön­li­chen Rund­gangs.

Wer den­noch lie­ber mit ech­ten Men­schen kom­mu­ni­ziert, kann sich ei­ner klas­si­schen Burg­füh­rung an­schlie­ßen, die es – na­tür­lich – nach wie vor gibt. Oder – auch das ist Teil des neu­en Kon­zepts der Schal­la­burg – ein­fach ei­nen Mit­ar­bei­ter des Schlos­ses aus­fra­gen, wie Stand­ort­lei­ter Pe­ter Fritz sagt. Fritz hat fast al­le Hin­weis­ta­feln, den Klas­si­ker der Wis­sens­ver­mitt­lung, ab­mon­tie­ren las­sen. Die Idee hin­ter der Neu­aus­rich­tung ist – auch wenn das Wort ab­ge­grif­fen klingt –, die Schal­la­burg als Er­leb­nis­raum zu in­sze­nie­ren, den man nicht nur we­gen der je­weils ak­tu­el­len Aus­stel­lung be­sucht – für die die Schal­la­burg, seit 1967 im Be­sitz des Lan­des Nie­der­ös­ter­reich – vor al­lem be­kannt ist. Viel­mehr sol­len nun das Schloss selbst, der Gar­ten, auch die Um­ge­bung – vom Schloss aus las­sen sich zahl­rei­che Wan­de­run­gen un­ter­neh­men – stär­ker ge­nutzt wer­den. Hel­fen da­bei soll die güns­ti­ge Jah­res­kar­te, die es zum Preis ei­ner Ta­ges­kar­te (elf Eu­ro) gibt. Die Schal­la­burg ist per Au­to oder auch per Bus (von Melk aus) gut er­reich­bar. Sport­li­che wan­dern über­haupt – gu­te 2,5 St­un­den – aus Melk hier­her.

Cle­mens Fa­b­ry

Der Ar­ka­den­hof der Schal­la­burg mit den Ter­ra­kot­ta­skulp­tu­ren. Der VWBus ist Teil der 1970er-Aus­stel­lung.

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