Uns bleibt im­mer noch Ka­na­da

Steu­er­flucht, wie sie we­gen der Pa­na­ma-Pa­pers im Fo­kus ist, hat viel­leicht wirk­lich bald aus­ge­dient. Denn nicht nur das Geld sucht das Wei­te. Bald könn­ten die Rei­chen flie­hen. Ein Es­say.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON GER­HARD HO­FER

Da un­ten stand vor Kur­zem ein Golf­platz, jetzt ist al­les ver­baut.“Matt Swit­zer blickt aus dem Fens­ter des Re­stau­rant 360. Aus 350 Me­tern Hö­he sieht To­ron­to fast ver­schla­fen aus. Hier oben im CN-Tower be­hält man den Über­blick. „Je­des Jahr sie­deln sich bei uns 100.000 Men­schen an. Je­der zwei­te Ein­woh­ner ist nicht in Ka­na­da ge­bo­ren“, er­zählt der Mit­ar­bei­ter der städ­ti­schen Be­triebs­an­sied­lungs­agen­tur To­ron­to In­vest. Die meis­ten wol­len hier ei­ne neue Exis­tenz auf­bau­en. „Im­mer öf­ter kom­men wel­che, die ih­re Exis­tenz bei uns si­chern wol­len“, er­zählt er. Im Ha­fen­vier­tel wird Par­ty ge­macht. Die Rap­tors spie­len im Air Ca­na­da Cen­ter. Noch gibt es Kar­ten für das Bas­ket­ball­match auf dem Schwarz­markt. Sie sind fast so be­gehrt wie Grund­stü­cke am On­ta­rio­see.

„Wir be­ob­ach­ten das seit Mo­na­ten“, er­zählt ein Wie­ner Ver­mö­gens­ver­wal­ter. „Die Leu­te ha­ben Angst.“Nach den An­schlä­gen in Pa­ris und Brüs­sel sei­en die An­fra­gen deut­lich mehr ge- wor­den. „Wo ist es heute auf die­sem Pla­ne­ten noch si­cher?“, fra­gen sie. Wo gibt es kei­nen Ter­ror, dro­hen nicht wirt­schaft­li­cher Kol­laps, Geld­ent­wer­tung und po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung? Die Men­schen, die die­se Fra­gen stel­len, sind sehr ver­mö­gend. Sie ha­ben die­ses Ver­mö­gen über Ge­ne­ra­tio­nen auf­ge­baut, und sie wol­len es auch noch für nächs­te Ge­ne­ra­tio­nen er­hal­ten. Ih­re Fa­mi­li­en ha­ben Krie­ge, Hy­per­in­fla­ti­on und Staats­bank­rott über­stan­den. Weil sie Ent­wick­lun­gen frü­her er­kannt ha­ben als an­de­re. „Ka­na­da und Neu­see­land ste­hen die­ser Ta­ge für Si­cher­heit und Sta­bi­li­tät“, er­zählt der Be­ra­ter.

Wäh­rend al­so die Rei­chen schon bald die sin­ken­de MS Eu­ro­pa ver­las­sen könn­ten, em­pört sich die Öf­fent­lich­keit laut­stark über die Ma­chen­schaf­ten eben­die­ser in Steu­er­pa­ra­die­sen. Pa­na­ma-Pa­pers heißt der Coup, den die „Süd­deut­sche Zei­tung“und in ih­rem Schlepp­tau Dut­zen­de Me­di­en welt­weit ge­lan­det ha­ben. Ih­nen wur­den Da­ten der Rechtsanwaltskanzlei Moss­ack & Fon­se­ca in Pa­na­ma Ci­ty zu­ge­spielt. 214.000 Brief­kas­ten­fir­men ste­hen in den Un­ter­la­gen. Zwei ös­ter­rei­chi­sche Ban­ken sind auf­ge­lis­tet, die Hy­po Vor­arl­berg und Raiff­ei­sen In­ter­na­tio­nal. Und ob­wohl vor­erst vor al­lem die Ver­mu­tung du­bio­ser Ma­chen­schaf­ten im Raum steht, kaum Be­wei­se auf dem Tisch lie­gen, fegt al­lein die öf­fent­li­che Em­pö­rung Re­gie­rungs­chefs und Bank­di­rek­to­ren weg. In Is­land trat der Pre­mier zu­rück, in Ös­ter­reich nahm der der Chef der Hy­po Vor­arl­berg den Hut. Und all­mäh­lich kommt der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter Da­vid Ca­me­ron in Be­dräng­nis, weil er an Off­s­hore-Ge­schäf­ten sei­nes Va­ters be­tei­ligt war. Ins­ze­nie­rung statt In­hal­te. Der deut­sche Blog­ger und Buch­au­tor Sa­scha Lo­bo mein­te in ei­nem Gast­kom­men­tar im „Spie­gel“: „Die Ins­ze­nie­rung über­trumpft die In­hal­te: Die Pa­na­ma-Pa­pers zei­gen, wie sich die Be­deu­tung von Leaks ver­än­dert hat. Je­der liest dar­in, was er eh schon im­mer ge­glaubt hat.“

Tat­säch­lich tun sich Ban­ker, Steu­er­be­ra­ter und Fi­nanz­ex­per­ten al­ler­dings schwer, im kon­kre­ten Fall ein Bei­spiel für le­ga­le und un­be­denk­li­che Fi­nanz­ge­schäf­te zu fin­den. Nur FMA-Chef Hel­mut Ettl fiel ein „sinn­vol­ler und nach­voll­zieh­ba­rer Zweck“ein. Von ORF-Mo­de­ra­tor Ar­min Wolf da­nach ge­fragt, nann­te Ös­ter­reichs obers­ter Ban­ken­auf­se­her das Bei­spiel ei­nes Ehe­manns, der sei­ner Frau sei­nen Be­sitz „nicht of­fen­le­gen will kurz vor ei­ner Schei­dung“. Das Bei­spiel sagt wohl mehr über Ettls Frau­en­bild aus als über die Le­ga­li­tät ei­ner Ver­schleie­rung des Ver­mö­gens vor dem Schei­dungs­rich­ter.

Ei­ner­lei. „Die Rei­chen- und Un­ter­neh­mer­hatz hat wie­der be­gon­nen“, mahnt der pro­mi­nen­te Steu­er­be­ra­ter Gott­fried Schell­mann und är­gert sich, dass in der De­bat­te kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Geld­wä­sche, Steu­er­hin- ter­zie­hung und Steu­er­ver­mei­dung ge­macht wird. Auch nicht von je­nen, die es ei­gent­lich bes­ser wis­sen müss­ten. Et­wa SPÖ-Klub­ob­mann Andre­as Schie­der. Als SPÖ-Ge­mein­de­rat hat­te er einst nichts ge­gen die Cross-Bor­der-Lea­sing­ge­schäf­te der Stadt Wi­en ge­habt. Dank ei­ner Lü­cke im US-ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­sys­tem kas­sier­te die Stadt 100 Mil­lio­nen Eu­ro – auf Kos­ten der USS­teu­er­zah­ler. Vor lau­ter Auf­re­gung über die Steu­er­flucht nach Pa­na­ma ver­gisst man ganz dar­auf, dass Fi­nanz­mi­nis­ter Hans Jörg Schel­ling frü­her ein­mal auch ein Spe­zia­list in Sa­chen le­ga­ler Steu­er­ver­mei­dung war. Als Chef des Mö­bel­kon­zerns Lutz grün­de­te er ei­ne Toch­ter im Steu­er­pa­ra­dies Mal­ta. Dort wur­den Li­zen­zen im Wert von 340 Mil­lio­nen ver­wal­tet. Er­geb­nis: Der hei­mi­sche Fis­kus fiel jähr­lich um Mil­lio­nen um.

Na­tür­lich kann man die­se Art der Steu­er­ver­mei­dung skan­da­lös fin­den. And­rer­seits ha­ben wir jetzt zu­min­dest ei­nen Fi­nanz­mi­nis­ter, der als Wirt­schafts­boss am ei­ge­nen Leib er­fah­ren hat, wie hoch die Steu­er­last in die­sem

Wäh­rend die Rei­chen lei­se die MS Eu­ro­pa ver­las­sen, wird laut über Steu­er­flucht dis­ku­tiert. Wä­re Schel­ling als Mi­nis­ter im Steu­er­sen­ken doch nur halb so gut wie als Un­ter­neh­mer.

Land tat­säch­lich ist. Wä­re er als Po­li­ti­ker beim Steu­er­sen­ken auch nur halb so er­folg­reich wie als Un­ter­neh­mer, wä­re vie­les bes­ser in die­sem Land – und Steu­er­flucht nicht ganz so at­trak­tiv. Ret­ten satt Ren­di­te. Apro­pos Steu­er­flucht. Wenn es stimmt, was Pri­vat­ban­ker er­zäh­len, ste­hen ho­he Ren­di­ten und nied­ri­ge Steu­ern im­mer sel­te­ner auf dem Wunsch­zet­tel der be­tuch­ten Kun­den. „Es gibt Fäl­le, da wol­len Kli­en­ten die Hälf­te ih­res Ver­mö­gens lang­fris­tig ret­ten“, er­zählt ein An­la­ge­be­ra­ter. Die Kun­den set­zen auf Gold, auf Ak­ti­en von Un­ter­neh­men, die äl­ter als 100 Jah­re sind. Und sie ver­las­sen Eu­ro­pa nur des­halb nicht, weil sie hier ei­nen Pro­duk­ti­ons­be­trieb ha­ben. Nicht al­len bleibt am En­de Ka­na­da.

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