WHITEWASHING

Dass in »Gods of Egypt « fast nur wei­ße Darstel­ler mit­spie­len, em­pör­te. Mit der Wirk­lich­keit hat die­ser Film, ein Wüs­ten­ritt durch al­le Aben­teu­er­film­kli­schees, auch sonst nichts zu tun.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON MAR­KUS KEU­SCH­NIGG

Göt­tern ist nicht zu trau­en. Ei­ne Ein­schät­zung, die nicht un­be­dingt mit dem be­sorg­nis­er­re­gen­den Zeit­ge­sche­hen in ei­nem kau­sa­len Zu­sam­men­hang ste­hen muss, aber klar ist schon auch: Wenn sich Bat­man und Su­per­man ge­gen­sei­tig die Fres­se po­lie­ren, dann bebt da mehr als nur der Bo­den, auf dem sie ste­hen, dann ero­die­ren Si­cher­hei­ten, dann ist es nicht mehr, wie es ein­mal war. Soll hei­ßen, je­de Zeit er­schafft sich ih­re Göt­ter, und wie es scheint, schreit die Mensch­heit nach­ge­ra­de nach Über­mäch­ti­gen, die eben­so schei­tern wie wir selbst.

Das Miss­trau­en ge­gen­über al­lem und je­dem ist zum Ba­sis­wert der Pop­kul­tur ge­wor­den: In Fern­seh­se­ri­en wie „Hou­se of Cards“und „Ga­me of Thro­nes“be­kommt man epi­so­den­wei­se Be­wei­se da­für ge­lie­fert, dass man sich tat­säch­lich an nichts fest­hal­ten kann, dass nur mehr Nar­ren über­haupt zu hof­fen wa­gen, et­was könn­te bes­ser wer­den. In so ei­nem ge­samt­kul­tu­rel­len Kli­ma hat es je­de Form von ab­so­lu­ter Kunst schwer: Ar­bei­ten, die nichts der Re­la­ti­vie­rung preis­ge­ben, in de­nen die mo­ra­li­schen Gren­zen noch klar ab­ge­steckt sind und sich die Am­bi­va­lenz al­ler­höchs­tens in der ei­nen oder an­de­ren Fi­gur ma­ni­fes­tiert, wer­den in der ver­netz­ten Welt lä­cher­lich ge­macht, so­bald sie zum ers­ten Mal ihr Ge­sicht zei­gen.

Da­bei hat das nichts mit der Qua­li­tät des Films im en­ge­ren Sinn zu tun, denn an­sons­ten müss­te ein „Bat­man v Su­per­man“, von ei­nem der schlech­tes­ten Fil­me­ma­cher der Ge­gen­wart in­sze­niert, be­reits Mo­na­te vor sei­ner Ver­öf­fent­li­chung zur Zielscheibe von Spott und Hohn wer­den. Als sich Alex Proyas’ „Gods of Egypt“vor et­li­chen Mo­na­ten zum ers­ten Mal mit Be­wegt­bil­dern an­kün­dig­te, war es al­ler­dings nicht nur der durch und durch ge­küns­tel­te Ge­samt­ein­druck, der für Auf­re­gung sorg­te, son­dern vor al­lem, dass der in Ägyp­ten ge­bo­re­ne Re­gis­seur bei- na­he aus­schließ­lich kau­ka­si­sche Kör­per durch sei­ne über­bor­den­de Fan­ta­sie tur­nen lässt, wo die Cha­rak­te­re doch, zu­min­dest vom Set­ting der Ge­schich­te her, eth­nisch kor­rekt von braun­häu­ti­gen Schau­spie­lern hät­ten dar­ge­stellt wer­den müs­sen. Flugs wur­de hash­ta­gi­siert: Whitewashing und

Brown­s­ha­ming mar­kier­ten Twit­terSteh­sät­ze in der di­gi­ta­len Em­pö­rung, die na­tür­lich von den al­ten Me­di­en auf­ge­nom­men wur­de, im ewi­gen Wett­be­werb um die hei­ßen The­men, die vi­el­leicht wel­che sein könn­ten, vi­el­leicht aber auch nicht.

Denn Proyas’ häss­lich ani­mier­te Fan­ta­sie­welt hat in kei­ner Wei­se auch nur ir­gend­et­was mit dem zu tun, was wir Wirk­lich­keit nen­nen. Sie macht mit ross­ho­hen Ska­ra­bä­en, Göt­tern, Mons­tern und ei­nem schei­ben­för­mi­gen Pla­ne­ten, über den der Son­nen­gott Ra (Ge­off­rey Rush) den ihm über­ant­wor­te­ten Feu­er­ball schlep­pen muss, von An­fang an über­deut­lich, dass all das rei­ner Mum­pitz ist. Mum­pitz zwar, der in der ägyp­ti­schen My­tho­lo­gie wil­dert, aber eben auch ei­ner, der sich un­be­dingt fan­tas­tisch deu­tet und ver­hält. Cha­os re­giert. Jetzt kann und soll und muss man vi­el­leicht den­noch eth­ni­sche Di­ver­si­fi­ka­ti­on ein­for­dern, al­ler­dings eher von der Geld ge­ben­den und ma­chen­den In­dus­trie da­hin­ter, die mit Steuer­kre­di­ten in Pro­duk­ti­ons­län­dern (in die­sem Fall Aus­tra­li­en, was be­deu­tet, dass Aus­tra­li­er Haupt­rol­len über­neh­men müs­sen) und der ewi­gen Gier nach kas­sen­kräf­ti­gen Schau­spie­lern (die vor­wie­gend weiß sind) das „Whitewashing“selbst be­treibt, dann aber schnell da­bei ist, die Krea­tiv­mann­schaft hin­ter den Fil­men vor den Ka­di zu zer­ren.

„Gods of Egypt“ist aber nicht nur hin­sicht­lich sei­ner Re­prä­sen­ta­ti­ons­po­li­tik, son­dern über­haupt aus der Zeit ge­fal­len und brennt ein Feu­er­werk an di­gi­ta­len Ef­fek­ten ab, das wirkt, als wür­de man in die Vor­stel­lungs­welt ei­nes Kin­des ge­wor­fen. Das Cha­os re­giert in pom­pös or­ches­trier­ten Vo­gel­flü­gen durch Com­pu­ter­land­schaf­ten, die bar je­der Tex­tur vor ei­nem lie­gen, wäh­rend sich die hin­ein­ge­rech­ne­ten Men­schen­mas­sen ge­sichts­los und im Gleich­schritt

Ge­schich­te.

Die Pra­xis, schwar­ze, asia­ti­sche oder La­ti­no-Rol­len mit wei­ßen Schau­spie­lern zu be­set­zen, ist so alt wie die Film­in­dus­trie selbst. In den 1930erJah­ren et­wa spiel­ten wei­ße Darstel­ler wie Bing Cros­by und Shir­ley Temp­le mit schwarz ge­schmink­ten Ge­sich­tern dun­kel­häu­ti­ge Cha­rak­te­re. Noch in den 60ern spiel­te Mi­ckey Roo­ney Au­drey Hep­burns ja­pa­ni­schen Nach­barn.

De­bat­te.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren flamm­te die De­bat­te wie­der auf, nach­dem ei­ni­ge nam­haf­te Darstel­ler für Rol­len ein­ge­setzt wur­den, die dem Set­ting zu­fol­ge ei­ne an­de­re Haut­far­be ha­ben müss­ten: So spiel­te Em­ma Sto­ne et­wa in „Alo­ha“ei­ne Hal­bChi­ne­sin/Hal­bHa­waii­ane­rin. Be­son­ders von Whitewashing be­trof­fen wa­ren zu­letzt Bi­bel­ver­fil­mun­gen, dar­un­ter „Noah“mit Rus­sel Cro­we und „Exo­dus: Göt­ter und Kö­ni­ge“mit Christian Ba­le als Mo­ses. Sein Film wä­re nie fi­nan­ziert wor­den, hät­te er ge­sagt: „Mein Haupt­dar­stel­ler ist Mo­ham­med So­und­so“, recht­fer­tig­te Re­gis­seur Rid­ley Scott sei­ne Wahl. be­we­gen, be­vor sie vor dem Göt­ter­po­di­um zum Ru­hen kom­men. Ei­gent­lich soll­te Ho­rus (Ni­ko­laj Cos­ter-Wal­dau) vor dem Volk die Kro­ne von sei­nem Va­ter Osi­ris auf­ge­setzt be­kom­men und fort­an herr­schen. Doch Kö­nigs­bru­der Set (Ger­ard But­ler) meu­chelt den Re­gen­ten, reißt sei­nem Nef­fen die gött­li­chen Au­gen aus dem Schä­del und ver­bannt ihn in ei­nen Tem­pel in der Wüs­te. Zeu­ge die­ses grau­sa­men Rän­ke­spiels ist der ge­witz­te Bur­sche Bek (Bren­ton Thwai­tes), der aus Not zum Meis­ter­dieb avan­ciert ist und sein Ta­lent jetzt auch da­für ver­wen­den soll, die Au­gen des Ho­rus aus den bes­tens be­wach­ten Schatz­kam­mern von Set zu steh­len.

Mehr gibt es nicht zu wis­sen. Was folgt, ist ein Wüs­ten­ritt durch so gut wie al­le Aben­teu­er­film­kli­schees, klein ge­hackt und zur deut­lich über­würz­ten Spek­ta­kel­wurst ge­presst, die hin­sicht­lich ih­rer Üp­pig­keit nur noch von den be­ben­den De­kol­le­tes´ der Darstel­le­rin­nen über­trof­fen wird. Stel­len­wei­se ist man fast ge­rührt ob die­ser so un­be­darft und na­iv vor sich hin­plär­ren­den Schau­bu­de, die dia­lo­gi­sche Gem­men wie „Hat Set den Bo­den ver­sal­zen?“– „Nein, mei­ne Mut­ter mit ih­ren Trä­nen“,

Di­gi­ta­le Men­schen­mas­sen ge­hen im Gleich­schritt durch die glat­te Com­pu­ter­wüs­te. »Gods of Egypt« brennt ein Feu­er­werk an Ef­fek­ten ab – und ist da­bei üp­pig und na­iv.

auf Rie­sen­schlan­gen rei­ten­de Krie­ge­rin­nen und ei­ne ernst ge­mein­te Lie­bes­ge­schich­te mit­ein­an­der ver­mählt.

Dann ist man kurz ver­sucht, zu froh­lo­cken, dass sich das Ki­no wie­der traut, sich ei­nem Traum­ka­ta­log zu wid­men, der sich suhlt in blö­dem Exo­tis­mus und ei­nen mit Schau­wer­ten be­wirft, dass man ganz taub wird von all dem Ge­döns. Aber nur, bis man wie­der ein­mal fest­stellt, dass das Ki­no für al­le Fan­ta­si­en da sein muss, die dunk­len und ge­mei­nen und prä­ten­tiö­sen und ni­hi­lis­ti­schen und über­bor­den­den und wahn­sin­ni­gen und al­le an­de­ren. Und dass das, was dem Jahr­marktsfilm ge­gen­wär­tig fehlt, nicht das Be­kennt­nis zum Schund von vor­ges­tern ist, son­dern ganz ein­fach die gu­ten Re­gis­seu­re. Sol­che, de­nen man ver­trau­en kann.

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