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Die Presse am Sonntag - - Leben -

den Le­bens­wan­del der Ge­sell­schaft. „Es gibt ei­ni­ge In­di­ka­to­ren, die Alz­hei­mer deut­lich be­güns­ti­gen: Zu we­nig Be­we­gung und schlech­te Er­näh­rung sind zwei da­von“, sagt er. Auch Bil­dung – al­so Ge­hirn­trai­ning – ist ein Fak­tor. „Bei ge­bil­de­ten Men­schen dau­ert es viel län­ger, bis die Krank­heit greift. Ihr Hirn ist viel ge­schä­dig­ter, wenn sie ster­ben“, sagt der For­scher.

Alz­hei­mer ist ei­gent­lich nichts an­de­res als Abla­ge­run­gen im Ge­hirn, die zu­erst die Zell­ver­bin­dun­gen kap­pen, was in wei­te­rer Fol­ge zu ei­nem Abst­er­ben die­ser führt. Ge­bil­de­te Men­schen ha­ben ak­ti­ve­re Zell­ver­bin­dun­gen, in­so­fern dau­ert es län­ger, bis die Krank­heit Scha­den an­rich­tet. „In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den all die­se Fak­to­ren aber deut­lich re­du­ziert, weil die Be­völ­ke­rung deut­lich ge­bil­de­ter ist, sich be­wuss­ter be­wegt, sich mehr be­wegt“, sagt Bey­reu­ther. Ob­wohl al­so die Neu­er­kran­kun­gen sin­ken, hei­ße das nicht, dass es nicht mehr Pa­ti­en­ten ge­be. Das stei­gen­de Durch­schnitts­al­ter frisst den Vor­teil der sin­ken­den Neu­er­kran­kun­gen qua­si auf. „Frü­her ist man ein­fach frü­her an an­de­ren Krank­hei­ten ge­stor­ben“, sagt Bey­reu­ther. We­nig Trost. Für Nel­li (72) und Bertl (75) Gots­win­ter sind all die­se Er­kennt­nis­se we­nig tröst­lich – denn bei Herrn Gots­win­ter wur­de die Krank­heit 2010 dia­gnos­ti­ziert. Ei­ne Hei­lung gibt es nach wie vor nicht. „An­fangs hat er nur ko­mi­sche Sa­chen ge­macht – wuss­te et­wa den Weg zu ei­nem Lokal nicht mehr, in dem wir uns ver­ab­re­det ha­ben, oder hat sich ver­fah­ren“, er­in­nert sich Nel­li Gots­win­ter, die ih­ren Mann seit der Dia­gno­se lie­be­voll zu Hau­se pflegt.

Knapp sechs Jah­re spä­ter ist ihr Mann ein schwe­rer Pfle­ge­fall – er sitzt im Roll­stuhl. Wenn er spricht, ver­steht man kaum, was er sagt. „Al­les hat sich ver­än­dert in un­se­rem Le­ben“, sagt sie. Je­der Tag hat ei­nen strik­ten Zeit­plan. Früh­stück um halb elf. Um elf kommt der Pfle­ge­dienst. Wa­schen, in den Roll­stuhl set­zen, Mit­tag­es­sen ko­chen. Dann be­kommt Herr Gots­win­ter, der frü­her In­stal­la­teur war, ei­nen Sta­pel Fotos – den er sich st­un­den­lang an­sieht und sich vi­el­leicht manch­mal an die Men­schen, die dort ab­ge­bil­det sind, er­in­nert. Sei­ne Frau schläft dann ei­ne St­un­de, bis die Nach­mit­tags­be­treu­ung kommt. Dann hat Frau Gots­win­ter rund drei St­un­den Frei­zeit – für Be­sor­gun­gen und um ab und zu je­man­den zu tref­fen. Am Abend kommt wie­der der Pfle­ge­dienst, wäscht ih­ren Mann und bringt ihn ins Bett. Sie wä­re da­zu kör­per­lich nicht in der La­ge. „Dann le­se ich ihm vor oder ver­su­che mit ihm ei­ne St­un­de zu plau­dern“, sagt sie. „So wie wir das frü­her ge­macht ha­ben.“Sie hät­ten oft st­un­den­lang ge­re­det.

„Gesundheit ist das­je­ni­ge Maß an Krank­heit, das es mir noch er­laubt, mei­nen we­sent­li­chen Be­schäf­ti­gun­gen nach­zu­ge­hen“, sag­te Fried­rich Nietz­sche ein­mal. Wenn es um die Krank­heit Alz­hei­mer geht, ist das ein sehr lan­ger Zei­t­raum – denn sie be­ginnt rund 30 Jah­re, be­vor sich die ers­ten Sym­pto­me zei­gen. Mit­tels bild­ge­ben­der Ver­fah­ren sind die Abla­ge­run­gen schon lang vor Aus­bruch im Hirn sicht­bar. Wenn es dann so weit ist, geht es plötz­lich aber fast zu schnell, fin­det Frau Gots­win­ter. „Aber Krank­heits­zeit ist auch Le­bens­zeit“, sagt sie. Die­se will sie nut­zen und für sie bei­de ei­ne mög­lichst gu­te Le­bens­qua­li­tät bis zum Schluss er­zie­len. Ge­duld und Geld „Es ist nicht so, dass das plötz­lich ein an­de­rer Mensch ist. Alz­hei­mer­pa­ti­en­ten brau­chen viel Lie­be – und dann kann man ih­nen im­mer wie­der die Scheu­ne der Er­in­ne­rung öff­nen“, sagt Bey­reu­ther. „Es soll der Mensch in­ter­es­sie­ren, nicht die Krank-

Bil©ung, gu­te Ern´hrung un© Sport re©uzie­ren ©Żs Alz­hei­mer-Ri­si­ko.

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