»1. Mai ist wich­ti­ger denn je« Neu­er Ar­beits­kampf an­no 2016

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON CLAU­DIA LAGLER

Gi­se­la Zip­fin­ger, die in ei­ner Wä­sche­rei ar­bei­tet, sieht Er­run­gen­schaf­ten der So­zi­al­de­mo­kra­tie wie­der ge­fähr­det.

Ein Acht-St­un­den-Tag und ei­ne Ver­sor­gung, wenn man krank oder alt ist: For­de­run­gen, die im Jahr 1890 beim ers­ten Auf­marsch der So­zi­al­de­mo­kra­ten zum 1. Mai im Wie­ner Pra­ter er­ho­ben wur­den, sind für Gi­se­la Zip­fin­ger der­zeit so ak­tu­ell wie da­mals. „Wir müs­sen heu­te um sol­che Er­run­gen­schaf­ten wie­der rau­fen“– der 1. Mai ist für die 53-Jäh­ri­ge wich­ti­ger denn je. Über­all wer­de ver­sucht, die Leis­tun­gen zu kür­zen, är­gert sie sich.

Sie ar­bei­tet seit 1986 in der Wä­sche­rei Initi­al Aus­tria in Am­stet­ten. Als sie vor 30 Jah­ren als un­ge­lern­te Kraft dort be­gann, war das Un­ter­neh­men mit da­mals 35 Mit­ar­bei­tern ein klas­si­scher Fa­mi­li­en­be­trieb. Als der Ei­gen­tü­mer 2005 in Pen­si­on ging, wur­de das be­trächt­lich ge­wach­se­ne Un­ter­neh­men an ei­nen in­ter­na­tio­na­len Kon­zern ver­kauft. Im Vor­jahr muss­te gut die Hälf­te der 140 Mit­ar­bei­ter den Be­trieb ver­las­sen. Dass Ar­beit und Ein­satz im­mer we­ni­ger ho­no­riert wer­den, är­gert Zip­fin­ger.

Die Nie­der­ös­ter­rei­che­rin hat schon mit 17 Jah­ren ihr ers­tes Kind be­kom­men. Nach dem Ab­bruch der Han­dels­schu­le ar­bei­te­te sie als Kell- ne­rin und Putz­frau. Ei­ne Freun­din ver­mit­tel­te ihr den Job in der Wä­sche­rei. Zip­fin­ger hat über­all ge­ar­bei­tet: Sie kennt die Hand­grif­fe in der Wa­re­n­an­nah­me, die kör­per­lich schwe­re Ar­beit an den Wasch­ma­schi­nen, den ty­pi­schen Ge­ruch in der che­mi­schen Rei­ni­gung, das Bü­geln oder die Hem­den- und Ho­sen­pres­se. „Ich bin die Ein­zi­ge in der Fir­ma, die al­le Be­rei­che ge­lernt hat.“Seit 2006 ist Zip­fin­ger als Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de des Un­ter­neh­mens frei­ge­stellt. Nied­rig­lohn­bran­che. Sie ar­bei­te in ei­ner ab­so­lu­ten Nied­rig­lohn­bran­che, er­zählt die Frau. Es ist schwie­rig, über die Run­den zu kom­men. Frü­her hat ih­re Groß­mut­ter, bei der sie auf­ge­wach­sen ist, sie fi­nan­zi­ell un­ter­stützt. Sonst wä­re es mit zwei Kin­dern nicht ge­gan­gen. Die Groß­mut­ter war es auch, die ihr po­li­tisch den Weg ge­wie­sen hat. Sie stamm­te aus ei­ner Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie, war aber im­mer so­zi­al­de­mo­kra­tisch. Ih­re jün­ge­re Toch­ter stu­diert in Wi­en Po­li­tik­wis­sen­schaft – mit ei­nem Sti­pen­di­um. Oh­ne die­se Un­ter­stüt­zung gin­ge es nicht. „Mir war wich­tig, dass sie et­was macht, was ihr Spaß macht“, er­zählt die Ar­bei­te­rin. Wä­re es ei­ne Leh­re ge­we­sen, hät­te es ge­nau­so ge­passt. „Fach­ar­bei­ter sind ge­sucht.“

Voll­zeit möch­te Zip­fin­ger nicht ar­bei­ten; sie wür­de nur 120 Eu­ro mehr be­kom­men: „Das ist es mir nicht wert.“Der 1. Mai, oder ei­gent­lich der Abend da­vor, ist im Ter­min­ka­len­der re­ser­viert. Nicht für den Mai­auf­marsch, son­dern für das Mai­baum­auf­stel­len der SPÖ Am­stet­ten. Nicht, um zu fei­ern, son­dern, um zu ar­bei­ten: Sie be­treut das Ku­chen­buf­fet.

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