Die blau-grü­ne Spal­tung Wi­ens

Die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl zieht tie­fe Grä­ben durch die Stadt. Nichts de­mons­triert das bes­ser als die grü­ne, ur­ba­ne Hoch­burg Neu­bau und der blaue Ar­bei­ter­be­zirk Sim­me­ring.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON MAR­TIN STUHLPFARRER

Paul Stad­ler und Tho­mas Blim­lin­ger tren­nen Wel­ten. Zu­min­dest po­li­tisch. Blim­lin­ger, der ers­te grü­ne Be­zirks­chef Ös­ter­reichs, re­giert seit 2001 in Wi­en Neu­bau und lebt mit­ten in der gel­ben Zo­ne. Paul Stad­ler, seit der Wi­en-Wahl vor fünf Mo­na­ten ers­ter FPÖ-Be­zirks­chef in Wi­en, lebt in der blau­en Zo­ne. Da­zwi­schen ver­läuft ei­ne schar­fe Trenn­li­nie, wel­che die Stadt in zwei Blö­cke teilt.

Die gel­be Zo­ne, das sind (auf der In­ter­net­sei­te der Stadt Wi­en) je­ne Be­zir­ke, in de­nen der zu­min­dest of­fi­zi­ell un­ab­hän­gi­ge Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat und Ex-Grü­nen-Chef Alex­an­der Van der Bel­len beim ers­ten Wahl­gang die Mehr­heit er­reicht hat. Die­se Zo­ne er­streckt sich aus­ge­hend von der Do­nau über die Leo­pold­stadt bis an den west­li­chen Stadt­rand in Hiet­zing. Es ist al­so der groß­teils ur­ba­ne, in­ner­städ­ti­sche Raum.

Auf der an­de­ren Sei­te liegt die blaue Zo­ne. Dort, wo FPÖ-Kan­di­dat Nor­bert Ho­fer vor we­ni­gen Ta­gen die meis­ten Stim­men be­kam, wäh­rend ExSo­zi­al­mi­nis­ter Ru­dolf Hund­stor­fer (SPÖ) und Ex-Na­tio­nal­rats­prä­si­dent Andrea Khol (ÖVP) in ein De­ba­kel schlit­ter­ten. Die­ser blaue Teil zieht sich von jen­seits der Do­nau über das süd­li­che Wi­en – von der Do­n­au­stadt über Sim­me­ring bis Lie­sing. Dort herr­schen die Wei­ten der Au­ßen­be­zir­ke. Ge­gen­sät­ze. Es ist ei­ne Ent­schei­dung zwi­schen Ge­gen­sät­zen, die am 22. Mai in der Stich­wahl zur Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten ge­trof­fen wird. Die­se Ge­gen­sät­ze zei­gen sich nir­gend­wo in der Re­pu­blik so deut­lich wie in Wi­en, wo zwei Be­zir­ke sym­bo­lisch für die bei­den Frak­tio­nen ste­hen. Und auch den po­la­ri­sie­ren­den Kampf um das höchs­te Amt im Staat.

Das ur­ban-in­ner­städ­ti­sche Neu­bau un­ter Füh­rung des stu­dier­ten Öko­no­men Tho­mas Blim­lin­ger (59) hat im ers­ten Wahl­gang mit 53 Pro­zent das bes­te Wi­en-Er­geb­nis für Van der Bel­len ein­ge­fah­ren. Der blau re­gier­te Ar­bei­ter- und Au­ßen­be­zirk Sim­me­ring un­ter dem ge­lern­ten Ka­ros­se­rie­speng­ler Stad­ler (60) mit 41,2 Pro­zent das bes­te für Ho­fer. Blim­lin­ger ist das En­kel­kind des par­tei­lo­sen Nach­kriegs­jus­tiz­mi­nis­ters und Sport­funk­tio­närs Jo­sef Gerö – Stad­ler der Sohn ei­nes Händ­lers für Flüs­sig­gas. Schar­fe Trenn­li­nie. Auch die po­li­ti­sche Trenn­li­nie zwi­schen Neu­bau und Sim­me­ring kann ös­ter­reich­weit nicht schär­fer aus­fal­len. Kei­ne grü­ne Lan­des­par­tei ist so weit links po­si­tio­niert wie die Wie­ner Grü­nen un­ter der Füh­rung von Vi­ze­bür­ger­meis­te­rin Ma­ria Vas­silak­ou. Und kei­ne blaue Lan­des­par­tei hat den Ruf, so weit rechts po­si­tio­niert zu sein wie die Wie­ner Blau­en, de­ren Lan­des­par­tei­chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che heißt, der in sei­nem Land­tags­klub zahl­rei­che schla­gen­de Bur­schen­schaf­ter ver­sam­melt hat.

Gibt es et­was Ver­bin­den­des – bei aller Un­ter­schied­lich­keit? Blim­lin­ger und Stad­ler über­le­gen lang. „Wir sind bei­de Be­zirks­vor­ste­her, in der Pra­xis ha­ben wir aber kei­ne Be­rüh­rungs­punk­te.“„Sport, viel­leicht“, meint Stad­ler. „Dar­auf kön­nen wir uns ei­ni­gen“, ant­wor­tet Blim­lin­ger.

Zu­sam­men­ge­ar­bei­tet ha­ben sie als Be­zirks­vor­ste­her bis­her noch nie. „Er ver­tritt ei­nen Au­ßen­be­zirk, ich ei­nen In­nen­be­zirk“, meint Blim­lin­ger. Hier ge­be es un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen und Auf­ga­ben­stel­lun­gen und eben kei­ne Be­rüh­rungs­punk­te. Ei­ne Zu­sam­men­ar­beit ist für bei­de nur auf streng fach­li­cher Ebe­ne vor­stell­bar – wenn es um Geld geht. Kon­kret, wenn es ei­nen ge­mein­sa­men Vor­stoß aller Be­zir­ke für mehr Bud­get von der Stadt­re­gie­rung ge­ben wür­den, wä­ren bei­de da­bei.

Es gibt trotz­dem et­was Ver­bin­den­des zwi­schen den bei­den Be­zir­ken – im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Ver­lässt Blim­lin­ger sei­ne Be­zirks­vor­ste­hung und steigt in der neu ge­stal­te­ten Ma­ria­hil­fer Stra­ße in die U3 ein, steigt er elf Sta­tio­nen spä­ter vor der Be­zirks­vor­ste­hung von Paul Stad­ler aus – und um­ge­kehrt. In der Mit­te, zu­min­dest geo­gra­fisch auf der Li­nie U3, fin­det das Tref­fen zu dem Fo­to­ter­min der „Pres­se am Sonn­tag“statt. Trotz aller Un­ter­schie­de zwi­schen Grü­nen und FPÖ, die in dem lau­fen­den Bun­des­prä­si­den­ten­wahl­kampf wie­der auf­bre­chen: Ein per­sön­li­ches Pro­blem mit­ein­an­der ha­ben Blim­lin­ger und Stad­ler nicht.

Stad­ler ist zwar FPÖ-Po­li­ti­ker, trägt die Li­nie der Par­tei na­tür­lich mit, gilt aber nicht als blau­er Hard­li­ner vom rech­ten Flü­gel der Stra­che-Par­tei, son­dern als Prag­ma­ti­ker: „Ich bin Be­zirks­po­li­ti­ker“, meint er. Ihm ge­he es dar­um, Pro­jek­te in Sim­me­ring um­zu­set­zen. Mit dem Bun­des­prä­si­den­ten­wahl­kampf ha­be er nicht viel zu tun, aber: „Mit 41 Pro­zent hat Nor­bert Ho­fer in Sim­me­ring das bes­te Be­zirks­er­geb­nis in Wi­en er­reicht. Das heißt, dass ich mei­ne Auf­ga­be si­cher nicht so schlecht ge­macht ha­be.“

Mit 53 Pro­zent in Neu­bau hat Van der Bel­len sein bes­tes Er­geb­nis in Wi­en er­reicht. Mit 41 Pro­zent ist Sim­me­ring die blaue Hoch­burg von Nor­bert Ho­fer in Wi­en.

Blim­lin­ger galt bei den Grü­nen schon im­mer als Rea­lo – als Prag­ma­ti­ker und nicht als Ideo­lo­ge, als sich die Wie­ner Grü­nen ei­nen er­bit­ter­ten Flü­gel­kampf leis­te­ten, so wie die SPÖ das heu­te macht. Den Be­zirk ver­än­dern, zei­gen, dass Grü­ne re­gie­rungs­fä­hig sind und was die grü­ne Hand­schrift in der Pra­xis be­deu­tet. Das war nicht nur sein An­spruch, als er 2001 in die Be­zirks­vor­ste­hung in der Her­mann­gas­se zog. Die da­ma­li­ge Ge­mein­de­rä­tin, Ma­ria Vas­silak­ou, die neun Jah­re spä­ter als Vi­ze­bür­ger­meis­te­rin von Ös­ter­reichs ers­ter rot-grü­ner Lan­des­re­gie­rung an­ge­lobt wur­de, be­ton­te da­mals die Sym­bo­lik für die Re­gie­rungs­fä­hig­keit der Grü­nen. Eben­so wie der da­ma­li­ge grü­ne Bun­des­par­tei­chef. Es war ein ge­wis­ser Alex­an­der Van der Bel­len.

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