Der no­to­ri­sche Pro­blem­bahn­hof

Auf­wen­dig mo­der­ni­siert, den­noch ei­ne ab­so­lu­te Pro­blem­zo­ne: Der Pra­ter­stern ist Treff­punkt für Dea­ler, Dro­gen­kran­ke, Al­ko­ho­li­ker, Ge­walt­tä­ter, Klein­kri­mi­nel­le und Ob­dach­lo­se. Nicht ein­mal Op­ti­mis­ten mei­nen, dass sich das rasch än­dert.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON MAN­FRED SEEH UND ANDRE­AS WETZ

Gro­ßer Bahn­hof für die ho­hen Gäs­te – und das buch­stäb­lich: Es war der 4. April 2008. Al­les war her­aus­ge­putzt, al­les glänz­te. Vor­hang auf für die Ze­re­mo­nie. Recht­zei­tig vor der Fuß­ball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft knüpf­te Wer­ner Fay­mann, da­mals Ver­kehrs­mi­nis­ter, stolz lä­chelnd ei­ne über­di­men­sio­na­le ro­te Ma­sche auf. Sym­bol da­für, dass die ho­he Po­li­tik der Wie­n­er­stadt ein Prä­sent mach­te. Sie schenk­te „den Men­schen“ei­nen rund­um er­neu­er­ten Bahn­hof. Den neu­en Bahn­hof Pra­ter­stern. Hun­dert Mil­lio­nen Eu­ro wa­ren in­ves­tiert wor­den. „Ich bin froh und glück­lich, dass die­ses Bahn­hofs­pro­jekt ab­ge­schlos­sen wur­de“, sag­te der zwei­te Red­ner, Bür­ger­meis­ter Micha­el Häupl.

Acht Jah­re spä­ter ist der Pra­ter­stern wie­der das, was er schon vor Be­ginn der Um­bau­ten war: ei­ne ab­so­lu­te Pro­blem­zo­ne. Die Phra­se „so­zia­ler Brenn­punkt“wirkt wie ein Eu­phe­mis­mus an­ge­sichts der Sze­nen, die sich hier stünd­lich ab­spie­len. „Wapp­ler, gib das Han­dy weg“, be­fiehlt ein jun­ger, sicht­bar ner­vö­ser Po­li­zist auf dem Vor­platz des Bahn­hofs ei­nem of­fen­sicht­lich aus Nord­afri­ka stam­men­den Mann. Zu ei­ner Aus­weis­kon­trol­le kommt es gar nicht, denn der Be­am­te und sei­ne Kol­le­gen wol­len die brenz­li­ge Si­tua­ti­on ein­fach nur rasch auf­lö­sen. Zwei of­fen­sicht­lich be­trun­ke­ne Ein­hei­mi­sche sind kurz zu­vor am Stand ei­ner tür­ki­schen Im­biss­ket­te laut­stark mit dem Mann und sei­nen Be­glei­tern an­ein­an­der­ge­ra­ten. „Wir brau­chen hier kei­ne Dea­ler“, lallt ei­ner von ih­nen, droht da­bei den Nord­afri­ka­nern mit der Faust. Als sich die­se for­mie­ren, kann man die Ag­gres­sio­nen, die kurz da­vor sind, sich zu ent­la­den, ei­nen klei­nen Mo­ment spü­ren. Da holt ein Pas­sant die Po­li­zis­ten zu Hil­fe, die we­ni­ge Me­ter wei­ter in Ge­sprä­che ver­wi­ckelt sind. Die Be­am­ten kom­men so­fort, die Nord­afri­ka­ner dre­hen sich um, grei­fen zu ih­ren Han- dys und tun so, als wür­den sie te­le­fo­nie­ren. Die Ein­satz­kräf­te er­tei­len Platz­ver­bo­te. „Heu­te nix mehr Pra­ter­stern.“

Die Ar­beit, die die Frau­en und Män­ner in Uni­form hier ma­chen, hat mit dem kli­nisch rei­nen Be­rufs­bild, über das die ho­hen Of­fi­zie­re und Po­li­ti­ker im In­nen­mi­nis­te­ri­um bei Pres­se­kon­fe­ren­zen gern spre­chen, nichts zu tun. Das hier ist ech­te Drecks­ar­beit. Die Ein­satz­kräf­te wer­den be­schimpft, manch­mal ge­sto­ßen, wis­sen nie, mit wem sie es zu tun ha­ben oder ob ein im Zu­ge ei­ner kri­ti­schen Amts­hand­lung. Ge­gen­an­griff droht. Mit freund­li­chen Wor­ten ist bei der „Kund­schaft“am Pra­ter­stern we­nig zu er­rei­chen. Da­für be­steht die la­ten­te Ge­fahr, dass das manch­mal der­be Vor­ge­hen als kri­ti­scher Be­richt in den Me­di­en lan­det.

Das glän­zen­de Bahn­hofs­pro­jekt, das der Pra­ter­stern wer­den soll­te, ist ge­schei­tert. Er wur­de zum Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt ge­sell­schaft­li­cher Pro­ble­me wie Al­ko­hol- und Dro­gen­sucht, Ar­beits­lo­sig­keit und Ob­dach­lo­sig­keit. Zum Tum­mel­platz für Rand­grup­pen, die sich dem Strom von täg­lich 110.000 Men­schen, die den Ver­kehrs­kno­ten­punkt nut­zen, in den Weg stel­len. Ver­ge­wal­ti­gung ge­zielt ge­plant. Als vo­ri­ge Wo­che drei ju­gend­li­che Asyl­wer­ber aus Af­gha­nis­tan ei­ne 21-jäh­ri­ge Stu­den­tin in der Toi­let­te über­fie­len, sie miss­han­del­ten und ver­ge­wal­tig­ten, wirk­te dies wie ei­ne Ex­plo­si­on. Ein an sich schon scheuß­li­ches Ver­bre­chen – be­gan­gen von je­nen, von de­nen man an­nahm, sie wür­den in Ös­ter­reich Schutz vor Ver­fol­gung su­chen. Be­gan­gen von zwei 16-Jäh­ri­gen und ei­nem 17-Jäh­ri­gen, die sich für die Tat ei­gens ver­ab­re­det hat­ten. Po­li­zei­prä­si­dent Ger­hard Pürstl sag­te, das Ver­bre­chen (frei­lich liegt der­zeit noch kei­ne An­kla­ge, ge­schwei­ge denn ein Ur­teil vor) sei „ganz klar ge­plant“wor­den. Die Ju­gend­li­chen reis­ten von ih­ren Un­ter­künf­ten in Wi­en, Nie­der- und Ober­ös­ter­reich ge­zielt an den Tat­ort.

Die Men­schen, die rund um den Pra­ter­stern woh­nen, stel­len seit­dem un­an­ge­neh­me Fra­gen: „Wo wa­ren sie al­le, die Hun­dert­schaf­ten der Po­li­zei, die So­zi­al­ar­bei­ter der Stadt, die Se­cu­ri­ty-Leu­te der ÖBB, die An­ge­stell­ten der Wie­ner Li­ni­en vor den Über­wa­chungs­Mo­ni­to­ren, die cou­ra­gier­ten Pas­san­ten?“, ist zu hö­ren. Po­li­zei­prä­si­dent Ger­hard Pürstl sagt in­zwi­schen of­fen: „Ge­gen das ge­ziel­te Han­deln be­stimm­ter Tä­ter ist oft kein Kraut ge­wach­sen.“Nun soll der Pra­ter­stern mit ei­nem Spe­zi­al­fahr­zeug voll­stän­dig vi­deo­über­wacht wer­den. In der kri­tischs­ten Ta­ges­zeit (19 Uhr bis ein Uhr früh) wird die Po­li­zei­prä­senz mas­siv er­höht.

Im Jahr 2014 noch, so steht es in ei­ner In­for­ma­ti­on des In­nen­mi­nis­te­ri­ums an das Par­la­ment, gab es am Pra­ter­stern 4007 Po­li­zei­ein­sät­ze, in 106 Fäl­len mit Un­ter­stüt­zung der schnel­len Ein­greif­trup­pe WE­GA (Wie­ner Ein­satz­grup­pe Alarm­ab­tei­lung) für be­son­ders ge­fähr­li­che Amts­hand­lun­gen. 2015 wa­ren es dann 6265 Ein­sät­ze. Die WE­GA rück­te 141 Mal aus. Ein Zu­wachs von je­weils et­wa 50 Pro­zent.

Spe­zi­ell die nord­afri­ka­ni­schen Dea­ler sind das Pro­blem, die auf­grund ih­rer Zahl in­zwi­schen mas­siv mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren, im Kampf um Kun­den auch zu Ge­walt grei­fen. Ih­ren Aus­gang nahm die Ent­wick­lung vor Mo­na­ten an Sta­tio­nen der U-Bahn-Li­nie U6, als der of­fe­ne Dro­gen­han­del voll an­lief. Die Po­li­zei jam­mer­te über man­geln­de recht­li­che Hand­ha­be. Denn mit Jah­res­be­ginn wur­de das Sucht­mit­tel­ge­setz ent­schärft und die (für al­le De­lik­te pau­schal gel­ten­de) Ge­werbs­mä­ßig­keit er­heb­lich li­be­ra­li­siert. Rechts­lü­cke ging plötz­lich auf. Ei­gent­lich woll­te die Po­li­tik da­mit er­rei­chen, dass Haft­rich­ter nicht mehr un­zäh­li­ge La­den­die­be in U-Haft neh­men müs­sen. Al­so Klein­kri­mi­nel­le, die zwar Straf­ta­ten be­ge­hen, de­ren Ein­fluss auf die öf­fent­li­che Si­cher­heit (ver­gli­chen mit Ge­walt­tä­tern) aber eher ge­ring ist. Da­bei ver­ga­ßen die Spit­zen­ju­ris­ten in den Mi­nis­te­ri­en auf die Dro­gen­dea­ler. Plötz­lich lag die Lat­te für die Ver­hän­gung ei­ner U-Haft enorm hoch. Die Po­li­zei muss nun ei­nen Tä­ter bei drei Ta­ten er­wi­schen. Oder sie muss be­wei­sen, dass ein Tä­ter zwei wei­te­re Ta­ten be­reits ge­plant hat. Wel­che Po­li­zei soll das schaf­fen? Die­se Fra­ge stell­ten sich auch Dea­ler und be­gan­nen, un­ge­niert ih­re Dro­gen of­fen, auch tags­über, auf be­leb­ten Plät­zen, an­zu­bie­ten.

Po­li­zei­ar­beit am Pra­ter­stern hat nichts mit kli­nisch rei­nen Be­rufs­bil­dern zu tun. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te war­ten be­reits die Sala­fis­ten ei­ner be­rüch­tig­ten Mo­schee.

Zwar ist An­lass­ge­setz­ge­bung kein Ruh­mes­blatt, aber der mit 1. Ju­ni gül­ti­ge Pa­ra­graf („Dro­gen­han­del im öf­fent­li­chen Raum“), von dem sich die Dro­gen­fahn­der ei­ni­ges er­hof­fen, ist ge­nau das: die ei­li­ge Schaf­fung ei­nes In­stru­ments, um Dea­ler zu­min­dest für ei­ni­ge Wo­chen oder Mo­na­te wie­der aus dem Ver­kehr zie­hen zu kön­nen.

In­des ent­wi­ckelt sich am Pra­ter­stern ein zu­sätz­li­ches Pro­blem. Im an­gren­zen­den Park, der Ve­ne­di­ger Au, hiel­ten sich zu­letzt ver­mehrt jun­ge Asyl­wer­ber aus Af­gha­nis­tan auf. Män­ner oh­ne Per­spek­ti­ve, die nach An­ga­ben von So­zi­al­ar­bei­tern kurz da­vor sind, in die Kri­mi­na­li­tät ab­zu­glei­ten oder po­li­tisch ra­di­ka­li­siert zu wer­den. Denn auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te be­fin­det sich die ra­di­kal-is­la­mis­ti­sche Al­tun-Alem-Mo­schee, in der laut Ver­fas­sungs­schutz be­reits meh­re­re Dut­zend jun­ge Kämp­fer für Sy­ri­en an­ge­wor­ben wur­den. In Staats­schutz­krei­sen hör­te man zu­letzt als Be­grün­dung für den Er­folg der Men­schen­fän­ger im­mer wie­der: „Sie ge­ben den Be­nach­tei­lig­ten Hoff­nung. Sala­fis­ten sind ein­fach die bes­se­ren So­zi­al­ar­bei­ter.“

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