»Es ist ein Sumpf ge­wor­den, schrei­ben Sie das«

Der Pra­ter­stern ist ein Schmelz­tie­gel vie­ler so­zia­ler Rand­grup­pen, die man in Wi­en ver­mehrt sieht. Und da­mit ein Sym­ptom der Ent­wick­lung ei­ner gan­zen Stadt. Wie Street­wor­ker und So­zi­al­ar­bei­ter dort ein­grei­fen wol­len.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON CHRIS­TI­NE IM­LIN­GER UND AN­NA THAL­HAM­MER

Am Pra­ter­stern hat je­der sei­nen Lieb­lings­platz. Be­völ­kert von vie­len Men­schen am Ran­de der Ge­sell­schaft, ist der Stern, wie die­se ihn gern nen­nen, fein auf­ge­teilt. Die Al­ko­ho­li­ker, vie­le aus Ost­eu­ro­pa, ei­ni­ge psy­chisch krank, hal­ten sich eher im Are­al in Rich­tung Te­gett­hoff-Denk­mal auf. Die Dro­gen­sze­ne trifft sich vor dem Haupt­ein­gang und an den über­dach­ten Bahn­stei­gen, wo Bus­se und Stra­ßen­bah­nen weg­fah­ren – am Pra­ter­stern wird vor­wie­gend ge­han­delt, we­ni­ger kon­su­miert. Pro­sti­tu­ier­te se­hen sich im Zwi­schen­ge­schoß nach Kund­schaft um. Jun­ge Flücht­lin­ge und Mi­gran­ten, die sich dort die Zeit ver­trei­ben, sieht man oft, wie sie das Trei­ben in der Hal­le be­ob­ach­ten oder wie sie in Grup­pen ne­ben dem McDo­nald’s ste­hen. Jetzt, da es warm wird, ver­la­gert sich das Trei­ben auch auf die Kai­ser­wie­se in Rich­tung Rie­sen­rad. Im Win­ter, als es kalt war, ha­ben sie sich in den Wett­ca­fes´ auf­ge­hal­ten, dort ein paar Eu­ro ver­spielt. Zu gu­ter Letzt ist der Pra­ter­stern ein Treff­punkt für Ju­gend­li­che ge­wor­den, die hier am Abend vor dem Fort­ge­hen vor­glü­hen. „Es ist ein Sumpf ge­wor­den, schrei­ben Sie dar­über“, sagt ein Ob­dach­lo­ser beim Lo­kal­au­gen­schein. Ob­dach­lo­senZen­trum Stern

Was sich hier ge­ballt ab­spielt, ist sym­pto­ma­tisch für ei­ne Ent­wick­lung, die sich vie­ler­orts in ganz Wi­en zeigt und ver­mehrt Brenn­punk­te her­vor­bringt: Wirt­schafts­kri­se, Ar­muts­mi­gra­ti­on aus Ost­eu­ro­pa, ein fehl­ge­schla­ge­nes Dro­gen­ge­setz (sie­he links), ei­ne Flücht­lings­kri­se, die zur In­te­gra­ti­ons­kri­se ge­wor­den ist: Das ist so­zia­ler Spreng­stoff, da sind sich Ex­per­ten ei­nig. Po­li­zei und So­zi­al­ar­bei­ter sind am Pra­ter­stern mitt­ler­wei­le im Dau­er­ein­satz. Zehn Mit­ar­bei­ter der mo­bi­len So­zi­al­ar­beit SAM, die zur Sucht­hil­fe ge­hö­ren, sind An­sprech­per­so­nen für die Ge­schäfts­leu­te, die Pas­san­ten und in ers­ter Li­nie für die Pro­blem­kli­en­tel. Asyl­wer­ber auf der Kip­pe. Man wol­le sich vor al­lem um jun­ge Asyl­wer­ber küm­mern, die in die Dro­gen­sze­ne ab­rut­schen könn­ten, hieß es am Frei­tag von Po­li­zei und Sucht­hil­fe. Im Fo­kus ste­hen jun­ge Af­gha­nen, die – oft schlecht ge­bil­det, vie­le sind An­alpha­be­ten, trau­ma­ti­siert vom Krieg – zu hoff­nungs­lo­sen Fäl­len zu wer­den dro­hen. In den ver­gan­ge­nen Wo­chen gab es meh­re­re schwer­wie­gen­de Vor­fäl­le, für das meis­te Ent­set­zen hat zu­letzt die Ver­ge­wal­ti­gung ei­ner Stu­den­tin ge­sorgt.

Wie die So­zi­al­ar­bei­ter von SAM mit Af­gha­nen und den ara­bisch­stäm­mi­gen Men­schen, die sich am Pra­ter­stern auf­hal­ten, ar­bei­ten wol­len, ist aber frag­lich. Auf „Pres­se“-An­fra­ge stell­te sich her­aus, dass nie­mand aus dem Team Ara­bisch oder Far­si spricht. Dol­met- scher gibt es kei­ne. „Wir tei­len Flug­zet­tel aus. Manch­mal spricht ei­ner Eng­lisch oder Fran­zö­sisch. Da­zu hof­fen wir, dass die Flücht­lin­ge Sprach­kennt­nis­se er­wer­ben“, heißt es von der Sucht­hil­fe.

Da­für sprä­chen aber vie­le der So­zi­al­ar­bei­ter Ost­spra­chen – das ist am Pra­ter­stern wich­tig. So kom­men vie­le der Pro­sti­tu­ier­ten auf dem so­ge­nann­ten U-Bahn-Strich, der sich ge­ra­de ent­wi­ckelt, aus Ru­mä­ni­en. Seit der Stra­ßen­strich in Wi­en mit dem Pro­sti­tu­ti­ons­ge­setz weit­ge­hend ab­ge­schafft wur­de, ver­la­gert sich die­ser ver­mehrt in die U-Bahn. Die Sze­ne sie­delt sich am West­bahn­hof wie auch am Pra­ter­stern an – Frau­en, die un­auf­fäl­lig ge­klei­det sind, spre­chen Män­ner in der Sta­ti­on an und zie­hen sich mit ih­nen ge­ge­be­nen­falls in na­he Parks zu­rück oder fah- ren ein paar Sta­tio­nen auf die Do­nau­in­sel. Die Po­li­zei stuft die­se Ent­wick­lung der­zeit aber als Rand­phä­no­men ein.

Auch si­cher­lich nütz­lich sind die Sprach­kennt­nis­se der So­zi­al­ar­bei­ter, wenn sie sich mit je­nen Men­schen be­schäf­ti­gen, die vor al­lem am Abend den Pra­ter­stern auf­su­chen, um hier beim Ca­ni­si­bus der Ca­ri­tas zu es­sen. Vie­le von ih­nen kom­men ge­ra­de vom Schwarz­ar­bei­ter­strich – oder il­le­ga­len Bau­stel­len, wo sie sich ein paar Eu­ro ver­die­nen. Man­che von ih­nen ha­ben so­gar klei­ne le­ga­le Jobs in Wi­en, aber zu we­nig Geld, um sich ei­ne rich­ti­ge Woh­nung leis­ten zu kön­nen. Die Ob­dach­lo­sen ha­ben Ge­sell­schaft. Al­lein im März ha­ben die Leu­te vom Ca­ni­si­bus 1000 Por­tio­nen Es­sen mehr aus­ge­teilt als im März 2015. Der Bus macht hier seit vie­len Jah­ren je­den Abend halt – ur­sprüng­lich, um die tra­di­tio­nell an­ge­sie­del­ten Ob­dach­lo­sen zu ver­sor­gen.

Für die­se Grup­pe hat das Ro­te Kreuz vor gut ei­nem Jahr das Ta­ges­zen­trum Stern in der na­hen Darwin­gas­se er­öff­net. 30 Woh­nungs­lo­se, so Mar­ti­na Pint, die Lei­te­rin, hal­ten sich dort je­den Tag auf, mehr­mals täg­lich ge­hen Mit­ar­bei­ter zum Pra­ter­stern, um ih­re Kli­en­tel dar­auf (und auf Be­ra­tungs­mög­lich­kei­ten) auf­merk­sam zu ma­chen. Wi­ens Dro­gen­ko­or­di­na­tor, Micha­el Dress­ler, hat die Zahl der Al­ko­ho­li­ker am Pra­ter­stern zu­letzt mit 50 be­zif­fert. Ty­pi­scher­wei­se sind das Ost­eu­ro­pä­er, meist aus Po­len oder Un­garn.

Aber auch vie­le Ös­ter­rei­cher sind dar­un­ter. Im­mer wie­der hört man, die Ob­dach­lo­sen­sze­ne ver­la­ge­re sich zu­neh­mend in den Be­zirk hin­ein. Ver­drängt von der Dro­gen­sze­ne, von den ara­bisch­stäm­mi­gen Pro­blem­grup­pen. Mar­ti­na Pint sagt, un­ter ih­ren Kli­en­ten hö­re man aber kaum von Kon­flik­ten un­ter­ein­an­der, „die Grup­pen ha­ben am Pra­ter­stern al­le ih­re Plät­ze“.

Das Kli­en­tel am Pra­ter­stern birgt so­zia­len Brenn­stoff, da sind sich die Ex­per­ten ei­nig. Kei­ner der So­zi­al­ar­bei­ter spricht Far­si oder Ara­bisch. Dol­met­scher gibt es nicht.

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