Fros­ti­ge Zei­ten für Obst­bau­ern

Frü­he Obst­blü­te. Wer je Nacht­frost im Obst­gar­ten er­lebt hat, ver­gisst das nicht so schnell wie­der. Ins­be­son­de­re, wenn der Obst­bau­er aben­teu­er­lichs­te Ge­gen­maß­nah­men er­greift.

Die Presse am Sonntag - - Garten - VON UTE WOLTRON UTE WOLTRON

Erst der Nacht­frost, dann ein Gr­ab aus schwe­rem, pat­zi­gem Schnee. Im Vor­jahr ein Hit­ze­som­mer fast oh­ne Re­gen, der so­wie­so schon nach­hal­ti­ge Schä­den auf den Flu­ren hin­ter­las­sen hat: Die Land­wir­te kön­nen ei­nem die­ser Ta­ge wirk­lich leid­tun. Zur jetzt schon wirk­lich sehr lan­ge ex­trem wid­ri­gen Wit­te­rung kom­men noch da­zu: von EUSank­tio­nen ge­sperr­te Ab­satz­märk­te bei gleich­zei­ti­ger To­tal­bü­ro­kra­ti­sie­rung der Land­wirt­schaft. Wenn du ei­nen Baum fäl­len willst, musst du ein For­mu­lar aus­fül­len.

Die Bau­ern, so heißt es dann üb­li­cher­wei­se so­gleich re­flex­ar­tig, wür­den oh­ne­hin al­le nur von den Agrar­sub­ven­tio­nen le­ben. Doch ganz so toll kann ih­re Si­tua­ti­on dann auch wie­der nicht sein, wenn täg­lich meh­re­re Be­trie­be das Hand­tuch wer­fen, vor al­lem die klei­nen Bau­ern ih­re Hö­fe ver­las­sen und auf­ge­ben. In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren hat das im­mer­hin ein Drit­tel aller Be­trie­be ge­tan: zu­ge­sperrt.

Wie schmerz­lich es ist, wenn sich der Nacht­frost bei­spiels­wei­se über ei­ne Obst­plan­ta­ge legt, muss man erst ein­mal er­lebt ha­ben, das ver­gisst man nie wie­der. Vie­le ban­ge Näch­te gab es da in mei­ner Kind­heit, vie­le be­sorg­te Bli­cke gen Him­mel und gro­ße Er­leich­te­rung, wenn er abends ge­ra­de noch recht­zei­tig dicht mach­te, wenn zum Glück Wol­ken auf­zo­gen und die groß­vä­ter­li­chen Ma­ril­len-, Bir­nen- und Ap­fel­bäu­me vor der Käl­te des Wel­talls ab­schirm­ten. Wir Land­men­schen mö­gen Wol­ken. Sie sind uns im­mer will­kom­men. Nur nicht die gelb ge­rän­der­ten schwar­zen an hei­ßen Som­mer­ta­gen, die brin­gen den Ha­gel. Lang­jäh­ri­ger Ge­fähr­te. Wenn es uns, den am Grü­nen Pri­vat­ver­gnüg­ten, ei­nen Gar­ten ver­ha­gelt, ei­ne Obst­ern­te ab­friert, so ist das zwar schmerz­lich, aber was soll’s. Wir le­ben ja nicht da­von. Für die Obst­bau­ern be­deu­ten die letz­ten paar Ta­ge je­doch weit mehr als fi­nan­zi­el­len Ver­lust. So ein Obst­baum ist ein lang­jäh­ri­ger Ge­fähr­te, der ge­pflegt, er­zo­gen, ge­schnit­ten, ver­sorgt wer­den muss. Den stellt man nicht ein­fach auf den Acker und pflückt dann Äp­fel, Bir­nen und so wei­ter. Den muss man be­treu­en, über lan­ge Jah­re, und dann erst wirft er Ern­te ab.

Die Obst­bau­ern ver­such­ten in die­sen ver­gan­ge­nen kal­ten Näch­ten noch zu ret­ten, was zu ret­ten war, und spann­ten die Ha­gel­net­ze als Frost­schutz auf. Dass gleich dar­auf der nas­se, schwe­re Schnee kom­men und nicht nur die­se auch noch rui­nie­ren, son­dern gan­ze Plan­ta­gen un­ter sich be­gra- ben und die Äs­te bre­chen wür­de, war wirk­lich ein ex­tre­mes Pech.

Mein Groß­va­ter se­lig gab selt­sa­mer­wei­se we­nig auf Äp­fel. Er war all­jähr­lich viel mehr um sei­ne noch viel emp­find­li­che­ren Pfir­si­che, vor al­lem aber um die Ma­ril­len be­sorgt. Ewig blüh­ten die­se zu früh, mit­un­ter schon im Fe­bru­ar, wenn sich die Son­ne in kla­ren Pha­sen ta­ge­lang am Süd­hang an­lehn­te. Er strich die Stäm­me weiß, da­mit sie sich nicht zu schnell er­hit­zen und in Saft schie­ßen wür­den. Er pro­bier­te ver­schie­de­ne Ma­ril­len­sor­ten aus, wo­bei die Un­ga­ri­sche Ro­sen­ma­ril­le das fa­mi­li­en­in­ter­ne Ma­ril­len­knö­del­wet­tes­sen dank ih­res wun­der­ba­ren Aro­mas do­mi­nier­te. Doch ins­ge­samt blieb die Ma­ril­len­si­tua­ti­on meist un­be­frie­di­gend.

Mer­ke: Süd­hän­ge auf 420 Me­ter See­hö­he eig­nen sich nicht für die­se doch eher süd­li­chen Bäu­me. Man kann sie als Spa­lier­baum un­ter ei­nen schüt­zen­den Vor­sprung stel­len, wie das die Ti­ro­ler zu tun pfle­gen. Doch un­ge­schütz­te Bäu­me tra­gen in solch un­güns­ti­gen La­gen nur al­le paar Jah­re, wenn man wet­ter­mä­ßig Glück hat.

Die­ses her­aus­zu­for­dern war mei­nes Groß­va­ters Lei­den­schaft, und die Ma­ril­len wa­ren sei­ne hoff­nungs­lo­se Ob­ses­si­on. Er be­sprüh­te die Blü­ten mit Was­ser, als die so­ge­nann­te Frost- schutz­be­reg­nung in Mo­de kam. Denn ge­frie­ren­des Was­ser setzt Kris­tal­li­sa­ti­ons­wär­me frei. Das funk­tio­niert je­doch nur bei feins­ter Be­reg­nung und nicht mit dem Gar­ten­schlauch, wie er fest­stel­len muss­te.

Ei­nes sehr kal­ten Früh­lings­nach­mit­tags zeich­ne­te sich wie­der ein­mal ei­ne kla­re Frost­nacht und da­mit das En­de der ge­ra­de be­gon­ne­nen Ma­ril­len­blü­te ab. Die Stim­mung ging eben­falls ge­gen null. Der Groß­va­ter be­gann, al­le ver­füg­ba­ren me­tal­le­nen Ton­nen durch sei­ne klei­ne Obst­plan­ta­ge zu rol­len und al­le Vor­rä­te an brenn­ba­ren mi­ne­ra­li­schen Sub­stan­zen her­vor­zu­ho­len. Wel­che das wa­ren, will man heu­te gar nicht mehr wis­sen. Er kipp­te je­den­falls reich­lich da­von in je­des Fass und be­hielt das Ther­mo­me­ter im Au­ge.

Näch­tens ent­zün­de­te er dann sei­ne Feu­er, um durch Rauch und Qualm für ei­ne iso­lie­ren­de De­cke zu sor­gen, so wie das die­ser Ta­ge die Obst­bau­ern mit an­ge­zün­de­ten Heu­bal­len ta­ten. Der nächs­te Mor­gen brach kris­tall­klar und ei­sig an. Die Ma­ril­len­ern­te war trotz aller Be­mü­hun­gen kom­plett hin­über, das ge­sam­te Are­al war da­für mit schwärz­li­chem Ruß über­zo­gen. Der schwar­ze Gar­ten, den die Künst­le­rin Jen­ny Hol­zer Jahr­zehn­te spä­ter an­leg­te, war ein Lich­ter­meer da­ge­gen. Sie wol­len in Ru­he ge­las­sen und an ein und der­sel­ben Stel­le sehr alt wer­den.

Doch heu­er hat sich die Pflan­ze of­fen­bar ei­nes Bes­se­ren be­son­nen und be­schlos­sen, lang ge­nug ein­ge­wur­zelt Kräf­te ge­sam­melt zu ha­ben. Sie blüht. Ge­duld bleibt al­so ei­ne der Er­folg ver­spre­chen­den Tu­gen­den des Gärt­ners. Wer gel­be Pfingst­ro­sen sucht, wird wohl nur in Spe­zi­al­gärt­ne­rei­en fün­dig, kann dort aber aus ver­schie­dens­ten ge­füll­ten und un­ge­füll­ten Sor­ten wäh­len. 30 Ar­ten. Die Ta­xo­no­mie, al­so das Klas­si­fi­ka­ti­ons­sche­ma der in Chi­na seit zu­min­dest tau­send Jah­ren kul­ti­vier­ten Pfingst­ro­sen ist ein we­nig kom­pli­ziert. Die Gat­tung Paeo­nia ent­hält rund 30 Ar­ten in drei Sek­tio­nen. Für uns Hob­by­gärt­ner bleibt ei­gent­lich nur die Un­ter­schei­dung zwi­schen Strauch- und Stau­den­pfingst­ro­se wich­tig.

Ute Woltron

Die Blü­ten vie­ler Obst­bäu­me sind sehr emp­find­lich ge­gen­über Käl­te.

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