Auf­recht ge­gen sich selbst

Seit ei­nem Mo­nat de­mons­trie­ren Ju­gend­li­che in Paris un­ter dem Mot­to »Nuit De­bout« (Auf­recht durch die Nacht). Sie wol­len Re­for­men ver­hin­dern, die ih­nen ei­gent­lich hel­fen wür­den.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON JA­KOB ZIRM

Die Es­ka­la­ti­on kam in der Nacht auf Frei­tag. Ge­werk­schaf­ten hat­ten zu lan­des­wei­ten De­mons­tra­tio­nen ge­gen Re­for­men der Re­gie­rung Hol­lan­de auf­ge­ru­fen. Die­se schlu­gen nach Ein­bruch der Dun­kel­heit in Ge­walt um. Und sie ha­ben auch die Pro­tes­tie­rer des Place de la Re­pu­bli­que´ mit­ge­ris­sen, die seit knapp ei­nem Mo­nat un­ter dem Mot­to „Nuit De­bout“(Auf­recht durch die Nacht) ge­gen eben­die­se Re­gie­rungs­plä­ne weit­ge­hend fried­lich dis­ku­tie­ren, sin­gen und tan­zen. Die Fol­ge: bren­nen­de Au­tos, Ver­letz­te, Ver­haf­te­te. Ei­ne Si­tua­ti­on, die sich an die­sem Wo­che­n­en­de wohl wie­der­ho­len dürf­te. So wird der heu­ti­ge 1. Mai in Frank­reich ja be­reits tra­di­tio­nell mit kraft­fahr­zeug­li­chen Leucht­feu­ern – sehr zum Scha­den Un­be­tei­lig­ter – be­gan­gen.

Vor die­sem jüngs­ten Ab­glei­ten in die Ge­walt blieb es auf dem knapp 35.000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Platz im Nor­den des Pa­ri­ser Zen­trums je­doch in der Re­gel ru­hig. Ob­wohl sich seit dem 31. März je­den Abend Tau­sen­de meist Ju­gend­li­che oder jun­ge Er­wach­se­ne ver­sam­mel­ten. So wa­ren es auch die pro­gram­ma­ti­schen Re­den von Vor­tra­gen­den wie dem grie­chi­schen Ex-Fi­nanz­mi­nis­ter Yan­nis Va­rou­fa­kis oder die ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Ab­stim­mun­gen, die auch hier­zu­lan­de bei vie­len Men­schen gro­ße Sym­pa­thi­en für die „Auf­rech­ten“weck­ten. In so­zia­len Netz­wer­ken gab es in den ver­gan­ge­nen Wo­chen re­gel­mä­ßig schmach­ten­de Re­mi­nis­zen­zen an den Mai 1968.

Doch wie schaut es ei­gent­lich in­halt­lich mit Nuit De­bout aus? Viel­fach geht es bei der Be­we­gung um ein dif­fu­ses An­ti­ka­pi­ta­lis­mus­ge­fühl. Ein Grund, wes­halb sie von vie­len Be­ob­ach­tern und Kom­men­ta­to­ren be­reits mit Oc­cu­py Wall Street ver­gli­chen wird. Al­ler­dings sind die Pro­tes­te von Nuit De­bout in ei­nem Punkt we­sent­lich kon­kre­ter: So wird von ei­ner Viel­zahl der Red­ner auf dem Place de la Re­pu­bli­que´ die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on der Ju­gend­li­chen the­ma­ti­siert. Es gä­be ei­ne Schief­la­ge zu­las­ten jun­ger Men­schen in der Ge­sell­schaft, so der Te­nor. Als Be­wei­se wer­den die ho­he Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit und die ho­he Zahl pre­kä­rer Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se ge­nannt. Fal­sche The­ra­pie. Ei­ne Dia­gno­se, mit der die Pro­tes­tie­rer ziem­lich rich­ti­glie­gen. Denn die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit be­trägt in Frank­reich fast 25 Pro­zent. Das Land liegt so­mit nicht nur fünf Pro­zent­punk­te über dem EU-Schnitt, es wird auch nur von süd­li­chen Kri­sen­staa­ten wie Grie­chen­land, Spa­ni­en oder Por­tu­gal so­wie Ita­li­en über­holt. Und auch die Kri­tik an den pre­kä­ren Ar­beits­ver­hält­nis­sen ist be­rech­tigt: Mehr als die Hälf­te aller 15- bis 24-Jäh­ri­gen hat in Frank­reich nur ei­nen be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag. Bei neu­en Ver­trä­gen ha­ben so­gar gut 90 Pro­zent von An­fang an ein Ablauf­da­tum.

Um­so be­mer­kens­wer­ter ist an­ge­sichts die­ser Dia­gno­se je­doch die von den De­mons­tran­ten ge­wünsch­te The­ra­pie. An­lass für die all­abend­li­chen Pro­tes­te war näm­lich die Ar­beits­markt­re­form der Re­gie­rung, die am kom­men­den Di­ens­tag in der Na­tio­nal­ver­samm­lung be­han­delt wer­den soll. In die­ser Re­form sind zwei Kern­punk­te ent­hal­ten: Die Auf­wei­chung der 35-St­un­den-Wo­che so­wie die Lo­cke­rung des Kün­di­gungs­schut­zes bei per­ma­nen­ten Ar­beits­ver­hält­nis­sen. Bei­des dür­fe nicht ge­macht wer­den, so die For­de­rung von Nuit De­bout.

Es scheint sich bis­her al­so noch kein Öko­no­mie­stu­dent un­ter die Pro­tes­tie­rer ver­irrt zu ha­ben. Denn in der Volk­wirt­schafts­leh­re ist die Sa­che ei­gent­lich ziem­lich klar, wie ei­ne Viel­zahl von theo­re­ti­schen und em­pi­ri­schen Ar­bei­ten zeigt, die et­wa die OECD jähr­lich in ih­rem „Em­ploy­ment Out­look“zi­tiert: Es gibt ei­nen ganz kla­ren Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Kün­di­gungs­schutz für Fix­an­ge­stell­te und den pre­kä­ren Ar­beits­ver­hält­nis-

Pro­zent

der 15- bis 24-jäh­ri­gen Fran­zo­sen ar­bei­ten mit ei­nem be­fris­te­ten Ver­trag.

Pro­zent

der neu ab­ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­trä­ge in Frank­reich ha­ben von An­fang an ein Ablauf­da­tum. sen. „In Län­dern mit ho­hem Kün­di­gungs­schutz für Fix­an­ge­stell­te, müs­sen je­ne mit be­fris­te­ten Ver­trä­gen (meis­tens Ju­gend­li­che oder an­de­re be­nach­tei­lig­te Grup­pen) die Haupt­last der Be­schäf­ti­gungs­an­pas­sung schul­tern“, so die OECD in ih­rem „Out­look“2014. Und wei­ter: „,In­si­der‘ mit fi­xen Ver­trä­gen kön­nen oh­ne Jo­b­ri­si­ko ih­re Ge­halts­for­de­run­gen durch­set­zen, wäh­rend die ne­ga­ti­ven Ef­fek­te da­von nur die ,Outs­ider‘ in be­fris­te­ten Ver­hält­nis­sen be­tref­fen.“So­wohl die hö­he­re Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit als auch die ge­rin­ge­ren Ver­dienst­mög­lich­kei­ten der Ju­gend­li­chen las­sen sich da­mit er­klä­ren.

Dass es kei­ne Hi­re-and-fi­re-Po­li­tik nach US-Vor­bild braucht, um Än­de­run­gen zu er­zie­len, zeigt der in­ter­na­tio­na­le Ver­gleich. So ist et­wa in Ös­ter­reich der Kün­di­gungs­schutz deut­lich lo­cke­rer als in Frank­reich, oh­ne dass das Land ein Hort der so­zia­len Käl­te wä­re. Da es je­doch re­la­tiv leicht mög­lich ist, Mit­ar­bei­ter zu kün­di­gen, ha­ben die Fir­men auch we­ni­ger Angst, fi­xe Ver­trä­ge zu ver­ge­ben. Selbst un­ter den

Auch hier­zu­lan­de gibt es viel Sym­pa­thie für die Pro­tes­te der »Auf­rech­ten«. Da es mög­lich ist zu kün­di­gen, ha­ben Fir­men we­ni­ger Angst, Mit­ar­bei­ter an­zu­stel­len.

Ju­gend­li­chen ar­bei­tet nur ein Drit­tel in be­fris­te­ten Ver­trä­gen. Dass dies nicht mit der all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on des Lan­des zu­sam­men­hängt, zeigt wie­der­um der Ver­gleich mit Deutsch­land. Dort läuft die Wirtschaft zwar bes­ser, aber es gibt wie in Frank­reich ei­nen ri­go­ro­sen Kün­di­gungs­schutz. Die Fol­ge: Auch in Deutsch­land ar­bei­tet mehr als die Hälf­te der 15- bis 24-Jäh­ri­gen mit Ablauf­da­tum.

Die Ju­gend­li­chen vom Place de la Re­pu­bli­que´ soll­ten al­so de­mons­trie­ren. Al­ler­dings für ei­ne schnel­le Um­set­zung der Re­for­men. Statt­des­sen wol­len sie sich nun mit den Ge­werk­schaf­ten bei ih­rem Kampf ge­gen die Re­gie­rung ver­bün­den. Es scheint so, als ob die In­si­der die Outs­ider wie­der ein­mal ge­schickt an der Na­se her­um­füh­ren.

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