WOLF­GANG CLE­MENT

Die Presse am Sonntag - - Eco -

trägt auch sehr viel zur Ve­r­un­si­che­rung bei. Wir wir­ken, als sei­en wir den Ent­wick­lun­gen aus­ge­lie­fert. Statt­des­sen soll­ten wir Eu­ro­pä­er die Welt stär­ker mit­ge­stal­ten. Schon der frü­he­re US-Au­ßen­mi­nis­ter Kis­sin­ger frag­te: Was ist die Te­le­fon­num­mer Eu­ro­pas? Mei­net­we­gen soll es zwei oder drei Te­le­fon­num­mern ge­ben. Aber es gibt kei­ne ge­mein­sa­me Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Wir sind in Eu­ro­pa nicht in der La­ge, un­se­re ei­ge­ne Si­cher­heit zu ge­währ­leis­ten. Und in ei­nem Kli­ma der Un­si­cher­heit wird nicht in­ves­tiert. Wir müs­sen zual­ler­erst in die Si­cher­heit in­ves­tie­ren. Wenn al­le 28 EU-Län­der ih­re Mi­li­tär­bud­gets ad­die­ren, er­rei­chen sie 50 Pro­zent des US-Mi­li­tär­bud­gets. Und wir er­rei­chen mit die­sen 50 Pro­zent nur zehn Pro­zent der mi­li­tä­ri­schen Kraft der USA. Wir ver­geu­den al­so auch noch Geld und Res­sour­cen, weil wir kei­ne ge­mein­sa­me Ver­tei­di­gungs­po­li­tik ha­ben. Frü­her wa­ren die­se mi­li­tä­ri­schen Kon­flik­te weit weg, jetzt füh­ren sie bei uns zu so­zia­len Pro­ble­men. Der frü­he­re fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Sar­ko­zy hat einst ei­ne eu­ro­päi­sche Mit­tel­meer-Po­li­tik ge­for­dert. Das ha­ben wir im Nor­den al­le ab­ge­lehnt. Er hat­te na­tür­lich recht. Wenn wir das Mit­tel­meer nicht als eu­ro­päi­sches Meer be­trach­ten, dann wer­den wir dort nie Ru­he be­kom­men. Dann wer­den wir noch stär­ker von Im­mi­gra­ti­on be­trof­fen sein als der­zeit. Wir müs­sen ver­su­chen, mit al­len Mit­tel­meer­staa­ten ge­mein­sam ei­ne Ord­nung her­zu­stel­len. Ob uns die Macht­ha­ber dort pas­sen oder nicht. Wir wer­den in Afri­ka mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­sen. Die Flücht­lings­wel­le aus Vor­der­asi­en ist nur ein Vor­ge­schmack auf das, was uns künf­tig aus Afri­ka er­war­tet? 1950 hat­te Afri­ka halb so vie­le Ein­woh­ner wie Eu­ro­pa. 2050 wer­den in Afri­ka 2,5 Mil­li­ar­den Men­schen le­ben – al­so drei­mal so vie­le wie in Eu­ro­pa. Und wir kön­nen uns vor­stel­len, wo­hin es die jun­gen Men­schen dann drän­gen wird. Der­zeit lö­sen wir das Pro­blem mit Grenz­zäu­nen. Das Pro­blem lässt sich von uns und von der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on nur mit ei­nem neu­en Ver­ständ­nis von Part­ner­schaft lö­sen. Wir müs­sen uns in Afri­ka stär­ker wirt­schaft­lich en­ga­gie­ren und ver­su­chen, der Ju­gend dort ei­ne Per­spek­ti­ve zu ge­ben. Ei­ne Ju­gend oh­ne Per­spek­ti­ven fin­den Sie auch in Sü­d­eu­ro­pa, da müs­sen wir nicht nach Afri­ka bli­cken. Ja, und das heißt: Bes­se­res Bil­dungs­sys­tem, un­se­re dua­le Aus­bil­dung ex­por­tie­ren. Wir müs­sen da auch über mehr Geld re­den. Als ob die So­zi­al­sys­te­me in Deutsch­land oder Ös­ter­reich nicht schon ge­nug Geld ver­schlin­gen wür­den. In Deutsch­land flie­ßen 55 Pro­zent der Bud­get­mit­tel ins So­zi­al­sys­tem. Ob wir das bei­be­hal­ten kön­nen, wa­ge ich zu be­zwei­feln. Sie ha­ben schon vor zehn Jah­ren ge­sagt, dass der So­zi­al­staat nicht mehr fi­nan­zier­bar ist. Er steht noch im­mer. Und in Deutsch­land be­schlie­ßen wir schon wie­der ei­ne Ren­ten­er­hö­hung. Die letz­te kos­tet jähr­lich zehn Mil­li­ar­den. Wenn ich mir vor­stel­le, wir hät­ten das Geld in Kin­der­gär­ten und Schu­len ge­steckt, hät­ten wir vie­le so­zia­le Pro­ble­me der Zu­kunft be­reits ge­löst. Wir müs­sen mehr in die Zu­kunft in­ves­tie­ren, statt an­dau­ern die Ver­gan­gen­heit zu re­pa­rie­ren. Aber es ge­hen mehr Al­te wäh­len. Wir müs­sen auch die Al­ten an­ders be­trach­ten. Sie sind näm­lich viel ak­ti­ver, als die Po­li­tik es se­hen will. 40 Pro­zent der deut­schen Pen­sio­nis­ten bis 70 sa­gen, dass sie gern noch ar­bei­ten wür­den. Nur sie­ben Pro­zent sa­gen das aus fi­nan­zi­el­len Grün­den. Ar­beit be­deu­tet, ei­ne Auf­ga­be ha­ben, sei­ne Er­fah­rung ein­brin­gen kön­nen, un­ter Men­schen sein. Je­des zwei­te Mäd­chen, das heu­te ge­bo­ren wird, wird 100 Jah­re alt. Das ist ein Ge­winn an Le­ben. Mei­ne El­tern sind noch vor der durch­schnitt­li­chen for­dert ei­ne ge­mein­sa­me Si­cher­heits­po­li­tik in Eu­ro­pa. Le­bens­er­war­tung ge­stor­ben. Die lag da­mals bei 65 Jah­ren und vier Mo­na­ten. Mein Va­ter hät­te nie da­von ge­träumt, so zu le­ben wie ich es tue. Aber un­se­re Pen­si­ons­sys­te­me stam­men aus der Zeit Ih­res Va­ters. Rich­tig. Ich bin der Mei­nung, dass wir gar kei­ne ge­setz­li­che Vor­ga­be dar­über brau­chen, wie lang der Mensch ar­bei­ten darf. Von mei­nem Schul­ein­tritt mit sechs Jah­ren bis zu mei­nem Ab­schied aus der Po­li­tik mit 65 war al­les in mei­nem Le­ben staat­lich re­gu­liert. Jetzt ist die ein­zi­ge Zeit, in der ich völ­lig frei bin. Das ist ein sa­gen­haf­tes Ge­fühl. Und nicht nur für mich, der ich in ei­ner pri­vi­le­gier­ten Si­tua­ti­on bin. Sie glau­ben tat­säch­lich, dass die Leu­te frei­wil­lig län­ger ar­bei­ten wür­den und dass die Un­ter­neh­men die Leu­te frei­wil­lig län­ger be­schäf­ti­gen wür­den? Ja, ich glau­be, dass sich auch die Un­ter­neh­men um­stel­len wer­den. Wir re­den ja heu­te schon ab ei­nem Al­ter von 50 vom be­vor­ste­hen­den Ru­he­stand. Das muss al­les weg. Aber noch eben spra­chen wir von den vie­len Jun­gen, die kei­ne Zu­kunft ha­ben. Und jetzt sol­len die Al­ten län­ger ar­bei­ten. Wir müs­sen da­mit Schluss ma­chen, dass die Jun­gen in der Schu­le oder Be­rufs­aus­bil­dung schei­tern. Wir müs­sen den Frau­en ins­be­son­de­re nach den Kin­dern mehr Chan­cen ge­ben, in den Be­ruf zu­rück­zu­keh­ren. Und dann brau­chen wir ein an­de­res Ver­ständ­nis für das Äl­ter­wer­den. Auf­grund des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels wer­den wir dann im­mer noch qua­li­fi­zier­te Zu­wan­de­rung be­nö­ti­gen. Der­zeit geht es aber nicht um qua­li­fi­zier­te Zu­wan­de­rer, son­dern dar­um, Kriegs­flücht­lin­gen Schutz zu bie­ten. Nur ei­ne mi­ni­ma­le Zahl kommt auf­grund von Ver­fol­gung. Kriegs­flücht­lin­ge müs­sen na­tür­lich bei uns Schutz be­kom­men, aber sie müs­sen wie­der in ihr Land zu­rück­ge­hen, wenn dies mög­lich ist. Wir müs­sen den Kriegs­flücht­lin­gen auch die Chan­ce ge­ben, dass sie blei­ben kön­nen, wenn sie sich qua­li­fi­zie­ren. Des­halb brau­chen wir kla­re Kri­te­ri­en für qua­li­fi­zier­te Zu­wan­de­rung. Aber ei­gent­lich wä­re es na­tür­lich am bes­ten, es ge­hen auch die Qua­li­fi­zier­ten zu­rück und brin­gen ihr ei­ge­nes Land in Ord­nung.

Cle­mens Fa­b­ry

Wolf­gang Cle­ment ist heu­te Vor­sit­zen­der der Initia­ti­ve Neue So­zia­le Markt­wirt­schaft.

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