Ein Teu­fel na­mens YouTube

Oh­ne Geld kei­ne Mu­si? Von we­gen: Nir­gends boomt der Kon­sum von Klän­gen so wie auf YouTube – aber die Mu­sik­in­dus­trie ver­dient dar­an nur we­nig. Nun macht sie ge­gen die be­denk­lich be­lieb­te Vi­deo­platt­form von Goog­le mo­bil.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON KARL GAULHOFER

YouTube ist der Teu­fel.“Das sagt ei­ner, der Be­scheid wis­sen soll­te. Zwar nicht un­be­dingt über die Mäch­te des Bö­sen, aber doch übers Mu­sik­ge­schäft. Pe­ter Mensch hat als Ma­na­ger schon Ma­don­na, Led Zep­pe­lin und AC/DC zu Ruhm und Reich­tum ver­hol­fen. Er sorgt heu­te für Me­tal­li­ca, die Red Hot Chi­li Pep­pers und Mu­se. Und er ver­brei­tet ge­ra­de düs­te­re Pro­phe­zei­un­gen über das un­heil­vol­le Wir­ken der all­zu be­lieb­ten Vi­deo­platt­form: „Wir be­kom­men über­haupt nichts be­zahlt. Wenn nie­mand et­was ge­gen YouTube un­ter­nimmt, sind wir er­le­digt.“

Aber die Mäch­te des Lichts for­mie­ren sich. In der ver­gan­ge­nen Wo­che ha­ben die drei größ­ten Mu­sik­la­bels ge­gen die Goog­le-Toch­ter mo­bil ge­macht. Uni­ver­sal, So­ny und War­ner be­schwer­ten sich bei der US-Ur­he­ber­rechts­be­hör­de: Das Fil­ter­sys­tem, das nicht li­zen­zier­te Vi­de­os er­ken­nen soll, funk­tio­nie­re nicht rich­tig. Da­durch ent­ge­he ih­nen viel Geld. Auch der Welt­ver­band der Mu­sik­wirt­schaft bringt sei­ne Ge­schüt­ze in Stel­lung: In sei­nem jüngst ver­öf­fent­lich­ten Jah­res­be­richt be­klagt der If­pi ei­ne „fun­da­men­ta­le Schwä­che“des Mark­tes, ei­ne „Ver­zer­rung, die Künst­ler und La­bels ih­res fai­ren Er­trags be­raubt“. Es wer­den auch die Übel­tä­ter aus­ge­macht, oh­ne Na­men zu nen­nen: „di­gi­ta­le Auch be­kann­te Künst­ler wie La­dy Ga­ga se­hen we­nig von den Ein­nah­men der Vi­deo­platt­form. Diens­te“, bei de­nen „Nut­zer selbst hoch­la­den“. Da gibt es ein paar klei­ne Fische, wie Sound­cloud oder Dai­ly Mo­ti­on. Aber nur ei­nen ganz Gro­ßen. Schuld ist al­so YouTube.

War­um das Feu­er aus al­len Roh­ren? Ei­gent­lich könn­te sich die Bran­che ja freu­en: Das ers­te Mal seit fast zwei Jahr­zehn­ten ist der Markt im Vor- jahr kräf­tig ge­wach­sen, mit über drei Pro­zent. Ge­trie­ben ha­ben die Ent­wick­lung ent­gelt­li­che Strea­m­in­gdi­ens­te wie Spo­ti­fy, Dee­zer und App­le Mu­sic. Ge­gen ein mo­nat­li­ches Abo la­den sich dort die Nut­zer ih­re Lieb­lings­lie­der nicht dau­er­haft, son­dern für den au­gen­blick­li­chen Hör­ge­nuss her­un­ter. Die stei­gen­de Über­tra­gungs­ge­schwin­dig­keit hat das Ab­ru­fen von Mu­sik im Netz im­mer at­trak­ti­ver ge­macht. Aber die Be­zahl-Abos sind hier nur die Spit­ze ei­nes Eis­ber­ges. Tat­säch­lich ist der Kon­sum von Klän­gen durch das Strea­m­ing ge­ra­de­zu ex­plo­diert – aber dort, wo er nichts kos­tet. Beim Gra­tis­ba­sis­dienst von Spo­ti­fy et­wa, vor al­lem aber auf YouTube: Sich dort ein Vi­deo an­zu­schau­en ist zugleich die be­lieb­tes­te Form, di­gi­tal Mu­sik zu hö­ren. Ein al­tes Pri­vi­leg. Die­se Ent­wick­lung ist der In­dus­trie ein Dorn im Au­ge, weil sie dar­an we­nig ver­dient. Nun sieht man die Chan­ce, das zu än­dern. Denn bei den drei Gro­ßen der Bran­che lau­fen heu­er die Li­zen­zie­rungs­ver­trä­ge mit Goog­le aus. Al­les ist neu zu ver­han­deln. Wie man am Sä­bel­ge­ras­sel hört, ste­hen die Zei­chen auf Krieg. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren herrsch­te ei­ne Art Waf­fen­still­stand im al­ten Streit der Rech­te­inha­ber mit der Platt­form. Die Fil­ter­tech­no­lo­gie (sie heißt Con­tent ID) soll ver­hin­dern, dass ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­tes Ma­te­ri­al er­folg­reich hoch­ge­la­den wird. Selt­sa­mer­wei­se ist YouTube da­zu gar nicht ver­pflich­tet. Ge­set­ze aus den frü­hen Ta­gen des In­ter­nets ge­wäh­ren sol­chen Platt­for­men ein „Haf­tungs­pri­vi­leg“– auch in Eu­ro­pa. Das heißt: Sie haf­ten nicht da­für, wenn Nut­zer il­le­gal hoch­la­den. Nur wenn der Ge­schä­dig­te sich be­schwert, müs­sen sie den In­halt vom Netz neh­men oder ei­ne Ver­wer­tung er­mög­li­chen. Das Recht soll­te da­mals, wie der Ver­band meint, „pas­si­ve Ver­mitt­ler schüt­zen“. Aber es pas­se nicht mehr zu Fir­men, die „ak­tiv Mu­sik ver­brei­ten“und die In­hal­te kom­mer­zi­ell er­folg­reich nut­zen – so wie die Abo-Diens­te.

Si­cher, es gibt den Fil­ter. Aber hat er auch nur ein klei­nes Leck, müs­sen die La­bels selbst nach Sün­dern fahn­den. Das ist wie mit den tau­send Köp­fen der Hy­dra: Kaum ist ein Vi­deo ge­löscht, taucht es schon wie­der auf. Wes­halb die Mu­sik­wirt­schaft ein neu- es, zeit­ge­mä­ßes Ge­setz for­dert. Aber das Ger­an­gel um den Um­gang mit il­le­ga­len Uploads ist nur ein Ne­ben­schau­platz. Vor al­lem geht es um die li­zen­zier­ten Vi­de­os, die der Mu­sik­be­trieb selbst für das Netz frei­gibt. Das muss er, um sei­ne Songs brei­ter be­kannt zu ma­chen. Frei­lich will er dar­an auch et­was ver­die­nen. Aber auch hier sitzt YouTube un­ter dem ju­ris­ti­schen Schutz­man­tel am län­ge­ren He­bel. In die Vi­de­os ver­packt sind Wer­be­ein­schal­tun­gen. Der grö­ße­re Teil der Er­lö­se da­für bleibt bei YouTube, nur ein klei­ne­rer geht an Plat­ten­fir­men und Künst­ler. Aber die­sen wird im­mer kla­rer, was für ein schlech­tes Ge­schäft sie da ma­chen.

Bei App­le Mu­sic schätzt man, dass YouTube für 40 Pro­zent des ak­ti­ven Mu­sik­kon­sums ver­ant­wort­lich ist. Aber nur vier Pro­zent der Ein­nah­men der Bran­che kom­men aus die­ser Qu­el­le. Noch deut­li­cher zeigt sich das Miss­ver­hält­nis im Ver­gleich der Strea­m­in­gPlatz­hir­sche: Von ei­nem bra­ven Abon­nen­ten kas­siert die Mu­sik­in­dus­trie im Schnitt knapp 30 Dol­lar im Jahr. Von ei­nem durch­schnitt­li­chen YouTu­bePi­ra­ten sind es küm­mer­li­che 70 Cent.

Aber die Sor­ge der Plat­ten­fir­men reicht über die ent­gan­ge­nen Ein­nah­men von heu­te hin­aus. Sie treibt auch die Sor­ge um, dass die Gra­tis(un)kul­tur im­mer stär­ker über­hand­nimmt. Ei­ne jun­ge Ge­ne­ra­ti­on, die mit dem üp­pi­gen An­ge­bot zum Null­ta­rif auf­wächst, könn­te bald gar nicht mehr be­reit sein, für ei­nen aus­ge­wähl­ten Song zu zah­len. Bei YouTube er­klärt man die­se Furcht für un­be­grün­det – mit ei­ner küh­nen Ar­gu­men­ta­ti­on: Im­mer schon sei nur ein Fünf­tel der Hö­rer be­reit ge-

»Wenn nie­mand et­was ge­gen YouTube un­ter­nimmt, sind wir er­le­digt.« Be­zahl­abos sind die Spit­ze des Eis­bergs. Der Kon­sum ex­plo­diert, wenn er nichts kos­tet. Ein bra­ver Abon­nent zahlt rund 30 Dol­lar im Jahr, ein YouTube-Pi­rat 70 Cent.

we­sen, für Mu­sik et­was aus­zu­ge­ben. Die­ser An­teil blei­be kon­stant. Für die Mu­si­ker und ih­re Ver­mark­ter sei die Vi­deo­platt­form des­halb ein Ge­schenk des Him­mels: Die Wohl­tä­ter aus dem Hau­se Goog­le er­laub­ten ih­nen, auch aus dem Mu­sik­kon­sum der gro­ßen Mehr­heit der Zah­lungs­un­wil­li­gen Ka­pi­tal zu schla­gen – durch den An­teil an den Wer­be­ein­nah­men. Frei­lich sei­en das kei­ne gro­ßen Be­trä­ge. Aber wer da­bei auf die Ein­nah­men aus Plat­ten­ver­käu­fen oder Strea­m­ing-Abos schie­le, ver­glei­che Äp­fel mit Bir­nen.

Beim ös­ter­rei­chi­schen Ver­band der Mu­sik­wirt­schaft schüt­telt man dar­über den Kopf – und ver­weist auf den star­ken Zu­wachs bei den ent­gelt­li­chen Strea­m­ing-Abos. Die Kon­su­men­ten sei­en al­so sehr wohl be­reit, für Mu­sik an­ge­mes­sen zu zah­len, der An­teil der Un­wil­li­gen sei nicht in Stein ge­mei­ßelt. Zu­dem lie­ge er in der west­li­chen Welt nicht bei 80, son­dern nur bei 50 Pro­zent. Ver­bands­chef Franz Med­we­ni­tsch will sich des­halb nicht mehr mit „mick­ri­gen De­als“ab­spei­sen las­sen. Die EU sol­le recht­lich „end­lich Klar­heit schaf­fen“: „Wir wol­len YouTube als Part­ner se­hen, aber auf Au­gen­hö­he!“

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