Licht­kunst für die Welt

In vier­ter Ge­ne­ra­ti­on führt die Fa­mi­lie Wö­ger­bau­er den Be­leuch­tungs­spe­zia­lis­ten Ko­larz in Brei­ten­furt. Tra­di­ti­on ja, Still­stand nein, ist die De­vi­se von Fir­men­chef Mar­tin Wö­ger­bau­er, der in Shang­hai ei­nen Pres­ti­ge­auf­trag an Land ge­zo­gen hat.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON HE­DI SCHNEID

540 Me­ter. Über dem Bo­den. Man glaubt, man schwebt. Al­ler­dings steht man nicht im Korb ei­nes Bal­lons, son­dern auf der höchs­ten Platt­form des Shang­hai To­wer, der mit 632 Me­tern nach dem Burj Kha­li­fa in Du­bai (828 Me­ter) das zweit­höchs­te Ge­bäu­de der Er­de ist. Mar­tin Wö­ger­bau­er ist in dem von dem ame­ri­ka­ni­schen Ar­chi­tek­tur­bü­ro Gens­ler ent­wor­fe­nen Turm mit­ten im Fi­nanz­zen­trum der chi­ne­si­schen Me­ga­me­tro­po­le qua­si zu Hau­se. Die von ihm in vier­ter Ge­ne­ra­ti­on ge­führ­te Fir­ma Ko­larz hat das fu­tu­ris­ti­sche Licht­de­sign für die Re­prä­sen­ta­ti­ons­räu­me in dem Wol­ken­krat­zer ent­wor­fen und ge­lie­fert.

Wie kommt ein Fa­mi­li­en­be­trieb aus Brei­ten­furt bei Wi­en zu ei­nem solch spek­ta­ku­lä­ren Auf­trag in Shang­hai? Im­mer­hin bringt das Pro­jekt, das Licht­de­sign für 5000 Qua­drat­me­ter um­fasst, drei Mil­lio­nen Eu­ro – ein Zehn­tel des Ge­samt­um­sat­zes von Ko­larz. „Wir sind schon seit fünf Jah­ren in Chi­na tä­tig und ha­ben uns auf ei­nen Tipp un­se­res chi­ne­si­schen Part­ners hin bei der Aus­schrei­bung be­tei­ligt“, er­zählt Wö­ger­bau­er, der mit sei­nem Bru­der Ste­fan das Un­ter­neh­men in vier­ter Ge­ne­ra­ti­on führt. Ge­hol­fen hät­ten die in der Volks­re­pu­blik schon er­folg­reich ab­ge­schlos­se­nen Pro­jek­te: „Wir sind dort nicht mehr ganz un­be­kannt.“

Als der Auf­trag dann fix war, ging es erst rich­tig los: 25.000 Mu­ra­no­glas­stä­be, die die 14 De­cken­leuch­ten mit je­weils fünf Me­tern Durch­mes­ser und acht Ton­nen Ge­wicht für den Ball­saal zie­ren, pro­du­zie­ren sich nicht im Hand­um­dre­hen. Da­zu ka­men noch 32 rie­si­ge Chrom-Fi­ber­glas-Hän­ge­leuch­ten für den Mul­ti­funk­ti­ons­raum. Bei den Toch­ter­fir­men in Nord­ita­li­en, die un­ter dem Na­men Kaal fir­mie­ren und un­ter an­de­rem für das Glas und die Gal­va­nik zu­stän­dig sind, und in der Pro­duk­ti­ons­hal­le in Mül­len­dorf bei Ei­sen­stadt wur­de ein hal­bes Jahr rund um die Uhr ge­ar­bei­tet. „So ei­nen Auf­trag be­kommt man nicht je­den Tag, da muss al­les stim­men. Schließ­lich ist das un­se­re Vi­si­ten­kar­te für wei­te­re Groß­pro­jek­te.“

Die Chan­cen ste­hen nicht schlecht, dass Wö­ger­bau­er dem­nächst wie­der nach Shang­hai flie­gen wird: Im obe­ren Drit­tel des To­wer ist auch ein Ho­tel ge­plant – „wir ha­ben uns schon be­wor­ben“, hofft Ko­larz, bei den äu­ßerst her­aus­for­dern­den Be­trei­bern des Hoch­hau­ses noch ein­mal punk­ten zu kön­nen.

Gu­te 70 Ta­ge pro Jahr ist Mar­tin Wö­ger­bau­er in aller Welt un­ter­wegs, um das ex­qui­si­te Licht­de­sign aus Ös­ter­reich zu ver­kau­fen. Wäh­rend sich der Be­triebs­wirt als „Au­ßen­mi­nis­ter“sieht, der Kon­tak­te pflegt und neue Pro­jek­te an Land zieht, ist sein tech­ni­kaf­fi­ner Bru­der mehr mit der prak­ti­schen Um­set­zung neu­er Ide­en be­fasst. Die­se schöpft der Fir­men­chef aus ei­nem reich­hal­ti­gen Re­ser­voir: Zum ei­nen ist da die fast hun­dert­jäh­ri­ge Fir­men­ge­schich­te, auf die auf­ge­baut wird. Vie­le der Krea­tio­nen ver­bin­den Tra­di­ti­on mit Mo­der­ne und ha­ben ei­nen Be­zug zur ös­ter­rei­chi­schen Kunst­ge­schich­te, im Be­son­de­ren zum Ju­gend­stil. Aber auch von Hun­dert­was­ser in­spi­rier­te De­signs fin­den sich auf den Licht­ob­jek­ten. Jun­ge De­si­gner. Aber Tra­di­ti­on al­lein ist heut­zu­ta­ge zu we­nig. Des­halb be­schäf­tigt die Fir­ma Ko­larz ei­ne gan­ze Rie­ge von De­si­gnern, auch jun­ge Künst­ler wer­den ein­ge­la­den, ih­re Fan­ta­si­en in Licht um­zu­set­zen. Und nicht zu­letzt tüf­telt Wö­ger­bau­er selbst un­un­ter­bro­chen an neu­en Ide­en. Wo er sich die­se holt? „Die Na­tur ist doch der bes­te Ar­chi­tekt“, schwärmt der schlan­ke Mitt­vier­zi­ger, der mit sei­ner Frau Eve­li­ne, die für die Öf­fent­lich­keits­ar­beit zu­stän­dig ist, die freie Zeit im Gar­ten ver­bringt oder bei lan­gen Spa­zier­gän­gen im Wald, der sich in Brei­ten­furt vor der Haus­tü­re aus­brei­tet. Die flo­ra­len Ele­men­te auf et­li­chen Lam­pen­se­ri­en und den da­zu ge­hö­ren­den Ac­ces­soires, wie zum Bei­spiel Va­sen, spie­geln die­se Aus­flü­ge wi­der.

Gar­ten­ar­chi­tekt – das wä­re auch Wö­ger­bau­ers al­ter­na­ti­ver Be­rufs­wunsch ge­we­sen. Das kommt nicht von un­ge­fähr: Der Ur­ur­groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits war Gärt­ner am Kai­ser­hof und hat die An­la­gen in Schön­brunn und im Bel­ve­de­re mit­ge­stal­tet. Aber es kam, wie es kom­men muss­te: In ei­nen Fa­mi­li­en­be­trieb wächst man hin­ein. „Schon als Sechs­jäh­ri­ger ha­be er auf Mes­sen die Auf­trags­blö­cke aus­ge­füllt und den Kun­den Bröt­chen ser­viert.“Nach dem Wirt­schafts­stu­di­um ha­be er da­her nicht nach­den­ken müs­sen, was er be­ruf­lich ma­che. „Ei­gent­lich ist das auch prak­tisch, oder?“

An­ge­fan­gen hat al­les vor fast 100 Jah­ren. Im Jahr 1918 grün­de­te Hanns Ko­larz, der Ur­groß­va­ter des heu­ti­gen Ge­schäfts­füh­rer-Brü­der­paars, in der Wie­ner Jo­sef­stadt ei­ne Lam­pen­schir­mMa­nu­fak­tur. Schon zu­vor hat­te es ein Un­ter­neh­men ge­ge­ben, aber mit der Pro­duk­ti­on von Sei­len war nach dem Ers­ten Welt­krieg Schluss. 200 Ar­bei­te­rin­nen fer­tig­ten und be­mal­ten da­mals Lam­pen­schir­me aus Stoff – ein durch­aus auf­stre­ben­des Ge­schäft im Zu­ge der Elek­tri­fi­zie­rung vie­ler Haus­hal­te.

Die Fir­ma ent­wi­ckel­te sich gut, und als der Va­ter über­nahm, knüpf­te er die Kon­tak­te zu ita­lie­ni­schen Glas­spe­zia­lis­ten in Mu­ra­no und an­de­ren klei­nen Be­trie­ben rund um Ve­ne­dig, die auf das Gal­va­ni­sie­ren und das Bie­gen von Draht spe­zia­li­siert sind. Die klas­si­schen Lam­pen­schir­me ver­schwan­den suk­zes­si­ve, statt­des­sen ge­wan­nen eben Glas und Me­tal­le wie Mes­sing und Chrom zu­se­hends an Be­deu­tung. 1970 wur­de es in der Wie­ner In­nen­stadt zu eng, und die Auf­la­gen für pro­du­zie­ren­de Be­trie­be wur­den zu hoch. Sprich­wört­lich auf der grü­nen Wie­se bau­te die Fa­mi­lie in Brei­ten­furt ein neu­es Fir­men­ge­bäu­de – dort be­fin­den sich nun die Zen­tra­le und die Schau­räu­me. Be­zie­hun­gen zu 3000 Kun­den. Hand­ar­beit und Qua­li­tät ma­de in Aus­tria – die­se bei­den Be­grif­fe ste­hen auf Wö­ger­bau­ers Vi­si­ten­kar­te, wenn er sei­ne Pro­duk­te rund um die Welt ver­mark­tet. Heu­te ex­por­tiert das Un­ter­neh­men mit rund 160 Mit­ar­bei­tern in Ös­ter­reich und wei­te­ren 80 bei den Toch­ter­fir­men Licht­kunst­wer­ke nach Maß in über 50 Staa­ten der Er­de. 5000 Kun­den gibt es, mit 3000 pflegt Ko­larz re­gel­mä­ßi­ge Ge­schäfts­be­zie­hun­gen. Nach wie vor er­folgt die Pro­duk­ti­on groß­teils von Hand, wo­bei die Be­ma­lung in Un­garn er­folgt. Dort sit­zen Mit­ar­bei­ter, die schon für die be­rühm­te Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur He­rend den Pin­sel ge­führt ha­ben. Zu den in­di­vi­du­ell ge­fer­tig­ten Krea­tio­nen mit ei­gen­wil­li­gem De­sign ein­fach Lam­pe zu sa­gen, kä­me fast ei­ner Krän­kung gleich.

Das Pro­jekt­ge­schäft ist al­ler­dings nur ein Stand­bein, ob­wohl es im­mer wich­ti­ger wird. Denn der sank­ti­ons­be­ding­te Aus­fall des bis­her gro­ßen Russ­land­ge­schäfts kann nur durch Groß­auf­trä­ge a` la Shang­hai wett­ge­macht wer­den. „Ein paar­mal Shang­hai wä­re schon super“, sagt Wö­ger­bau­er.

Ein Gut­teil des Um­sat­zes ent­fällt nach wie vor auf das Ge­schäft mit Pri­vat­kun­den – wo­bei dar­un­ter Ein­zel­per­so­nen ge­nau­so zu ver­ste­hen sind wie Kauf­häu­ser (Har­rods, Ki­ka/Lei­ner oder die Wie­ner Werk­stät­ten). Das Sor­ti­ment um­fasst über 1200 ver­schie­de­ne Leuch­ten­de­signs und rund 100.000 Pro­dukt­va­ri­an­ten. Das klingt un­vor­stell­bar, ist aber bei ei­nem Rund­gang durch die Schau­räu­me nach­voll­zieh­bar. Da fin­den sich schlich­te De­cken­scha­len mit ei­nem in­di­vi­du­ell ge­stal­te­ten Mit­tel­knopf ne­ben meh­re­re Me­ter ho­hen Rie­sen­lus­tern, de­ren Glas­an­hän­ger (na­tür­lich) von Swa­rov­ski zu­ge­lie­fert wer­den, und hy­per-coo­len „Qual­len“aus hauch­dün­nen Me­tall­fä­den.

„Un­ser Ge­heim­nis ist un­se­re Viel­falt – so­mit sind wir auch schwe­rer ko­pier­bar“, schmun­zelt Wö­ger­bau­er und Ge­schäfts­füh­rer der Fir­ma Ko­larz er­zählt, dass er in Chi­na schon Nach­ah­mun­gen ge­se­hen ha­be. Aber er nimmt das lo­cker: Man wer­de ja nur nach­ge­ahmt, wenn man ei­ne ge­wis­se Be­kannt­heit er­langt ha­be.

Still­stand ist je­den­falls ein Fremd­wort – auch in ei­nem Tra­di­ti­ons­be­trieb. „Un­se­re Ar­beits­kos­ten in Eu­ro­pa sind so hoch – da kannst du im Mas­sen­seg­ment oh­ne­dies nicht mit­spie­len“, er­klärt Wö­ger­bau­er. Das will er auch nicht. Er­go braucht es au­ßer­ge-

25.000 Mu­ra­no­glas­stä­be zie­ren die De­cken­leuch­ten mit acht Ton­nen Ge­wicht. »Ei­gent­lich ist das prak­tisch, nicht über die Be­rufs­wahl nach­den­ken zu müs­sen.« »Mit den ho­hen Ar­beits­kos­ten kann man im Mas­sen­seg­ment oh­ne­dies nicht mit­spie­len.«

wöhn­li­che Pro­duk­te und In­no­va­tio­nen, um sich im in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb be­haup­ten zu kön­nen.

Ei­ne neue Ent­wick­lung ist ge­ra­de in Er­pro­bung: Das sind ganz spe­zi­el­le LED-Lam­pen für Ge­wächs­häu­ser. Wo­bei je­de Pflan­ze – ob Sa­lat oder Spi­nat – von ei­ner ei­ge­nen Lam­pe be­strahlt wird. Die In­no­va­ti­on, die für ei­nen Kun­den in Abu Dha­bi ent­wi­ckelt wird, soll Was­ser spa­ren und che­mi­sche Spritz­mit­tel über­haupt über­flüs­sig ma­chen. Ein Pro­jekt, das ge­ra­de an­ge­sichts der Was­ser­not in vie­len Welt­re­gio­nen Zu­kunfts­po­ten­zi­al hat. Die LEDs strah­len knall­rot und vio­lett – „der Spi­nat ist den­noch schön grün“, lacht Wö­ger­bau­er. Mit so viel En­thu­si­as­mus wird er auch für die­ses Licht­ob­jekt Käu­fer in aller Welt fin­den.

Fa­b­ry

Mar­tin Wö­ger­bau­er hat un­un­ter­bro­chen neue Ide­en für Licht­ob­jek­te.

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