Uns­terb­li­ches Ge­lee

Sie wer­den so ge­fürch­tet wie be­wun­dert, die Qual­len. Vie­le Bio­lo­gen hal­ten sie für den Fluch der Mee­re, an­de­re su­chen in ih­nen den Jung­brun­nen.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Es gibt ein Raub­tier, das ist so ein­fach ge­baut, dass es nicht ein­mal ein Maul hat. Aber das reißt es weit auf, wenn Fut­ter vor­bei­kommt: Es reißt die gan­ze Haut am Schä­del auf, oft so weit, dass Beu­te hin­ein­passt, die grö­ßer ist als es selbst. Die saugt es ein, dann schließt sich die Wun­de. Zum Aus­schei­den des Ver­dau­ten reißt es sie wie­der auf, dann wird wie­der ge­schlos­sen und so wei­ter.

Die­ses We­sen könn­te Mo­dell ge­stan­den ha­ben für die Ler­näi­sche Hy­dra, der Her­ku­les ei­nen Kopf nach dem an­de­ren ab­schlug, es ka­men im­mer neue und im­mer mehr. Aber es kann nicht Mo­dell ge­stan­den ha­ben: Es lau­ert am Grun­de von Ge­wäs­sern, und es ist klein – zwei, drei Zen­ti­me­ter –, erst­mals nä­her in Au­gen­schein ge­nom­men wur­de es 1740: „Bei der Ope­ra­ti­on, die ich mit den Po­ly­pen aus­führ­te, ha­be ich sie in die lin­ke Hand ge­nom­men und mit der rech­ten Hand ei­ne Sche­re um sie ge­führt“, be­rich­te­te der Na­tur­for­scher Abra­ham Trem­bley: „Dann ha­be ich die Sche­re ge­schlos­sen.“Wie im­mer er schnitt, ob längs oder quer – bald wa­ren wie­der zwei voll­stän­di­ge Ex­em­pla­re da. Und als er ge­zielt den Kopf ab­schnitt, wuch­sen sie­ben neue.

Trem­bley ent­sann sich des My­thos und nann­te das We­sen da­nach: Hy­dra. Das ist ein Süß­was­ser­po­lyp, er ge­hört mit den Qual­len zu den Hy­dro­zoa, ei­ner Un­ter­grup­pe der Nes­sel­tie­re, die vor 550 Mil­lio­nen Jah­ren kam. Schon das ist rät­sel­haft: Nes­sel­tie­re ja­gen mit Gif­ten, die sie aus Ten­ta­keln schleu­dern – aber als sie ent­stan­den, gab es kaum an­de­re Viel­zel­ler, was ha­ben sie ge­jagt? Und wie be­werk­stel­li­gen just die­se ganz frü­hen Tie­re das Mira­kel der Uns­terb­lich­keit bzw. Wie­der­ge­burt aus Tei­len, gar ein­zel­nen Zel­len?

Für das und für ih­re ganz nor­ma­le Ver­meh­rung en mas­se wer­den sie so ge­fürch­tet wie be­wun­dert, Letz­te­res in La­bors von Mo­le­ku­lar­bio­lo­gen, Ers­te­res an Strän­den und in Mee­ren: Man­che Qual­len ha­ben Gif­te, die für Men­schen töd­lich sind, Cy­nea et­wa, die Lö­wen­mäh­ne, sie hat in ei­nem Fall von Sher­lock Hol­mes die Mör­der­rol­le; oder Chi- ronex fle­cke­ri, die See­wes­pe, sie hat das stärks­te aller Gif­te der Na­tur. An­de­re sind auch nicht oh­ne: Al­lein an Aus­tra­li­ens Küs­ten ster­ben mehr Men­schen an Qual­len als welt­weit durch Haie.

Und es geht nicht nur um Ba­de­gäs­te, es geht auch um die Mee­re: Pe­ri­odisch blü­hen Qual­len so mas­sen­haft, dass et­wa Ku­ba ein AKW still­le­gen muss­te, weil sie die Kühl­was­ser­roh­re ver­stopft hat­ten (Wall Street Jour­nal 15. 9. 1999). Und als 2007 ein Schwarm an ei­ne Lachs­zucht bei Nor­we­gen ge­riet, blieb kei­ner der 100.000 Fische am Le­ben. Sol­che Fäl­le be­för­dern Welt­un­ter­gangs­vi­sio­nen von Mee­ren, die voll sind mit dem Ge­lee, das sich al­les an­de­re ein­ver­leibt hat. Regional gab es das schon, das Schwar­ze Meer sah ein­mal so aus, als Qual­len im Bal­last­was­ser von Schif­fen ge­kom­men wa­ren. Nichts half, erst an­de­re Qual­len, wie­der in Bal­last­was­ser ge­reis­te, räum­ten auf. Nahr­haft? So wun­dert es we­nig, dass die Glibber­sä­cke – zu 95 Pro­zent sind sie Was­ser – auch un­ter For­schern we­nig Freun­de ha­ben. „Es war sehr hart, Fisch­bio­lo­gen da­von zu über­zeu­gen, dass Qual­len wich­tig sind“, be­rich­tet Jen­ni­fer Pur­cell (Wes­tern Wa­shing­ton Uni­ver­si­ty), die seit 40 Jah­ren Qual­len er­kun­det und nach­sieht, wo­zu sie doch nüt­ze sind (Na­tu­re 531, S. 433). Als Fut­ter et­wa? Zwar wuss­te man, dass Mee­res­schild­krö­ten gern zu­grei­fen. Aber sonst je­mand? In Fisch­mä­gen zeigt sich kaum et­was, das mag dar­an lie­gen, dass das wäss­ri­ge Zeug rasch ver­daut wird und kei­ne Spu­ren hin­ter­lässt, kei­ne mit blo­ßem Au­ge sicht­ba­ren zu­min­dest.

Des­halb hat Lu­is Car­de­na (Bar­ce­lo­na) über Iso­to­pen­ana­ly­sen re­kon­stru­iert, was Fische ge­fres­sen ha­ben: Aus­ge­rech­net bei jun­gen Thun­fi­schen lag der Qual­len­an­teil am Fut­ter bei 80 Pro­zent. Thun­fi­sche mit ih­rem ex­tre­men Ener­gie­be­darf sol­len sich von et­was er­näh­ren, was kaum Nähr­wert hat – in man­chen Qual­len steckt un­we­sent­lich mehr Ener­gie als in grü­nem Tee?

Das glaub­te nicht ein­mal Pur­cell, aber Car­de­na kam in Ana­ly­sen von Fett­säu­ren zum glei­chen Er­geb­nis. Und er blieb nicht al­lein: Si­mon Jar­man (Kings­ton) be­merk­te in der Ant­ark­tis, dass Qual­len zum re­gel­mä­ßi­gen Fut­ter vie­ler Pin­gui­ne zäh­len, auch zu dem von Al­ba­tros­sen (PLoS ONE 8, e82227); Und And­rew Jeffs (Uni­ver­si­ty of Auck­land) staun­te bei Qual­len­ver­wand­ten, The­tys va­gi­na: Auf die­sen sa­ßen jun­ge Lan­gus­ten, und die still­ten ih­ren auch enor­men Hun­ger an ih­nen: „Sie hän­gen sich fest an et­was, was mehr oder we­ni­ger ein Klum­pen Fleisch ist, und le­ben ein paar Wo­chen da­von, oh­ne ir­gend­ei­ne Ener­gie auf­zu­wen­den“(ICES Jour­nal of Ma­ri­ne Sci­ence 72, i124).

Aber Qual­len trans­por­tie­ren nicht nur un­er­be­te­ne Gäs­te oben durch das Meer, sie trans­por­tie­ren, wenn sie denn doch ein­mal ster­ben, auch sich selbst bzw. ih­re Nähr­stof­fe in die Tie­fe. Das fiel And­rew Sweet­man (Sta­van­ger) auf, erst an ei­nem Fjord in Nor­we­gen, dann auch im Pa­zi­fik: Nach Qual­len­blü­ten oben blüh­te das Le­ben un­ten, auf dem Mee­res­grund war­te­ten schon Kr­ab­ben etc. auf den her­ab­sin­ken­den Se­gen, vor al­lem den Stick­stoff dar­in: „Qual­len sind kei­ne Sack­gas­sen der Nah­rungs­ket­te“(Proc. Roy. Soc. B 281, 20142210).

Son­dern sie näh­ren, auch Hoff­nun­gen von Mo­le­ku­lar­bio­lo­gen, man kön­ne den Jung­brun­nen der Nes­sel­tie­re in ei­nen für Men­schen ver­wan­deln. Vor vier Jah­ren sah man sich, an Hy­dra, na­he am Ziel: Der Qu­ell ih­rer Uns­terb­lich­keit liegt in der Kör­per­mit­te – dort lag er auch bei der Ler­näi­schen Hy­dra, dort ver­setz­te Her­ku­les ihr den To­des-

Un­ter­gangs­vi­si­on von Mee­ren, die voll sind mit dem Glibber, der sich al­les ein­ver­leibt hat. Das Uns­terb­lich­keits­gen von Hy­dra ha­ben Men­schen auch, aber wie wird es ak­ti­viert?

stoß –, von da wan­dern Stamm­zel­len un­ent­wegt in den rest­li­chen Kör­per und spe­zia­li­sie­ren sich. Im La­bor von Tho­mas Bosch (Kiel) fand sich das zu­stän­di­ge Gen, Fo­xO, es hat sich in der Evo­lu­ti­on er­hal­ten, bis zum Men­schen, be­son­ders ak­tiv ist es in be­son­ders lang­le­bi­gen (Pnas 109, S. 19697).

Aber wie es ak­ti­viert wird, durch wel­che Um­welt­be­din­gun­gen, ließ sich bis­her nicht klä­ren, Hy­dra gab es nicht preis, da­für riss sie ihr Maul nicht auf. Viel­leicht sind Oh­ren­qual­len ge­sprä­chi­ger, an ih­nen hat Jin­ru He (Xia­men) ei­ne an­de­re wun­der­sa­me Ver­jün­gung be­merkt (PLoS ONE 10: e0145314): Qual­len ha­ben zwei Le­bens­sta­di­en, ein am Bo­den ver­an­ker­tes als Po­ly­pen (wie Hy­dra), und ein frei schwe­ben­des als Me­du­sen, sie knos­pen sich von Po­ly­pen ab. Und wenn sie tot sind, als Me­du­sen, ste­hen sie wie­der auf, als Po­ly­pen, aus de­nen wie­der Me­du­sen wer­den.

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