Wort der Wo­che

BE­GRIF­FE DER WIS­SEN­SCHAFT

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON MAR­TIN KUG­LER

Wor­te ge­gen Bom­ben: 800 Archäo­lo­gen tausch­ten in Wi­en ih­re Neu­ig­kei­ten über den Na­hen Os­ten aus und be­schlos­sen ei­ne »Wie­ner De­kla­ra­ti­on« zum Er­halt des Er­bes.

Seit ge­nau 50 Jah­ren sind ös­ter­rei­chi­sche Archäo­lo­gen im nord­ost­ägyp­ti­schen Tell el-Dab’a ak­tiv: In 80 Gra­bungs­kam­pa­gnen wur­de die Haupt­stadt der Hyk­sos-Dy­nas­tie, Ava­ris, frei­ge­legt. Die­se vor 3600 Jah­ren größ­te Stadt im Mit­tel­meer­raum war von Ein­wan­de­rern aus Asi­en zur Blü­te ge­führt wor­den – ih­re asia­tisch-ägyp­ti­sche Misch­kul­tur do­mi­nier­te mehr als 100 Jah­re lang das stol­ze Pha­rao­nen­reich. Von 1966 an war Man­fred Bietak an den For­schun­gen be­tei­ligt. Für den of­fi­zi­el­len Kick-off sei­nes neu­en ERC-Pro­jekts, „The Hyk­sos Enig­ma“, nutz­te er nun die Ge­le­gen­heit, dass 800 hoch­ka­rä­ti­ge Archäo­lo­gen die­se Wo­che zum welt­größ­ten Kon­gress für Archäo­lo­gie des Na­hen Os­tens (ICAAN) zu Gast an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW) wa­ren.

Bietaks Hyk­sos-For­schun­gen zei­gen u. a., wie eng die Welt schon da­mals ver­knüpft war – in ei­ner Re­gi­on, die als Wie­ge der Zi­vi­li­sa­ti­on gilt: Im Na­hen Os­ten ent­wi­ckel­ten sich die sess­haf­te Le­bens­wei­se und der Acker­bau, dort ent­stan­den die frü­hes­ten Hoch­kul­tu­ren. An de­ren Er­for­schung sind vie­le ös­ter­rei­chi­sche Wis­sen­schaft­ler be­tei­ligt: So un­ter­sucht Bar­ba­ra Ho­re­js, Di­rek­to­rin des In­sti­tuts für Ori­en­ta­li­sche und Eu­ro­päi­sche Archäo­lo­gie (OREA) der ÖAW und Or­ga­ni­sa­to­rin der ICAAN-Kon­fe­renz, den Pro­zess des Sess­haft­wer­dens.

Die­se Kul­tur­re­gi­on ist in aku­ter Ge­fahr: Durch Kampf­hand­lun­gen (v. a. des so­ge­nann­ten Is­la­mi­schen Staats), Spren­gun­gen, Raub­gra­bun­gen, Plün­de­run­gen und den il­le­ga­len Han­del von Kunst­wer­ken sind be­reits vie­le Kunst­schät­ze ver­lo­ren. Hoch­ran­gi­ge Gäs­te aus der Re­gi­on be­rich­te­ten bei der ICAAN vom Aus­maß der Zer­stö­run­gen – aber auch von Ak­ti­vi­tä­ten, um zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist. Zur Un­ter­stüt­zung wur­de die­se Wo­che die „Wie­ner De­kla­ra­ti­on“be­schlos­sen, in der zu mehr Ko­ope­ra­ti­on beim Er­halt des Kul­tur­er­bes auf­ge­ru­fen wird.

Die Zer­stö­rung der Kunst­schät­ze kom­me auch ei­ner Zer­stö­rung der kul­tu­rel­len Di­ver­si­tät und der re­gio­na­len Iden­ti­tä­ten gleich, be­ton­te Ho­re­js. „Kul­tur ist nicht das Letz­te, was an­ge­sichts drän­gen­de­rer Sor­gen ver­nach­läs­sig­bar ist, son­dern ih­re Zer­stö­rung trifft die lo­ka­le Be­völ­ke­rung und die Welt­ge­mein­schaft di­rekt ins Herz“, for­mu­lier­te Mar­ga­re­te van Ess, Lei­te­rin der Ori­ent­ab­tei­lung des Deut­schen Ar­chäo­lo­gi­schen In­sti­tuts.

Kurz­fris­tig kann man mit Wor­ten na­tür­lich nur we­nig ge­gen Bom­ben aus­rich­ten. Doch, wie es der Unesco-Ex­per­te Gio­van­ni Boc­car­di aus­drück­te: „Kul­tur ist auch Teil der Lö­sung.“ Der Au­tor lei­te­te das For­schungs­res­sort der „Pres­se“und ist Chef­re­dak­teur des „Uni­ver­sum Ma­ga­zins“.

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