Die Mau­er rund um den ein­sa­men Möch­te­gern-Su­per­star

Nach Lio­nel Mes­si und Cris­tia­no Ro­nal­do wur­de nun auch Zla­tan Ibra­hi­mo­vi´c ein fil­mi­sches Denk­mal ge­setzt. »Zla­tan – ihr re­det, ich spie­le« führt ein­drucks­voll zu­rück zu den An­fän­gen der Kar­rie­re des streit­ba­ren schwe­di­schen Fuß­ball­stars.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON JO­SEF EBNER

Der 17-jäh­ri­ge Zla­tan Ibra­hi­mo­vic´ sitzt in der Ecke, und die Ver­eins­ver­ant­wort­li­chen von Mal­mö FF re­den ihm ins Ge­wis­sen. 350 Fehl­stun­den ha­be er in der Schu­le zu­sam­men­ge­schwänzt, da­bei sei ge­ra­de das Spra­chen­ler­nen doch so wich­tig für ei­nen an­ge­hen­den Fuß­ball­pro­fi. Sol­che Auf­nah­men ver­dan­ken wir den schwe­di­schen Fil­me­ma­chern Fre­drik und Magnus Gert­ten, die wohl schon da­mals ge­ahnt ha­ben, dass die­ser groß­mäu­li­ge Te­enager ein­mal ein glo­ba­ler Su­per­star sei­nes Sports wer­den wird.

Und da­zu ge­hört in­zwi­schen auch ein fil­mi­sches Denk­mal: Zi­da­ne hat ein Echt­zeit­por­trät, Mes­si ein Do­ku­dra­ma, Cris­tia­no Ro­nal­do ei­nen Hoch­glanz­strei­fen. „Zla­tan – ihr re­det, ich spie­le“(Ki­no­start: 20. Mai) ist an­ders. Die Do­ku­men­ta­ti­on be­schränkt sich auf die ers­ten Pro­fi­jah­re des Prot­ago­nis­ten und zeigt in sel­te­nen Auf­nah­men den Weg aus sei­ner Hei­mat­stadt, Mal­mö, über Ajax Ams­ter­dam zu Ju­ven­tus Tu­rin.

Wer Zu­wachs für die Kult­sta­tus er­lang­te Sprü­che­samm­lung des schwe­di­schen Stür­mers er­war­tet, kommt in den gut ein­ein­halb St­un­den den­noch auf sei­ne Kos­ten. Ibra­hi­mo­vic´ nimmt sich auch in den An­fangs­jah­ren sei­ner Kar­rie­re vor den Ka­me­ras kein Blatt vor den Mund, zieht über den eng­li­schen Fuß­ball her („Der ist Mist“) oder be­lei­digt Re­por­ter als ge­schei­ter­te Exis­ten­zen. Die Do­ku schafft es aber, Em­pa- thie für die­sen selbst­ge­fäl­li­gen und ar­ro­gan­ten Möch­te­gern-Su­per­star und sein über­gro­ßes Ego auf­kom­men zu las­sen. Ibra­hi­mo­vic´ er­zählt, wie er in Mal­mös Pro­blem­vier­tel Ro­sen­gard˚ stän­dig um­zie­hen muss­te („Zwei­mal im Jahr konn­te das schon pas­sie­ren“) oder wie er die ge­trennt le­ben­de la­bi­le Mut­ter be­sucht und ihr den Kühl­schrank leer ge­ges­sen hat, weil der Al­ko­ho­li­ker­va­ter sich nicht um ihn ge- küm­mert hat. „Du bist nichts, bis du et­was in Eu­ro­pa er­reicht hast“, gibt ihm der Va­ter mit auf den Weg, ihm ge­fällt es auch nicht, dass „Zla­tan“und nicht der bos­ni­sche Fa­mi­li­en­na­me auf dem Tri­kot des Soh­nes ge­schrie­ben steht.

Zla­tan – so nen­nen sie ihn im Film al­le, die Mit­spie­ler, die Geg­ner, die Me­di­en, so­gar er sich selbst. Aber es wä­re zu ein­fach, den Men­schen Zla­tan Ibra­hi­mo­vic´ mit die­sem Na­men gleich­zu­set­zen. Er ist ei­ne Art Schutz­vor­rich­tung. „Der rich­ti­ge Zla­tan hat­te im­mer ei­ne Mau­er um sich her­um“, sagt Da­vid Endt, sein Te­am­ma­na­ger bei Ajax Ams­ter­dam, ei­ner sei­ner Weg­ge­fähr­ten, die im Film zu Wort kom­men. Groß und kräf­tig ist Ibra­hi­mo­vic´ be­reits als Jung­pro­fi, doch wie schon zu­vor in sei­ner Ju­gend fehlt in die­ser schwie­ri­gen Zeit, in der er ho­he Er­war­tun­gen zu er­fül­len hat, ei­ne Be­zugs­per­son. Das wuss­ten sie auch schon in Mal­mö. „Tief drin­nen ist er ein net­ter Bur­sche, aber er hat zu we­nig Ver­trau­en zu an­de­ren“, sagt der Boss des Klubs. Die Höchst­stra­fe. Auch sei­ne da­ma­li­ge Ver­lob­te, Mia Ol­ha­ge, kommt zu Wort. „Ein tol­les Mäd­chen“, sagt Ibra­hi­mo­vic´ und strahlt. Er er­zählt, wie sie sich ken­nen­ge­lernt ha­ben – na­tür­lich ha­be sie ihm zu­erst nach­ge­schaut – und wie er sie zum ers­ten Mal be­sucht hat. Dann tren­nen sie sich. Ibra­hi­mo­vic´ ver­liert kein Wort dar­über, er­klärt aber, „oft al­lein“zu sein. Es sind Aus­sa­gen, die man ihm kaum zu­traut und die er heu­te wohl auch nicht mehr tref­fen wür­de. Da­mals in Ams­ter­dam schot­tet er sich ab, er ver­misst sein frü­he­res Le­ben in Mal­mö. Die vie­len frei­en Nach­mit­ta­ge ver­bringt er zu Hau­se, der Com­pu­ter thront di­rekt vor der Couch, es wirkt trost­los. Zu­sätz­lich muss er auch noch die Höchst­stra­fe ei­nes Fuß­bal­lers ver­kraf­ten: Er sitzt auf der Er­satz­bank.

Erst als sich Ibra­hi­mo­vic´ ge­gen­über Ja­ri Lit­ma­nen ein we­nig öff­net, geht es bei Ajax auf­wärts. Der Rou­ti­nier bie­tet ihm sei­nen Rat. An­de­re Mit­spie­ler im Film ha­ben nicht viel Gu­tes über den auf­stre­ben­den Stür­mer zu sa­gen. Ein Ego­ist auf dem Platz sei er, sein Ge­ha­be das ei­nes Su­per­stars, auch wenn nur er selbst glaubt, ein sol­cher zu sein.

Aber Ibra­hi­mo­vic´ schert das schon da­mals nicht. „Fuß­ball muss Spaß ma­chen“, sagt er. Und Pfif­fe von den Rän­gen be­deu­ten nur, dass das Pu­bli­kum noch nicht ver­stan­den hat, wie gut er ei­gent­lich ist. Am glück­lichs­ten wirkt er in der Do­ku­men­ta­ti­on nach ei­ner ful­mi­nan­ten Par­tie mit Mal­mö. Im Al­lein­gang hat er sein Team zum Sieg ge­schos­sen, sitzt er zu­frie­den in der Ka­bi­ne. „Ei­ne ech­te Show“, sei das da drau­ßen ge­we­sen, das La­chen über­kommt ihn.

Wenn es aber nicht nach sei­nen Vor­stel­lun­gen läuft, wird Ibra­hi­mo­vic´ zum Hitz­kopf. Sei­ne Geg­ner glaub­ten, in der Un­be­herrscht­heit sei­ne Schwach­stel­le ge­fun­den zu ha­ben. Sie pro­vo­zier­ten ihn, im­mer wie­der ließ er sich zu Tät­lich­kei­ten hin­rei­ßen. Ein gän­gi­ges Er­folgs­re­zept ge­gen Zla­tan gab es aber auch schon da­mals kei­nes. Pa­trik Eriks­son-Ohl­son, ehe­ma­li­ger Ver­tei­di­ger bei Djur­gar­dens˚ IF, schil- dert sei­nen Pri­vat­krieg mit Ibra­hi­mo­vic´ in der schwe­di­schen Li­ga. Am En­de muss er sich ein­ge­ste­hen: „Er hat uns zum Nar­ren ge­hal­ten.“ Es­sen bei Ikea. Ibra­hi­mo­vic´ fehl­te es am nö­ti­gen Re­spekt für den Tra­di­ti­ons­klub Ajax. In ei­nem Län­der­spiel foul­te er sei­nen Ajax-Ka­pi­tän, Ra­fa­el van der Vaart. Die Aus­spra­che es­ka­lier­te und gilt mit als Aus­lö­ser für sei­nen Ab­schied. 2004 zieht Ibra­hi­mo­vic´ wei­ter zu Ju­ven­tus, er ist nun ein Welt­star. Aber im­mer noch ein­sam. Al­lein geht er zum Es­sen ins Ikea-Re­stau­rant.

Mit sol­chen Epi­so­den stellt „Zla­tan – ihr re­det, ich spie­le“auch Zu­schau­er auf die Pro­be, die we­nig Sym­pa­thi­en für den Prot­ago­nis­ten he­gen. Auch auf schmie­ri­ge Be­ra­ter und Sel­fies in Pri­vat­jets, wie wir sie aus dem Ro­nal­do-Mach­werk ken­nen, ver­zich­ten die Re­gis­seu­re, selbst die hys­te­ri­schen Fans sind hier bes­ser ver­dau­lich. „Auch ich ha­be Feh­ler ge­macht“, sagt Ibra­hi­mo­vic´ in ei­ner Sze­ne. Ob er da­mit auch die 350 ge­schwänz­ten Schul­stun­den meint? Der 17-jäh­ri­ge Zla­tan lacht schel­misch, als sie des­we­gen in Mal­mö an sei­ne Ver­nunft ap­pel­lie­ren. Aber er ge­lobt Bes­se­rung.

»Tief drin­nen ist er ein net­ter Bur­sche, aber er hat zu we­nig Ver­trau­en zu an­de­ren.« Auch die här­tes­ten Kon­kur­ren­ten hält er frü­her oder spä­ter zum Nar­ren.

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