Die mal­trä­tier­te Fah­ne

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Es sah jäm­mer­lich aus. Vom drit­ten Stock des Ge­mein­de­baus hing ein ro­tes Fetz­chen, sehr breit und sehr kurz, das sich in Fä­den ver­lor, die auch noch von her­un­ten er­kenn­bar wa­ren. Ge­fühls­mä­ßig fehl­ten gut vier Me­ter Stoff, wohl ab­ge­sä­belt mit ei­nem stump­fen Mes­ser. „Mei Oma“, mur­mel­te sich Ber­nie, ein gut Fünf­zig­jäh­ri­ger mit Pfer­de­schwanz, an mei­ne Che­fin her­an, „hat da­mals un­term Hit­ler die Ha­ken­kreuz­fah­ne als Win­del für mei Mut­ter ver­wendt.“Er zwin­ker­te ihr zu. „Jetzt ham­ma a wie­der vü Ar­me.“„Geh wei­da mit dei­ner So­zi­al­ro­man­tik“, mein­te Ed Mil­ler mit ei­nem ge­wis­sen Zy­nis­mus, denn einst hat­te der Mann die Um­ver­tei­lung von Reich auf Arm sehr wört­lich ge­nom­men und mei­ne Che­fin in wei­te­rer Fol­ge sei­ne Ein­bre­cher­kar­rie­re be­en­det.

„Ge­nau“, misch­te sich ei­ne hoch­tou­pier­te Al­te ein, „so a Blöd­sinn. Wer wi­ckelt sei Kind schon in an Fet­zen von Lu­schis und Lüg­nern?“„Kra­ne­bit­ter“, trom­pe­te­te ein Ha­ge­rer, „pass auf, was d’ sagst. Du ver­dankst dei Woh­nung nur den So­zis, und jetzt rennst dem . . .“, er spuck­te aus, „. . . nach.“„Pass du auf, was d’ sagst, Her­bie. Wer no Rot wählt, is a Ver­rä­ter am klei­nen Mann. Wie heut di Fah­ne in der Sonn gleuch­tet hat, hätt ich spei­ben kön­nen. Nix tun di für uns.“„Ja, des war schön, wie ma da am Ring ent­lang­mar­schiert san und die Fah­nen in der Sonn rich­tig brennt ha­ben“, schwelg­te Her­bie. „Wel­che Sonn?“, frag­te Ber­nie. „Es hat do di gan­ze Zeit greg­net.“„Du darfst di Feuchtn in dein Hirn net mit Re­gen ver­wech­seln“, keif­te die Kra­ne­bit­ter zu­rück.

Ich sah sehn­süch­tig zum Tür­ken­ca­fe´ ge­gen­über. Denn dort stand mein Es­pres­so. Der bes­te der Stadt, auf den ich mich im­mer freu­en durf­te, wenn mei­ne Che­fin mein­te, Brain­stor­ming be­züg­lich un­se­rer lau­fen­den Fäl­le ma­chen zu müs­sen, denn das konn­te sie nur in die­sem Grät­zel in Fa­vo­ri­ten, weil sie hier einst ge­bo­ren wor­den war, sich ein­ge­bet­tet und da­her vor Lausch­oh­ren si­cher fühl­te. Doch der Kaf­fee muss­te wohl kalt wer­den, denn Ed nahm auf­grund ih­rer Lie­be zu die­ser Ecke von Wi­en die Schän­dung der ro­ten Fah­ne per­sön­lich. Das er­kann­te ich an ih­rem ge­schürz­ten Mund.

Su­san­ne, die Be­sit­ze­rin des mal­trä­tier­ten Stoffs, hat­te es in­zwi­schen ge- HONIGWABE

Sa­bi­na Na­ber

ar­bei­te­te nach ih­rem Stu­di­um als Re­gis­seu­rin am Thea­ter, als Jour­na­lis­tin und Dreh­buch­au­to­rin. 2002 er­schien ihr ers­ter Ro­man in der Se­rie mit Kom­mis­sa­rin Ma­ria Kou­ba. Der­zeit er­mit­teln May­er & Katz in ih­rem drit­ten Aben­teu­er „Schwal­ben­tod“. Der Ro­man „Ma­ra­thon­du­ell“wur­de 2013 für den Leo-Pe­rutz-Preis no­mi­niert. schafft, trotz un­end­li­cher Satz­gir­lan­den zu be­rich­ten, dass sie ge­gen halb acht Uhr am Mor­gen die Fah­ne aus dem Fens­ter ge­hängt hat­te und dann zur La­xen­bur­ger Stra­ße auf­ge­bro­chen war, um ge­mein­sam mit den an­de­ren zur Mai­kund­ge­bung auf dem Rat­haus­platz zu mar­schie­ren. Und we­gen der Käl­te und des Re­gens hat­te sie sich mit Freun­den auf dem Nach­hau­se­weg in ein paar Lo­ka­len auf­wär­men müs­sen. Wo­mit mir klar war, war­um sie Be­griffs­fin­dungs­pro­ble­me und qua­si ei­ne Er­satz­fah­ne hat­te. „Und jetzt des! Sie war zwar net so teu­er, aber i hab mi so gfreut, dass i sie hab. Ver­dammt, ir­gend­wer muss do ir­gend­wen auf ana Lei­ter da rauf­kraxln gsehn ha­ben.“

„Was ist mit dir, Ber­nie? Die muss do vor deim Fens­ter glehnt sein?“Er wohn­te im Stock dar­un­ter. „Ich war beim Auf­marsch, ich hab nix gsehn.“„Ich ab halb neun Uhr da“, er­klär­te Ka­rim, der Be­sit­zer des Keb­ab­stan­des ne­ben dem Ca­fe.´ „Da war Fah­ne schon kurz. Ich mich ge­fragt, war­um je­mand ro­tes Tuch aus Fens­ter hängt.“„Wo­mit klar ist, dass es ir­gend­je­mand tan hat, der net am Mai­auf­marsch war“, sag­te Ber­nie mit Blick auf die Kra­ne­bit­ter. „Geh, du Depp, du! Klar, i bin in an Jung­brun­nen ghupft, hab vorn beim Obi a Lei­ter gfla­dert und bin da auf­eg­hirscht. Wo mir scho schlecht wird, wenn ich auf an Ses­sel steig. Aber was ist mit dir? Wir wis­sen do, dass du der Su­san­ne no im­mer net ver­zie­hen hast, dass sie dir den Gs­tiß gebn hat. Und i hab di net gsehn beim Auf­marsch. Al­so i mein, da­hin fort­ge­hen na­tür­lich.“„Und beim Treff­punkt auf der La­xen­bur­ger warst auch nicht“, füg­te Su­san­ne hin­zu. „Aber ich hab ihn gsehn“, wink­te Her­bie ab. „Is am Rat­haus­platz ne­ben mir gstandn.“„Kauf da a Brilln“, ätz­te Ber­nie zu Su­san­ne.

„Voll stran­ge“, misch­te sich nun Da­lia, Ka­r­ims Toch­ter, ein, „wo das Ding ab­ge­schnit­ten ist.“„Was meinst du da­mit?“, frag­te Ed. „Ay . . . ja. Die Lei­ter da rauf muss echt lang ge­we­sen sein. Voll um­ständ­lich. Und Baum ist da kei­ner mehr.“„Ja, weil ihn ir­gend­wer mit Kup­fer­nä­geln um­ge­bracht hat“, gif­te­te Su­san­ne in Rich­tung Ber­nie, nun be­reits er­staun­lich zun­gen­schlag­frei. „Ers­tens geht des gar net, und zwei­tens: Hör end­lich auf, mir das an­zu­hän­gen!“„Aber wer hat denn im­mer gjam­mert, dass er mehr Sonn in BUCHSTABENBUND der Woh­nung will?“, sprang die Kra­ne­bit­ter bei.

„Und von der Woh­nung drun­ter“, sin­nier­te Da­lia wei­ter, „geht’s auch nicht. Wenn man da aufs Fens­ter­brett steigt, kommt man nicht so weit hin­auf.“„Ab­ge­se­hen da­von, dass das Sims viel zu schmal ist, auch für so ei­ne Hühnerbrust wie den Ber­nie“, führ­te Ed den Ge­dan­ken des Mäd­chens wei­ter. „Al­so, falls da nicht doch ir­gend­ei­ne Lei­ter ge­we­sen ist, muss die Fah­ne von Su­san­nes Woh­nung her­aus ab­ge­schnit­ten wor­den sein.“„Na, lei­wand, jetzt soll ich das auch noch sel­ber ge­we­sen sein!“„Das sa­ge ich nicht. Es kann sich ja je­mand zu dei­ner Woh­nung Zu­tritt ver­schafft ha­ben.“„Um a Fah­ne ab­zu­schnei­den? Geh, Mil­le­rin, des is do hirn­ver­brannt.“

Mei­ne Che­fin zog mich zur Sei­te. „Mein Ge­fühl, Ed­di, mein Ge­fühl . . . Aber die Zeu­gen­aus­sa­gen spre­chen da­ge­gen.“Ich wuss­te ge­nau, was sie mein­te. Wir gin­gen noch ein­mal al­les durch, was ge­spro­chen wor­den war. Und da traf mich der Blitz. Ich zück­te das Smart­pho­ne und öff­ne­te mei­ne neue De­tek­tiv-Lieb­lings-App. Sie lis­te­te schon fast mi­nu­ti­ös das Wetter der letz­ten Ta­ge auf, ein­schränk­bar auf kleins­te Re­gio­nen. Und da war der Hin­weis, der den Tä­ter zwar nicht zu hun­dert Pro­zent fest­na­geln, aber höchst­wahr­schein­lich aus der Re­ser­ve lo­cken und zu ei­nem Ge­ständ­nis brin­gen wür­de. Ed strahl­te mich an.

Sie ging zu­rück zur Run­de. „Tut mir leid, Kra­ne­bit­ter, ich muss dich jetzt als sen­ti­men­ta­le Ro­te ou­ten, die zwar kep­pelt, sich aber heim­lich auf den Rat­haus­platz schleicht, um zu schwel­gen. Weil nur in der Stadt un­ten hat heu­te in der Früh die Son­ne gscheint, und zwar zwi­schen halb acht und halb neun. Wo­mit auch klar ist, wer un­ser Fah­nen­schnipp­ler ist.“ Wer hat die Fah­ne zer­stört? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Denk ver­däch­tigt Wurms Freun­din. Sie weiß, dass der To­te im Stadt­park ge­fun­den wor­den ist, ob­wohl Denk den Tat­ort mit kei­nem Wort er­wähnt hat. KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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