Die ster­ben­de Stadt der Ar­bei­ter

360 Grad Ös­ter­reich: Einst leb­ten und ar­bei­te­ten 12.000 Men­schen in Mürz­zu­schlag. Heu­te sind es noch 8684. Doch die Stadt wehrt sich hef­tig ge­gen ihr Schick­sal.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON NOR­BERT RIEF

Mürz­zu­schlag ist ei­ne glück­li­che Stadt. 13 Uhr, in der Wie­ner Stra­ße ma­chen al­le Ge­schäf­te Mit­tags­pau­se, aber vor dem An­gel­fach­ge­schäft und Tier­be­darf Hu­ber ste­hen Tier­fut­ter­pa­ckun­gen und An­gel­ru­ten, als wä­re ganz nor­ma­ler Be­trieb. Nie­mand passt auf, je­der mit ein we­nig kri­mi­nel­ler Ener­gie könn­te sich hier hem­mungs­los be­die­nen.

Es gibt nicht mehr vie­le Städ­te in Ös­ter­reich, wo man den Be­woh­nern der­art ver­trau­en kann. Viel­leicht ist es aber auch we­ni­ger Ver­trau­en als viel­mehr das Wis­sen, dass kaum Kun­den durch die Wie­ner Stra­ße spa­zie­ren. Ei­ner­seits si­cher, weil al­le von der zwei- bis zwei­ein­halb­stün­di­gen Mit­tags­pau­se wis­sen. An­de­rer­seits aber auch, weil es im­mer we­ni­ger po­ten­zi­el­le Die­be in Mürz­zu­schlag gibt.

Die stei­ri­sche Stadt am Sem­me­ring stirbt. Nicht von heu­te auf mor­gen, nicht bin­nen Jah­ren, selbst in ein paar Jahr­zehn­ten wer­den hier noch ein paar Men­schen le­ben. Aber von der eins­ti­gen Blü­te ist man weit ent­fernt. 1971 hat­te die Stadt 12.000 Ein­woh­ner, 1991 wa­ren es 10.000, heu­te zählt man 8684.

Es ist ei­ne Ent­wick­lung, wie in vie­len an­de­ren Städ­ten und Ort­schaf­ten in Ös­ter­reich auch, wo Ar­beits­plät­ze feh­len und es kaum Tou­ris­mus gibt. Aber das Schick­sal von Mürz­zu­schlag ist das le­ben­de Bei­spiel für den struk­tu­rel­len Wan­del, den In­dus­trie und Ar­bei­ter­schaft in Ös­ter­reich durch­ma­chen. Als es noch die Ver­ei­nig­te ös­ter­rei­chi­sche Ei­sen- und Stahl­wer­ke (Vö­est) im Be­sitz des Staa­tes gab, küm­mer­te sich der Ar­beit­ge­ber um al­les: Er gab Kre­di­te, or­ga­ni­sier­te den Haus­bau, un­ter­hielt ei­ne Fuß­ball­mann­schaft und ei­ne Mu­sik­ka­pel­le (trai­niert und ge­übt wur­de wäh­rend der Di­enst­zeit). Einst be­schäf­tig­te die „Ver­staat­lich­te“in Mürz­zu­schlag fast 3000 Men­schen, heu­te sind es als pri­va­ti­sier­te Böh­ler Ble­che noch et­wa 500. Aber die Mu­sik­ka­pel­le heißt noch im­mer Werks­ka­pel­le Böh­ler, auch wenn von den 75 Mit­glie­der ge­ra­de ein­mal fünf bei Böh­ler Ble­che ar­bei­ten.

Den Wan­del sieht man in der Stadt mit leer ste­hen­den Ge­schäf­ten in der Wie­ner Stra­ße und lee­ren Woh­nun­gen in den eins­ti­gen Ar­bei­ter­sied­lun­gen. Wer sich in Mürz­zu­schlag et­was kau­fen will, be­kommt bei Im­mo­bi­li­en Rit­ter um 50.000 € schon ei­ne 70-Qua­drat­me­ter-Woh­nung an­ge­bo­ten, ein schmu­ckes Ein­fa­mi­li­en­haus mit 269 Qua­drat­me­tern Wohn­flä­che und 1124 Qua­drat­me­tern Grund gibt es um 268.000 €.

Als der ORF vor ei­ni­ger Zeit für die Sen­dung „Am Schau­platz“ei­ne ein­stün­di­ge Do­ku­men­ta­ti­on über Mürz­zu­schlag dreh­te („Die letz­ten Ar­bei­ter“) und den lang­sa­men Nie­der­gang zeig­te, war die Em­pö­rung über das Er­geb­nis groß. Der ORF ha­be mit den kri­ti­schen Be­mer­kun­gen von In­ter­view­part­nern und den Bil­dern von fast mit­tel­lo­sen Be­woh­nern „ganz be­wusst ei­nen wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang der Ge­mein­de Mürz­zu­schlag dar­ge­stellt – frei nach dem Mot­to: ,Nur Bad News sind Good News‘“, klag­te Bür­ger­meis­ter Karl Ru­di­scher in ei­nem of­fe­nen Brief. So­gar Voe­st­al­pi­ne-Chef Wolf­gang Eder schal­te­te sich ein und schrieb ei­nen Be­schwer­de­brief an ORF-Ge­ne­ral­in­ten­dant Alex­an­der Wra­betz. Ein schlech­tes Ge­wis­sen? Die Auf­re­gung klingt ein we­nig nach schlech­tem Ge­wis­sen. Da­bei kann auch die Voe­st­al­pi­ne bzw. de­ren Toch­ter­un­ter­neh­men Böh­ler nichts da­für: Die Zei­ten ha­ben sich ge­än­dert, die Tech­nik hat sich ge­än­dert. Frü­her, als der Staat das Sa­gen hat­te, konn­te man oh­ne Rück­sicht auf Ge­win­ne mit Zehn­tau­sen­den Men­schen in Ös­ter­reich fer­ti­gen und 20, 30 Per­so­nen ei­nen Ar­beits­schritt ma­chen las­sen. Mitt­ler­wei­le muss ein pri­va­tes Un­ter­neh­men pro­fi­ta­bel sein. Die Kon­kur­renz ist so groß und der Kos­ten­druck so hoch, dass man in Län­der mit bil­li­ge­ren Ar­bei­tern aus­wei­chen muss und ei­ne com­pu­ter­ge­steu­er­te Ma­schi­ne statt der 20, 30 Ar­bei­ter ein­setzt. So funk­tio­niert Wirtschaft. Aber es ist na­tür­lich un­er­freu­lich, wenn ei­nem die Fol­gen in der TV-Haupt­sen­de­zeit vor Au­gen ge­führt wer­den.

„Ein schlech­tes Ge­wis­sen? Nein, das ha­ben wir nicht“, meint Pe­ter Fels-

Men­schen

leb­ten und ar­bei­te­ten in den 1960er- und 1970er-Jah­ren in Mürz­zu­schlag. Haupt­ar­beit­ge­ber wa­ren die Stahl- und Blech­wer­ke, aber auch die ÖBB be­schäf­tig­ten da­mals noch Hun­der­te Mit­ar­bei­ter.

Men­schen

zählt die Ein­woh­ner­sta­tis­tik für Mürz­zu­schlag im Jahr 2016. bach, Kon­zern­spre­cher der Voe­st­al­pi­ne. „Wir kön­nen nichts für die­se Ent­wick­lung. Un­ser Un­ter­neh­men no­tiert an der Bör­se und ist da­zu ver­dammt, Ge­win­ne zu ma­chen.“Doch das ver­ste­hen nicht al­le, wenn man in Mürz­zu­schlag mit Ein­hei­mi­schen plau­dert und sie von den al­ten Zei­ten schwär­men. In den Köp­fen der Mit­ar­bei­ter, meint Fels­bach, sei es da­ge­gen an­ge­kom­men. „Sie wis­sen, dass es nicht mehr die 1980er-Jah­re sind.“

In den Köp­fen der Po­li­ti­ker noch nicht. Man ma­che der In­dus­trie das Wirt­schaf­ten in Ös­ter­reich und Eu­ro­pa schwer, meint Ge­org Kapsch, Prä­si­dent der In­dus­tri­el­len­ver­ei­ni­gung. Und Fels­bach spricht da­von, dass man „un­ter den ge­ge­be­nen Be­din­gun­gen das Bes­te her­aus­holt“.

Von den 75 Mit­glie­dern der Werks­ka­pel­le Böh­ler ar­bei­ten noch fünf beim Blech­werk. »Man muss die­se Ent­wick­lung zur Kennt­nis neh­men und da­mit le­ben.«

Das Bes­te sind für Mürz­zu­schlag der­zeit 500 qua­li­fi­zier­te Ar­bei­ter, die hoch­wer­ti­ge Ble­che für die Flug­zeug­in­dus­trie fer­ti­gen. Ir­gend­wann kann das Chi­na auch, dann wird man ent­we­der et­was Neu­es fer­ti­gen oder wie­der Ar­bei­ter ab­bau­en müs­sen.

„Man muss die­se Ent­wick­lung zur Kennt­nis neh­men“, meint Bür­ger­meis­ter Ru­di­scher. Die Stadt kön­ne die Ar­beits­plät­ze nicht er­set­zen und nur zum Teil bes­se­re Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen. Man ver­su­che, als Wohn­stadt in­ter­es­sant zu wer­den, et­wa für die Wie­ner, die ab 2026 dank des Sem­me­ring­tun­nels mit dem Zug in ei­ner knap­pen St­un­de an­rei­sen könn­ten. Der­zeit aber hat Karl Ru­di­scher an­de­re Prio­ri­tä­ten: „Ei­gent­lich se­he ich mei­ne Auf­ga­be vor al­lem dar­in, ge­gen die kol­lek­ti­ve De­pres­si­on an­zu­kämp­fen.“

Der Luchs

war in Ös­ter­reich aus­ge­rot­tet, dann wur­de er wie­der an­ge­sie­delt, jetzt ist er wie­der ver­schwun­den. Was ist pas­siert?

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