Kur neu: Mehr Be­we­gung, we­ni­ger Mass

Die Kur ger´t zu­neh­men© in Kri­tik. In ei­nem Pi­lot­pro­jekt wir© nun ein neu­es Kon­zept ge­tes­tet: mehr Sport, we­ni­ger Well­ness. DŻs ãe­geis­tert Ärz­te, ©ie Ku­r­or­te Żl­ler©ings we­ni­ger.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON CLAU­DIA RICH­TER UND EVA WINROITHER

So gut wie je­der hat je­man­den in sei­nem wei­ten Be­kann­ten­kreis oder kennt zu­min­dest die Ge­schich­ten: Da schmerzt der Rü­cken, der ap­fel­run­de Bauch macht das Er­rei­chen der Tas­ta­tur am Schreib­tisch auch nicht so an­ge­nehm, die tro­cke­ne Luft im Bü­ro tut ihr Üb­ri­ges. Das all­ge­mei­ne Wohl­be­fin­den ist un­ter­durch­schnitt­lich – und schon wird ei­ne Kur be­an­tragt. Ei­ne Kur dient „bei Be­rufs­tä­ti­gen der Er­hal­tung der Leis­tungs­fä­hig­keit“und bei Pen­sio­nis­ten soll „Pfle­ge­be­dürf­tig­keit ver­mie­den bzw. re­du­ziert wer­den“, heißt es auf der Web­site der Pen­si­ons­ver­si­che­rungs­an­stalt. Drei Wo­chen Mo­or­pa­ckun­gen, Ther­mal­bä­der, Mas­sa­gen und Wan­de­run­gen im Grü­nen, da­mit wer­den der täg­li­che Ge­nuss von Schnit­zel und Knö­del und die feh­len­de Be­we­gung das gan­ze Jahr über wie­der wett­ge­macht – glaubt zu­min­dest so man­cher Be­trof­fe­ne. Kein Wun­der, dass die Kur als Gra­tis­ur­laub auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler ver­schrien ist.

Die Kur in Ös­ter­reich, das ist ein Stück hei­mi­scher Ge­schich­te, de­ren Sinn sich jün­ge­ren Men­schen meist gar nicht mehr er­schließt. Schon zu Kai­sers Zei­ten war die Kur po­pu­lär, heu­te wer­den rund 147.000 Ku­ren je­des Jahr be­wil­ligt, aus­sa­ge­kräf­ti­ge Da­ten über ver­schie­de­ne Aspek­te im Kur- we­sen – wer sie ver­schrie­ben be­kommt und war­um – gibt es kaum. Nicht um­sonst nann­te Pe­ter McDo­nald, da­mals noch So­zi­al­ver­si­che­rungs­chef, die Kur „nicht zeit­ge­mäß“. Was nur be­dingt stimmt. Denn die Kur ist ein wich­ti­ger Wirt­schafts­zweig in Ös­ter­reich mit 75 Ku­r­or­ten und da­zu­ge­hö­ri­ger In­fra­struk­tur. Schon al­lein des­we­gen hält man im Land an der Kur fest – will sie, bei aller Kri­tik, re­for­mie­ren. Pro­jekt­start 2014. Seit An­fang 2014 gibt es be­reits das Pi­lot­pro­jekt Kur neu, das un­ter dem für die Kur weit­aus pas­sen­de­ren Na­men Ge­sund­heits­vor­sor­ge ak­tiv läuft. Es dau­ert noch bis En­de 2016 und wird in acht Kur­be­trie­ben (sie­he In­fo­kas­ten) ab­ge­hal­ten.

Die ers­te gro­ße Ve­rän­de­rung gleich vor­weg: Die Kur neu be­inhal­tet mehr Sport als die her­kömm­li­che. Denn Ba­sis sind nicht mehr Bä­der und Co., son­dern Ak­ti­vie­rung. Was so man­chem Kur­gast wohl un­an­ge­nehm auf­fal­len dürf­te. Doch das Bild vom be­zahl­ten Ur­laub ist nicht mehr trag­bar, da­her hat man den The­ra­pie­um­fang um rund 400 Mi­nu­ten auf 1400 Mi­nu­ten aus­ge­dehnt. Auch pas­si­ve Ele­men­te wie Mas­sa­gen wur­den stark re­du­ziert, da­für gibt es viel mehr Be­we­gung. Der Kur­gast ist jetzt we­sent­lich mehr ge­for­dert.

Ob es just des­we­gen ein Al­ters­li­mit für den Test­be­trieb der Kur neu gibt, sei da­hin­ge­stellt. Fak­tum ist: Kur­gäs­te des Pi­lot­pro­jekts dür­fen nicht äl­ter als 55 Jah­re alt und noch nie auf Kur ge­we­sen sein. „Sonst hät­ten sie viel­leicht fal­sche Er­war­tun­gen und wür­den sich mehr Mas­sa­gen und Bä­der er­war­ten, die ja in der An­zahl ziem­lich re­du­ziert wor­den sind. Und ent­täusch­te Er­war­tun­gen wür­den die Stu­di­en­da­ten ver- fäl­schen“, er­klärt Gün­ther Wie­sin­ger, Fach­arzt für phy­si­ka­li­sche Me­di­zin und Re­ha­bi­li­ta­ti­on. Wie­sin­ger ist Ge­schäfts­füh­rer und wis­sen­schaft­li­cher Di­rek­tor des Schloss-Kur­ho­tels Strobl und ei­ner der Ent­wick­ler der neu­en Kur­va­ri­an­te. Zwar gibt es noch kei­ne End­aus­wer­tung des Pro­jekts, aber ei­nes ste­he schon jetzt fest: Die Kur neu wür­de bei Pa­ti­en­ten enorm gut an­kom­men. „Es ist ei­ne an­de­re Kli­en­tel als noch vor 20 Jah­ren.“ Kur wird in­di­vi­du­el­ler. Das neue Kon­zept ist auch we­sent­lich fle­xi­bler. „Auf das Ba­sis­mo­dul für al­le Kur­gäs­te wird ein in­di­vi­du­el­les Mo­dul an­ge­schlos­sen. Je nach­dem, wo die Pro­ble­ma­tik des Ein­zel­nen liegt, wird der Fo­kus mehr auf Be­we­gung, Er­näh­rung oder men­ta­le Ge­sund­heit ge­setzt“, er­klärt Gu­drun Sei­wald, seit März 2015 Chef­ärz­tin der Pen­si­ons­ver­si­che­rungs­an­stalt – mit rund fünf Mil­lio­nen Mit­glie­dern Ös­ter­reichs größ­ter So­zi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger. Da­mit wird auch das gan­ze Pro­gramm für die Gäs­te in­di­vi­du­el­ler: „Die Kur­gäs­te neh­men das super an. Vie­le schwär­men re­gel­recht, das brin­ge sie wei­ter, da hät­ten sie wirk­lich et­was da­von“, er­zählt Ve­re­na Bö­heim, Ge­schäfts­füh­re­rin vom Kur­haus Bad Glei­chen­berg, wo das Pi­lot­pro­jekt un­ter an­de­rem statt­fin­det. Sie ist über­zeugt, dass der neue Weg der ab­so­lut rich­ti­ge sei.

Da­von ist auch Hen­ry Puff, ärzt­li­cher Lei­ter im Hu­ma­no­med-Zentrum Alt­ho­fen (eben­falls Pi­lot­pro­jekt­stand­ort) über­zeugt. Die meis­ten sei­ner Pa­ti­en­ten wür­den sehr rasch be­grei­fen, dass die Kur neu mehr als ein Ur­laub sei. Näm­lich ei­ne An­lei­tung für ein bes­se­res Le­ben, „und sie er­ken­nen, dass ih­nen ein ge­än­der­ter Le­bens­stil mehr Le­bens­qua­li­tät bringt, und sie neh­men vie­les sehr wohl mit in den All­tag.“Wo­mit ei­nes der Haupt­zie­le der Kur neu, näm­lich Prä­ven­ti­on – al­so Men­schen zu mo­ti­vie­ren, ihr Le­ben ge­sün­der zu ge­stal­ten, be­vor sie krank wer­den – theo­re­tisch er­reicht wä­re.

Wä­ren da nicht Ge­gen­stim­men zu ver­neh­men. „Ich ha­be schon mehr­fach ge­hört, dass vie­len das Pro­gramm zu an­stren­gend ist. Dass vie­le Pa­ti­en­ten das gar nicht be­wäl­ti­gen kön­nen“, sagt Kurt Kauf­mann, Ge­schäfts­füh­rer des ös­ter­rei­chi­schen Heil­bä­der- und Ku­r­orte­ver­bands. Und da­bei sind die Pi­lo­tKur­gäs­te ge­ra­de ein­mal ma­xi­mal 55 Jah­re alt.

„Pen­sio­nis­ten wer­den oh­ne­dies im­mer sel­te­ner Kur­auf­ent­hal­te ge­neh­migt, das ist ei­gent­lich nicht zu ver­ste­hen“, kri­ti­sie­ren Arzt Hen­ry Puff und Jo­sef Som­mer, Prä­si­dent des ös­ter­rei­chi­schen Heil­bä­der- und Ku­r­orte­ver­bands. Be­son­ders Som­mer sieht das Kur-neu-Pro­jekt kri­tisch: „Die Al­ten krie­gen im­mer sel­te­ner ei­ne Kur, und die Jün­ge­ren wer­den in be­stimm­te Zen­tren ge­schickt. Wir for­dern, dass es künf­tig bei­de Kur­va­ri­an­ten gibt, dass Men­schen un­ab­hän­gig von ih­rem Al­ter ei­ne Be­wil­li­gung be­kom­men, dass die Ge­sund­heits­vor­sor­ge ak­tiv nur in Ku­r­or­ten statt­fin­den soll und dass al­le ös­ter­rei­chi­schen Ku­r­or­te bei­de Va­ri­an­ten an­bie­ten kön­nen sol­len, so sie über die nö­ti­ge Aus­stat­tung ver­fü­gen.“ In­halt über­den­ken. Chef­ärz­tin Sei­wald kennt die Kri­tik: „Selbst­ver­ständ­lich wird es in Zu­kunft nicht nur die Ge­sund­heits­vor­sor­ge ak­tiv ge­ben. Den­noch muss auch der In­halt der her­kömm­li­chen Kur noch ein­mal über­dacht und even­tu­ell hin­sicht­lich ih­rer Ef­fek­ti­vi­tät ab­ge­wan­delt wer­den.“

Ih­re di­plo­ma­ti­sche Ant­wort kommt nicht von un­ge­fähr. Die Ku­r­or­te be­ob­ach­ten die neue Ent­wick­lung kri­tisch. Vie­le fürch­ten um ihr Ge­schäft und Jobs im Ort. „Die neue Va­ri­an­te der Kur könn­te im Prin­zip ge­nau­so gut auf dem Zen­tral­bahn­hof Wi­en durch­ge­führt wer­den“, heißt es aus dem ös­ter­rei­chi­schen Heil­bä­der- und Ku­r­orte­ver­band. „Die Kur neu ist nicht mehr an na­tür­li­che Heil­mit­tel und gu­te Luft ge­bun­den. Denn für die Haupt­säu­len des neu­en Kon­zepts, al­so für Be­we­gung, Er­näh- rung und men­ta­le Ge­sund­heit, be­darf es we­der ei­nes Moors noch Ther­mal­was­sers. Klas­si­sche Kur­mit­tel ha­ben hier kei­nen Stel­len­wert mehr. Und wir fürch­ten, dass da­mit der Tod ei­ni­ger tra­di­tio­nel­ler Ku­r­or­te ein­ge­lei­tet wer­den könn­te“, sagt Som­mer. Das wer­de si­cher nicht der Fall sein, kon­tert Gu­drun Sei­wald. „Auch für die Kur neu ist es wich­tig, dass sie in ei­ner ge­sun­den Um­ge­bung statt­fin­det, und na­tür­li­che Heil­mit­tel wer­den selbst­ver­ständ­lich auch fort­an ih­re Be­rech­ti­gung ha­ben.“ Volks­wirt­schaft­li­cher Sinn. Oh­ne­hin gibt es auch Be­für­wor­ter der al­ten Kur: „Es gibt ge­nug Stu­di­en, die be­wei­sen, dass die Ein­spa­rungs­kos­ten bei Me­di­ka­men­ten und Kran­ken­stands­ta­gen nach ei­ner her­kömm­li­chen Kur un­ge­fähr drei­mal so hoch sind wie je­ner Be- trag, den ei­ne Kur kos­tet“, sagt Wolf­gang Marktl, Kur­for­scher und Prä­si­dent der Wie­ner in­ter­na­tio­na­len Aka­de­mie für Ganz­heits­me­di­zin. Apro­pos Kos­ten: „Ei­ne Kur hat volks­wirt­schaft­lich lo­gi­scher­wei­se für jün­ge­re, aber auch für äl­te­re Men­schen Sinn“, meint Wie­sin­ger. Und man sol­le sie der rei­fe­ren Ge­ne­ra­ti­on kei­nes­falls vor­ent­hal­ten. Sie müs­se frei­lich et­was an­ders aus­schau­en wie die Ge­sund­heits­vor­sor­ge ak­tiv. „Die al­te Kur muss auf al­le Fäl­le wei­ter be­ste­hen blei­ben“, for­dert je­den­falls Hen­ry Puff, „auch wenn die Ge­sund­heits­vor­sor­ge ak­tiv ei­ne tol­le Sa­che ist.“

Was die­se end­gül­tig bringt, wird sich frei­lich erst zei­gen. „So, wie es mo­men­tan aus­sieht, ist Ge­sund­heits­vor­sor­ge ak­tiv fit für die Zu­kunft, die ers­ten Aus­wer­tun­gen se­hen sehr gut aus“, sagt Kur­mit­ent­wick­ler Gün­ther Wie­sin­ger. Al­ler­dings, wirft Gu­drun Sei­wald ein, zei­gen ers­te Zwi­schen­er­geb­nis­se, dass Ad­ap­tie­rungs­maß­nah­men ziem­lich si­cher nö­tig sein wer­den. En­de De­zem­ber wis­se man mehr.

Die meis­ten wür©en rŻsch ãe­grei­fen, ©Żss ©ie Kur neu mehr Żls ein Ur­lŻuã sei. »Die Kur neu ist nicht mehr Żn nŻtür­li­che Heil­mit­tel un© gu­te Luft geãun©en.«

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