ZUM BUCH

Der schlech­te Ruf, der EU-Gip­feln an­hängt, ist nicht fair. Man muss den Be­griff nur wört­lich neh­men, dann öff­net sich ei­ne Tür zur Viel­falt Eu­ro­pas und zu wun­der­ba­ren Aus- und Ein­sich­ten von den höchs­ten Ber­gen der Län­der der Uni­on.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON WOLF­GANG MACHREICH

Am An­fang steht Streit, aber wer hat et­was an­de­res er­war­tet, wenn es um EU-Gip­fel geht? Schon der Nied­rigs­te von ih­nen ist der Um­strit­tens­te: Seit 1847 wogt der Dis­put um Dä­ne­marks höchs­ten Berg, und mit je­nem Fu­ror, der den einst an den Hän­gen die­ser jüt­län­di­schen Hü­gel sie­deln­den Kim­bern und Teu­to­nen bei den Rö­mern ih­ren schlech­ten Ruf ein­ge­bracht hat. Der­zeit hat der Møl­lehøj die Gip­fel­na­se vorn – und ich ha­be die ers­ten 170,86 Me­ter mei­ner EU-Gip­fel­tour­nee ab­sol­viert.

Für den nächst­hö­he­ren in der Rei­he der höchs­ten Ber­ge der EU-Staa­ten muss ich ins Mit­tel­meer. Ta’ Dme­j­rek oder Ding­li Cliffs heißt ei­ne Klip­pe, wo Mal­ta mit 253 Me­ter am höchs­ten ist. Ein Gip­fel mit dem schöns­ten Meer­blick und der bes­ten me­di­ter­ra­nen Kü­che.

Nächs­tes Ziel ist Li­tau­ens Auk­sto­jas.ˇ Ein EU-Gip­fel, der ne­ben dem höchs­ten Berg Bul­ga­ri­ens Gott im Na­men trägt. Der 294-Me­ter-Gip­fel ist der ein­zi­ge der Run­de (ja viel­leicht welt­weit), des­sen Na­me nach der Tauf­fei­er 2005 noch vom Par­la­ment be­stä­tigt wur­de.

312 Me­ter sind in Lett­land hin­auf­zu­stei­gen, um ganz oben zu ste­hen. Im Win­ter kann man sich von ei­nem Schlepp­lift zie­hen las­sen. Gai­zin¸kalns heißt der wal­di­ge Hü­gel, und sein sechs Me­ter hö­he­rer Kol­le­ge in Est­land Suur Mu­na­mä­gi, „Gro­ßer Eier­berg“. Er hat laut Sa­ge ei­nen mü­den Rie­sen zum Schöp­fer und bie­tet ei­nen Leucht­turm mit Turm­stu­be zum Mie­ten.

Die Nie­der­lan­de sind mit dem 322,7 Me­ter ho­hen Vaal­ser­berg gar nicht so nied­rig und ha­ben zu­dem den Gip­fel mit dem kniff­ligs­ten Hin­ter­grund: Die Gip­fel­mar­kie­rung „Hoogs­te Punt Van Ne­der­land“ist näm­lich falsch. 2010 wur­de mit der Auf­lö­sung der Nie­der­län­di­schen An­til­len als Über­see­ge­biet die Ka­ri­bik­in­sel Sa­ba (ne­ben an­de­ren Ei­lan­den) als „be­son­de­re Ge­mein­de“in die Nie­der­lan­de ein­ge­glie­dert – und der Vul­kan Mount Sce­ne­ry (877 Me­ter) dort ist nun de­ren höchs­ter Berg. Aber den­noch kein nie­der­län­di­scher EU-Gip­fel: Denn Sa­ba ist kein EU-Ho­heits­ge­biet.

Leich­ter als die­se geo­po­li­ti­schen Hin­ter­grün­de zu ver­ste­hen ist es, auf den Vaal­ser­berg zu wan­dern. Schwie­rig ist auch die Tour auf den 560 Me­ter ho­hen Kn­eiff in Lu­xem­burg nicht. Aber auf­ge­passt, der Gip­fel wird bloß mit ei­ner weiß ge­stri­che­nen St­ein­plat­te am Rand ei­nes Feld­wegs an­ge­zeigt und ist leicht zu über­se­hen. Der Turm auf dem „Burg­platz“, dem an­geb­lich höchs­ten Hü­gel des Her­zog­tums, grinst höh­nisch über Baum­wip­fel zum ar­men Kn­eiff he- rü­ber. Der Burg­platz ist aber in Wahr­heit ei­nen Me­ter nied­ri­ger. Ein Grund mehr, das „häss­li­che Ent­lein“un­ter den EUGip­feln be­son­ders gern zu ha­ben.

694,24 Me­ter ist die Bo­tran­ge hoch und ragt am wei­tes­ten in den Him­mel über Bel­gi­en. Ei­ne sechs Me­ter ho­he St­ein­stie­ge macht die Zahl rund und leich­ter zu mer­ken. Ein ech­ter Hö­he­punkt im Ho­hen Venn ist so­wie­so we­ni­ger der höchs­te Gip­fel dort als das Hoch­moor um ihn her­um. End­lich mehr als Tau­send! Die Tau­sen­der­mar­ke kna­cke ich in Un­garn: Ke­kes-´ te­tö (Blau­er Berg), 1014 Me­ter und der EU-Gip­fel, auf dem vor mir schon Mam­muts und Mon­go­len stan­den.

Auf Ir­lands Car­raun­too­hil be­geg­nen mir nur Scha­fe und der Teu­fel. Der steckt dort nicht im De­tail, da­für aber in der be­lieb­ten Auf­stiegs­rou­te. Aber die „De­vil’s lad­der“ge­hört zum Car­raun­too­hil wie der Schnaps in Ka­te Ke­ar­ney’s Cot­ta­ge. Prost auf die gu­te Rück­kehr von 1041 teuf­li­schen Klet­ter­me­tern!

Ge­fähr­lich kann es bei Schlecht­wet­ter und Ne­bel auch auf Finn­lands Halti­t­un­tu­ri wer­den. Des­we­gen im­mer in der Nä­he ei­nes Ren­tier­zauns blei­ben, dann ist man vom 1324 Me­ter ho­hen Gip­fel bis ins Tal gut ver­ka­belt.

Auf Groß­bri­tan­ni­ens höchs­tem Berg, dem schot­ti­schen Ben Ne­vis (1346 Me­ter), hat mich tat­säch­lich der Sturm ein­ge­holt. Aber wen der Him­mel liebt, dem schickt er ei­nen Freund. Uns hat­te er be­son­ders lieb, schick­te ei­nen Orts­kun­di­gen samt Kom­pass und Kar­te. Soll­ten aber die Bri­ten im Ju­ni für den „Br­ex­it“vo­tie­ren, ist der Ben Ne­vis raus. Au­ßer die Schot­ten tre­ten wie­der der EU bei, dann bleibt zu­min­dest in al­pi­nen Ka­te­go­ri­en al­les wie ge­habt – wait and see!

Das nächs­te Ziel: die Schnee­kop­pe in Tsche­chi­en. 1603 Me­ter, und was die Gip­fel­bau­ten (Seil­bahn, Ka­pel­le, Wet­ter­war­te, Post­amt, Re­stau­rant, Obe­lisk) be­trifft in ei­ner Ka­te­go­rie mit der Zug­spit­ze – und da wie dort am meis­ten ver­tre­ten: Wan­de­rer aus Ost­deutsch­land.

Die Di­na­ra ist der höchs­te Berg Kroa­ti­ens (1831 Me­ter) und die Kö­ni­gin des Di­na­ri­schen Ge­bir­ges, das an die Ju­li­schen Al­pen in Slo­we­ni­en an­schließt und sich bis Al­ba­ni­en zieht. Ein ma­jes­tä­tisch wei­ßer Kar­st­rü­cken zur Halb­zeit mei­ner Gip­fel­tour­nee. Kur­ze Pau­se und Ge­le­gen­heit, in­ne­zu­hal­ten und wie der deut­sche Zoo­lo­ge und Dar­wi­nist Ernst Ha­eckel nach der Be­stei­gung des Pik von Te­ne­rif­fa (er kommt als vor­letz­ter in der Rei­he) zu „fra­gen, ob die­ser Ge­nuss im Ver­hält­nis stand zu den un­ge­wöhn­li­chen Be­schwer­den und Ge­fah­ren, mit den wir ihn er­kämpft hat­ten“. Ha­eckel ant­wor­te­te: „Ich ste­he nicht an, die­se Fra­ge un­be­dingt zu be­ja­hen“– und ich schlie­ße mich ihm an und ge­he wei­ter.

Auf den Olym­pos in Zy­pern. 1952 Me­ter misst er, aber zu den letz­ten Me­tern wird mir der Zu­tritt ver­wehrt: „Stop – Mi­li­ta­ry Area!“Der höchs­te Punkt ist bri­ti­schen Mi­li­tärs und ei­ner Ra­dar­an­la­ge vor­be­hal­ten, zi­vi­le Gip­fel­aspi­ran­ten blei­ben aus­ge­sperrt.

Wie­der ganz hin­auf dür­fen wir auf den Höchs­ten der Schweden. Dort aber ist un­si­cher, wie lan­ge der Keb­ne­kai­se Sydtopp über­haupt noch der Höchs­te ist. Sei­ne 2104 Me­ter ho­he Glet­scher­kup­pe schmilzt bis zu ei­nem Me­ter im Jahr. Der Nord­gip­fel aus kli­ma­wan­del­re­sis­ten­tem Fels braucht mit 2097 Me­tern nur zu war­ten, bis er der Höchs­te ist – und ich muss dann noch ein­mal hin.

Die Be­stei­gung des Pi­co auf der Azo­ren­in­sel Pi­co, um den 2351 Me­ter ho­hen Hö­he­punkt Por­tu­gals ab­zu­ha­ken, stand an­fangs auch un­ter kei­nem gu­ten Stern. Kei­ne Chan­ce, Or­kan in der Gip­fel­re­gi­on, mein­te die Berg­wäch­te­rin. Nach halb­stün­di­ger Ge­fah­ren­schu­lung ließ sie mich doch los­ge­hen. Die Or­k­an­hau­be mach­te sich da­von, und die Vul­kan­spit­ze grüß­te mich mit Son­nen­schein und war­men Fuma­ro­len. Gip­fel­kreuz? Ske­lett! Am Ry­sy er­war­tet die Berg­stei­ger al­len Kli­schees von den ka­tho­li­schen Po­len zum Trotz kein Gip­fel­kreuz. Da­für steht ne­ben dem Pfad ein­mal war­nend ein Sen­sen­mann. Die­ser will aber nicht ins Jen­seits, son­dern in die Ry­sy-Hüt­te lo­cken, die kei­ne himm­li­schen, aber def­ti­ge ku­li­na­ri­sche Freu­den bie­tet. 2499 Me­ter sind in Po­len da­zu­ge­kom­men.

In Ru­mä­ni­en wa­ren es im zwei­ten Ver­such 2544 Me­ter: Ei­ne Be­stei­gung im Win­ter hat der Mol­do­vea­nu 17 Me­ter un­ter dem Gip­fel ab­ge­wehrt. Im Som­mer hat es dann ge­klappt, aber es war im­mer noch wild und weit.

Wild trifft auch auf den Ger­lach­spitz in der slo­wa­ki­schen Ho­hen Ta­tra zu. Nur mit Berg­füh­rer er­laubt, heißt es zu­erst. Auf Nach­fra­ge gilt aber auch hier „Berg frei“. Die Tour je­doch nicht un­ter­schät­zen: Der 2655 Me­ter ho­he EU-Gip­fel ge­hört zu den schwie­rigs­ten.

Schwie­rig kann man auch auf den Trig­lav stei­gen, doch es gibt leich­te­re Va­ri­an­ten. Weit sind al­le We­ge auf den „Drei­kopf“(2864 Me­ter), auf den Slo­we­nen stei­gen müs­sen und wir dür­fen.

Der Olymp in Grie­chen­land ist der ge­schichts­träch­tigs­te Berg der Run­de. My­ti­kas ist mit 2918,8 Me­ter die höchs­te Spit­ze des Mas­sivs und war einst das Wohn­zim­mer von Zeus & Co. Der Zustieg heißt Ka­koska­la, schlech­te Trep­pe, lan­ge dach­te man, nur ein Ad­ler, aber nie ein Mensch wer­de hin­auf­kom­men.

Gött­lich geht es in Bul­ga­ri­en wei­ter. Mu­sa­la, Got­tes­lob, heißt der 2925 Me­ter ho­he Gip­fel. Auch was den Erst­be­stei­ger

Wolf­gang Machreich

EU-Gip­fel. 28 Hö­he­punk­te Eu­ro­pas, auf die man ste­hen muss. Tra­vel­dia­ry.de, 200 S. ca. 15 Eu­ro

Der Au­tor,

ein ge­bür­ti­ger Mit­ter­sil­ler (Salz­burg), war ab 1997 Jour­na­list („Die Fur­che“) und ist seit 2010 Pres­se­spre­cher der nun­meh­ri­gen Vi­ze­prä­si­den­tin des EU-Par­la­ments, Ul­ri­ke Lu­n­acek (Grü­ne). Er liebt Berg­stei­gen – und schrieb nun ein Buch über die 28 höchs­ten Gip­fel der EU-Staa­ten. be­trifft, lässt man sich nicht lum­pen: Phil­lip II. von Ma­ke­do­ni­en, be­rühm­ter Va­ter ei­nes noch be­rühm­te­ren Sohns, war rund 2360 Jah­re vor uns oben – bei hof­fent­lich bes­se­rem Wetter.

Auf der Zug­spit­ze (2962 Me­ter) ist das Wetter Ne­ben­sa­che, da braucht es kei­ne Rund­sicht, es wird so ge­nug ge­bo­ten: höchs­te Er­leb­nis­welt, höchs­te 3D-Show, höchs­tes Kris­tall­mu­se­um, höchs­ter Bier­gar­ten und die höchs­te Rost­brat­wurst in der Semmel Deutsch­lands, was will man mehr? Viel­leicht nur schnell weg von dem Rum­mel?

Auf die höchs­ten EU-Gip­fel: Geo­gra­fisch heißt das auch nach Afri­ka, denn Spa­ni­ens höchs­ter Berg ist der Pi­co del Tei­de auf Te­ne­rif­fa. Da­mit es nicht zu­geht wie auf der Zug­spit­ze, braucht es für den Auf­stieg ei­ne „per­mi­si­on“´ und et­was mehr Luft: Es geht auf 3718 Me­ter.

Nur 80 Hö­hen­me­ter wei­ter ist der Auf­stieg zu Ös­ter­reichs Groß­glock­ner. Das Gip­fel­kreuz er­in­nert ans „Fa­mi­li­en- fest des 25-jäh­ri­gen Ehe­ju­bi­lä­ums Ih­rer Ma­jes­tä­ten des Kai­sers Franz Jo­sef I. und der Kai­se­rin Eli­sa­beth“– bis hin­auf zum Höchs­ten „tu fe­lix Aus­tria . . .“. Glück­lich auch al­le, die es so­weit ge­schafft ha­ben.

Zwei Län­der, zwei Tou­ren, ein Gip­fel feh­len noch. So schließt sich der Kreis: Wie am An­fang gibt es auch am En­de Streit. Wer hat et­was an­de­res er­war­tet bei EU-Gip­feln? Die Fran­zo­sen wol­len den Mont Blanc (4808 Me­ter) für sich und ma­chen den Ita­lie­nern den „Mon­te Bi­an­co“strei­tig. (Der Grenz­ver­lauf ist nicht ex­akt ge­klärt, sieht man den Gip­fel als ex­klu­siv fran­zö­sisch an, so ist der Mont Blanc de Cour­ma­y­eur, 4748 m, 500 Me­ter wei­ter süd­öst­lich, der Grenz­gip­fel und höchs­ter Berg Ita­li­ens, Anm.). Der päpst­li­che Gip­fel. Um bei­den ge­recht zu wer­den, stei­gen wir ein­mal von Cha­mo­nix, ein­mal von Cour­ma­y­eur hin­auf. Die ita­lie­ni­sche Rou­te durch­stieg ein ge­wis­ser Achil­le Rat­ti als Ers­ter. Auch in sei­nem Be­ruf hat er es spä­ter ganz hin­auf ge­schafft: Nach ihm heißt die Tour Via del Pa­pa, nach „il Pa­pa al­pi­nis­ta“, Papst Pi­us XI. (1922 bis 1939).

Weit oben, am Bos­ses­grat, kom­men der ita­lie­ni­sche und fran­zö­si­sche Weg zu­sam­men und füh­ren zum ge­mein­sa­men Gip­fel. So soll es sein, der Berg ist so groß, so schön, so weiß, dar­auf kön­nen zwei Völ­ker stolz sein. So wie die an­de­ren auf ih­re. Und wer sie be­sucht hat, wird sich mei­ner Mei­nung an­schlie­ßen: Der schlech­te Ruf von EU-Gip­feln ist nicht ge­recht­fer­tigt. Man muss den Be­griff nur beim Wort neh­men und sich auf den Weg zu et­wa 54.000 Hö­hen­me­tern über Eu­ro­pa ma­chen.

Es fängt mit 170,86 Me­ter über dem Meer et­was mä­ßig an. Aber das wird schon noch. Die Zug­spit­ze, Deutsch­lands Hö­he­punkt, ist ganz oben eher ein Rum­mel­platz. Eu­ro­pas höchs­ten Berg, den Mont Blanc, be­an­spru­chen Fran­zo­sen und Ita­lie­ner.

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