Schnit­zel und Ba­na­nen in Krems

Beim letz­ten Donau­fes­ti­val un­ter der Lei­tung von To­mas Zier­ho­fer-Kin ist die Mi­gra­ti­on ein zen­tra­les The­ma. God’s En­ter­tain­ment wid­men sich ihm auf all­zu kli­schee­haf­te Wei­se.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON THO­MAS KRAMAR

Sind Sie ein­ge­la­den? Nein? Zei­gen Sie ein­mal Ih­ren Aus­weis!“Mit sol­chen Atta­cken hat man als Thea­ter­be­su­cher für ge­wöhn­lich nicht zu rech­nen, bei der Auf­füh­rung der Wie­ner Thea­ter­grup­pe God’s En­ter­tain­ment beim Donau­fes­ti­val muss­ten sie kom­men, und sie ka­men. Denn das Mot­to der Per­for­mance war „Nie­mand hat euch ein­ge­la­den“, In­ten­dant To­mas Zier­ho­fer-Kin hat es fürs gan­ze Fes­ti­val über­nom­men – und er­klärt in sei­nem Vor­wort: „Das künst­li­che Pa­ra­dies der hu­ma­nis­ti­schen abend­län­di­schen Wer­te ba­siert auf ei­nem mo­ne­tä­ren wie in­tel­lek­tu­el­len Reich­tum, der nur durch Un­ter­drü­ckung und Aus­beu­tung ,der An­de­ren‘ ent­ste­hen konn­te.“Und: „Die ge­gen­wär­ti­ge Si­tua­ti­on ist das Er­geb­nis un­se­res noch im­mer zu­tiefst ko­lo­nia­len und im­pe­ria­len Den­kens und Han­delns!“

Wir – wen im­mer das Pro­no­men um­fas­sen oder aus­schlie­ßen mag – sind die Tä­ter, die an­de­ren sind die Op­fer: ein hübsch ein­fa­ches Welt­bild. Zu Be­ginn der Per­for­mance gab es An­lass zur Hoff­nung, dass die­se nicht ganz so schlicht rich­ten und wer­ten wer­de: „Das Tra­gi­sche wird heu­te nicht statt­fin­den“, sag­te ei­ne Spre­che­rin, „wir ha­ben auch kei­ne Flücht­lin­ge.“Da­zu zerr­ten Nack­te auf al­len Vie­ren an ih­ren Ket­ten und knurr­ten be­droh­lich: Soll­ten das wir sein oder die an­de­ren? Wach­hun­de des Wes­tens oder müh­sam be­herrsch­te Ein­dring­lin­ge? Es war nicht klar, und es ver­stör­te, ver­wirr­te, ähn­lich wie vor zwei Jah­ren beim Donau­fes­ti­val, als God’s En­ter­tain­ment Men­schen in ei­nem Zoo aus­stell­te.

Doch dann wur­de es platt, ent­täu­schend platt. „Ös­ter­rei­chi­sche Er­de“aus Sä­cken wur­de auf­ge­schüt­tet und mit Was­ser ge­gos­sen, das die „ös­ter­rei­chi­schen Wer­te“sym­bo­li­sie­ren soll­te, man hör­te ei­ne kna­cki­ge Col­la­ge von Po­li­ti­ker­sprü­chen (vor al­lem aus der FPÖ), dann wur­den Wäl­le ge­baut, ei­ne Trenn­wand wur­de auf­ge­stellt, in ei­ner Hüt­te mit der Auf­schrift „Mas­tur­ba­tio­na­lis­mus“fand ei­ne „Na­tio­nal-Peep­show“statt: In ihr tat ei­ner vor Bil­dern von Han­si Hin­ter­se­er, Trach­ten­pär­chen, Nor­bert Ho­fer, Wie­ner Schnit­zel etc. so, als ob er ona­nie­re. Al­les klar, da­nach aßen ge­wiss al­le Nicht­ve­ge­ta­ri­er die beim Donau­fes­ti­val tra­di­tio­nel­ler­wei­se an­ge­bo­te­ne Schnit­zelsem­mel mit ge­stärk­tem kri­ti­schen Be­wusst­sein: Wir sind nicht wie wir al­le! Jetzt die Bun­des­hym­ne! Der ein­zi­ge Mo­ment, an dem die­ser Re­flex zu­min­dest hin­ter­fragt wur­de, war, als ei­ne Per­for­me­rin das Sin­gen der Bun­des­hym­ne an­kün­dig­te: „Bit­te ste­hen Sie al­le auf!“, for­der­te sie wie­der und wie­der, nach fünf Mi­nu­ten stan­den un­ge­fähr zwei Drit­tel der Be­su­cher. Man spür­te das Gr­ü­beln: Was wür­de mein Auf­ste­hen sa­gen? Dass ich ein Mit­ma­cher bin? Dass ich mich da­heim hei­mat­lich füh­le? Aber tut das der Van der Bel­len nicht auch? Oder den­ke ich wo­mög­lich gar im­pe­ri­al? Und muss ich dann auch laut mit­sin­gen?

Ja, das Mit­mach-Thea­ter stellt uns im­mer wie­der auf har­te Pro­ben. Hei­kel wird es auch, wenn ei­ne Per­for­me­rin mit um­ge­schnall­tem rie­si­gen Gum­mi­pe­n­is plötz­lich wei­ner­lich wird („I re­al­ly feel not­hing!“) und ih­re Selbst­zwei­fel mit uns tei­len will. (An­mer­kung: Ab jetzt steht die ers­te Per­son Plu­ral schlicht für die Be­su­cher des Donau­fes­ti­vals, und die­se wa­ren üb­ri­gens al­le sehr nett und nicht of­fen­sicht­lich aus­beu­te­risch tä­tig.) Dann hilft näm­lich nur Wort­karg­heit, die nächs­te Sze­ne kommt be­stimmt, dies­falls, in der Per­for­mance „Fle­che“,` sprang Eli­sa­beth Ba­kambam­ba Tambwe im wei­ßen Kleid in ein Pl­ansch­be­cken. Das Pro­gramm­heft weiß von „kon­ti­nu­ier­li­cher Be­fra­gung des so­zia­len Kör­pers“. Im Vor­raum des Fo­rum Froh­ner kann man dann ein Vi­deo se­hen, in dem Tambwe ei­ne Oran­ge ge­biert, und auf dem Tisch liegt ein Zet­tel, der ganz im Apo­the­ke­mit-Be­wusst­sein-Ton die Mu­sa Pa­ra­di­sia­ca an­preist: Sie ver­stär­ke die Hirn­leis­tung, brin­ge po­si­ti­ve Ener­gie, hel­fe ge­gen Schlaf­lo­sig­keit und so wei­ter. Was kann das sein, frag­te sich der von Bil­dungs­lü­cken ge­plag­te Re­zen­sent: der Grü­ne Velt­li­ner, der da­ne­ben be­reit­stand? Die freund­li­che Per­for­me­rin Tambwe be­lehr­te ihn ei­nes Bes­se­ren: Mu­sa Pa­ra­di­sia­ca ist der sys­te­ma­ti­sche Na­me für die Ba­na­ne. Und ei­ne sol­che ist wirk­lich ei­ne gu­te Er­gän­zung zur er­wähn­ten Krem­ser Schnit­zelsem­mel.

Zu­rück zur vir­tu­el­len Rea­li­tät: zur Per­for­mance „Still Be He­re“in der Mi­no­ri­ten­kir­che. In ih­rem Zentrum steht Hats­une Mi­ku, ein Pop­star, den es nicht wirk­lich gibt, son­dern nur als 3D-Pro­jek­ti­on, der aber „als Kris­tal­li­sa­ti­on kol­lek­ti­ven Ver­lan­gens“die­ne, in den „wir un­se­re ei­ge­nen Fan­ta­si­en pro­ji­zie­ren“, so das Pro­gramm­heft. Nun, Ähn­li­ches könn­te man über La­ra Croft oder Win­ne­tou auch sa­gen. Was man in der Vi­deo­do­ku­men­ta­ti­on sah, war ziem­lich un­auf­re­gend, das wirk­te wie Ars Elec­tro­ni­ca 1995, mit La­ser­waf­fen, Com­pu­ter­stim­me und so; nur der Hang der ja­pa­ni­schen Po­pu­lär­kul­tur zum Kind­chen­sche­ma ist und bleibt un­heim­lich.

Auf ganz an­de­re Wei­se un­heim­lich ist die Per­for­mance „Frail Af­fi­nities“von Saint Ge­net, die wäh­rend des Donau­fes­ti­vals in der Kunst­hal­le Krems läuft.

God’s En­ter­tain­ment: Nack­te auf al­len Vie­ren zer­ren an ih­ren Ket­ten und knur­ren. Saint Ge­net: Nack­te, die of­fen­sicht­lich frie­ren, hül­len sich in knis­tern­de Gold­fo­li­en.

Vor ei­nem Ge­rüst aus Leucht­röh­ren sieht man bald nack­te, bald not­dürf­tig be­klei­de­te Men­schen, die of­fen­sicht­lich frie­ren, sich in Gold­fo­li­en wi­ckeln, de­ren Knis­tern den Ein­druck der Käl­te ver­stärkt. So wie die Mu­sik, die ein we­nig an Micha­el Ny­man er­in­nert: mi­ni­ma­lis­ti­sches Ba­rock so­zu­sa­gen, dis­tan­ziert und doch sehn­süch­tig. Die Per­for­mance soll an die „Donner Par­ty“er­in­nern, die Grup­pe von Sied­lern, die 1846 auf dem Weg in den Wes­ten der USA wa­ren und vom Win­ter über­rascht wur­den. 34 von 81 star­ben, Über­le­ben­de ver­zehr­ten das Fleisch der To­ten. Auch ei­ne Mi­gra­ti­ons­tra­gö­die, und zwar ei­ne, bei der man sich schwer tä­te, Schul­di­ge zu su­chen, bei der kei­ne schnel­le Moral ser­viert wer­den kann. Gut, dass auch da­für Platz beim Donau­fes­ti­val ist.

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