Die Wie­der­ver­ei­ni­gung Ko­reas ge­lingt in Wi­en

Jo¨el Pom­merats Er­folgs­stück wird im Aka­de­mie­thea­ter wit­zig und auch heim­tü­ckisch leicht in­sze­niert.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON NOR­BERT MAY­ER

Wie er­klärt ein Mann sei­ner Frau, die das Ge­dächt­nis ver­lo­ren hat, ih­re 17 Jah­re Ehe, vor al­lem aber die Lie­be? Er sagt: „Als wir uns ken­nen­lern­ten, war es per­fekt. Wir wa­ren wie zwei Hälf­ten, die sich ver­lo­ren hat­ten und die sich wie­der­fan­den. Es war wun­der­schön. Es war, als wenn Nord­ko­rea und Süd­ko­rea ih­re Gren­zen öff­ne­ten und sich wie­der ver­ei­ni­gen wür­den.“Die­sen schrä­gen, sehn­suchts­vol­len und trau­ri­gen Ver­gleich hat der höchst er­folg­rei­che fran­zö­si­sche Dra­ma­ti­ker Jo­el¨ Pom­merat (* 1963) zum Ti­tel sei­nes mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ten, 2013 in Paris ur­auf­ge­führ­ten Stücks „Die Wie­der­ver­ei­ni­gung der bei­den Ko­reas“ge­macht: 19 Sze­nen füh­ren das Be­geh­ren in all sei­nen Spiel­ar­ten vor. Der Text ist vol­ler Po­in­ten und Heim­tü­cke. Ko­rea ist nur ein Wort.

Im Vor­jahr gab es ei­ne flot­te fran­zö­si­sche Ins­ze­nie­rung bei den Wie­ner Fest­wo­chen. Am Frei­tag war im Wie­ner Aka­de­mie­thea­ter die Pre­mie­re der deutsch­spra­chi­gen Über­set­zung von Isa­bel­le Ri­vo­al. Sie braucht den Ver­gleich nicht zu scheu­en: Ein tol­ler Abend, der Heik­les, Tri­via­les wie auch Tie­fes mit Leich­tig­keit dar­stellt. Un­ter der Re­gie von Pe­ter Wit­ten­berg konn­ten sich fünf Schau­spie­le­rin­nen und vier Schau­spie­ler in ins­ge­samt 52 Rol­len aus­to­ben und zu­dem in Zwi­schen­spie­len in Glit­zer­klei­dern me­lan­cho­li­sche Lie­der in frem­den Spra­chen an­stim­men. Fast zwei­ein­halb St­un­den dau­er­te die­ser Show­down an Be­zie­hungs­dra­men.

Ein Groß­teil da­von ist ge­lun­gen. Voll Ver­ve spie­len zum Bei­spiel Sa­bi­ne Haupt und Pe­tra Mor­ze´ ent­täusch­te Lie­ben­de, Do­ro­thee Har­tin­ger würzt ih­re Auf­trit­te mit et­was Ge­heim­nis, Dör­te Lys­sew­ski ver­mit­telt zu­wei­len schlam­pi­ge Ver­lo­ren­heit, Fri­da-Lo­vi­sa Ha­mann ju­gend­li­che Fri­sche. Mar­kus He­ring und Mar­tin Rein­ke ge­ben ih­ren Auf­trit­ten in den bes­ten Mo­men­ten ei­ne Wen­dung ins Ab­sur­de, Dirk No­cker und Da­ni­el Jesch be­to­nen oft das Vi­ri­le. Aber das sind nur Mo­ment­auf­nah­men, denn die meis­ten im En­sem­ble spie­len fa­cet­ten­reich und vor al­lem sou­ve­rän im Set­zen der Po­in­ten. Der Wech­sel zwi­schen De­fen­si­ve und An­griff kommt oft völ­lig über­ra­schend.

Die Re­gie hat sich fast ganz auf die Spra­che ver­las­sen und dar­auf, dass die neun Prot­ago­nis­ten sie mit fast un­er­träg­li­cher Leich­tig­keit des Seins um­set­zen. Die Büh­ne ist bis auf we­ni­ge Re­qui­si­ten leer. Am auf­fäl­ligs­ten sind senk­rech­te und waag­rech­te Licht­bal­ken, die zwi­schen den Sze­nen auf­leuch­ten und sich be­we­gen, als ob der Raum ei­ne Art Ko­pie­rer wä­re. Und tat­säch­lich gibt es stets neue, ra­sche Aus­dru­cke an zwi­schen­mensch­li­chen Be­zie­hun­gen. Da möch­te sich ei­ne Frau schei­den las­sen, weil zu we­nig Lie­be sei, sie spricht wie ins Nichts, nur aus dem Off hört man ei­ne in­qui­si­to­ri­sche

Man­che Sze­nen wir­ken tat­säch­lich wie ein Schlag in die Ma­gen­gru­be. »Wir wa­ren wie zwei Hälf­ten, die sich ver­lo­ren hat­ten . . . «

Stim­me, als ob es sich um ein Ver­hör hand­le. Da tren­nen sich zwei Frau­en und wer­den vor ih­rem hilf­lo­sen The­ra­peu­ten hand­greif­lich. Dann mault ei­ne Putz­frau über ih­ren Mann, sie will ihn zu­rück­ha­ben, und merkt, an­ders als ih­re Kol­le­gin­nen, nicht, dass er sich er­hängt hat, hoch über ihr von der De­cke bau­melt. Ein­mal fal­len Hoch­zeit und Ab­schied so­gar zu­sam­men: Es stellt sich her­aus, dass der Bräu­ti­gam zu­vor mit je­der der vier Schwes­tern der Braut et­was hat­te – ei­ne köst­li­che Far­ce, so wie das Ku­scheln zwei­er Ho­mo­se­xu­el­ler, das durch ei­ne erst harm­los schei­nen­de Ne­ben­be­mer­kung in Tot­schlag aus­zu­ar­ten droht, oder die hart­nä­cki­gen Fra­gen ei­ner Se­kre­tä­rin, die ver­mu­tet, dass ihr Chef „in ihr“war, als sie schlief. Die Gren­ze zwi­schen Ver­füh­rung, Er­pres­sung und Ver­bre­chen ist schwer aus­zu­ma­chen.

Man­che Sze­nen wir­ken tat­säch­lich wie ein Schlag in die Ma­gen­gru­be, et­wa wenn ein en­ga­gier­ter Leh­rer, der des Miss­brauchs ver­däch­tigt wird, von Lie­be re­det, oder wenn ein Ehe­paar ei­ne Ba­by­sit­te­rin en­ga­giert, ob­wohl es kei­ne Kin­der hat, und wenn ei­ne Pro­sti­tu­ier­te mit dem Frei­er bis zur völ­li­gen Er­nied­ri­gung um den Preis feilscht. „Lie­be reicht nicht“heißt ei­ner der Tex­te. Ge­nau so ist es. Die­se vie­len wit­zi­gen Sze­nen dre­hen sich auch um Krieg und Geld, um Tod oder Le­ben, manch­mal ein­fach nur um Freund­schaft, aber wohl im­mer um Ein­sam­keit und die Furcht da­vor. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung der bei­den Ko­reas, das wä­re doch ein Fest. Aber sel­ten en­det die Ge­schich­te eben glück­lich.

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