Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KUL­TUR­KAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Rechts­ruck? Las­sen wir die Auf­ge­regt­heit. Die meis­ten Ho­fer-Wäh­ler wol­len ja gar nicht 70 Jah­re zu­rück. Höchs­tens 50. Aber viel­leicht gilt das heu­te auch schon als ex­trem rechts.

Mar­kiert das Wah­l­er­geb­nis vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag wirk­lich ei­nen un­er­war­te­ten Rechts­ruck? Aus­ge­löst durch die Flücht­lings­po­li­tik der Re­gie­rung? Da­zu ist es reiz­voll, das Er­geb­nis nicht nach Par­tei­en, son­dern nach La­gern zu be­trach­ten: Sa­gen wir – et­was groß­zü­gig –, Irm­gard Griss sei ei­ne ty­pi­sche Bür­ger­li­che und die Grü­nen sei­en im Grun­de ve­ga­ne So­zi­al­de­mo­kra­ten. Dann hat das Wah­l­er­geb­nis so aus­ge­se­hen: Na­tio­nal­po­pu­lis­ten 35,3 Pro­zent, grü­ne So­zi­al­de­mo­kra­ten 32,2 Pro­zent, Bür­ger­li­che 30,1 Pro­zent. Das liegt im Rah­men des­sen, was uns seit zwei Jah­ren die Um­fra­gen zur Na­tio­nal­rats­wahl zei­gen.

So ge­se­hen ist si­cher die ge­rin­ge Mo­bi­li­sie­rungs­kraft von ÖVP und SPÖ für ih­re Haus­kan­di­da­ten be­mer­kens­wert. Aber ei­ne tek­to­ni­sche Ver­schie­bung der La­ger ist das nicht. Zu­min­dest kei­ne, die nicht schon längst sicht­bar ge­we­sen wä­re. Und zur Sa­che mit den Flücht­lin­gen: Of­fen­sicht­lich ha­ben die Wäh­ler nicht so sehr ge­gen die Will­kom­mens­kul­tur ge­stimmt als für kon­sis­ten­te Par­tei­en. Da­von hat na­tür­lich die im­mer glas­kla­re FPÖ pro­fi­tiert. Aber fast zwei Drit­tel ha­ben sich der FPÖ und de­ren An­tiFlücht­lings-Po­le­mik ver­wei­gert. Und un­ter ih­nen wie­der­um hat nur ei­ne Min­der­heit die Kan­di­da­ten der Re­gie­rungs­par­tei­en mit ih­rer Kehrt­wen­den-Po­li­tik an­ge­kreuzt, zwei Drit­tel aber Van der Bel­len oder Griss, die (auch man­gels Ge­le­gen­heit) kei­ne Flücht­lings-Pi­rou­et­ten ge­dreht ha­ben.

Ein Rechts­ruck sä­he an­ders aus. Auch dass die Stim­men für die FPÖ mehr wer­den, je tie­fer das Bil­dungs­ni­veau ist, ist nicht neu. Oder dass viel mehr Män­ner blau wäh­len als Frau­en (was an Wahl­sonn­ta­gen wohl man­che un­schö­ne Sze­ne am ehe­li­chen Früh­stücks­tisch aus­löst). Das ist nicht nur mit den Flücht­lin­gen zu er­klä­ren (fürch­ten sich Män­ner mehr vor ih­nen?). Wich­ti­ger ist zum ei­nen wohl die At­trak­ti­vi­tät ein­fa­cher Ant­wor­ten in kri­sen­haf­ten, kom­ple­xen Zei­ten. Und zum an­de­ren könn­te es sein, dass im­mer mehr – ge­ra­de Män­ner – den Zeit­geist als un­er­träg­lich ge­wor­de­ne Gän­ge­lung emp­fin­den, von der Po­li­ti­cal Cor­rect­ness über die Con­chi­ta-Wurst-Ver­eh­rung, die Töch­ter­söh­ne und das Bin­nen-I bis hin zur ver­pflich­ten­den Sym­pa­thie für al­les, was an­ders ist, ein­schließ­lich ver­schlei­er­ter Mus­li­min­nen. Nur die FPÖ bie­tet dem klar die Stirn.

Ist es wo­mög­lich so, dass die FPÖ-Er­fol­ge un­se­rer Zeit kein Rechts­ruck sind, son­dern bloß das En­de der 68er-Do­mi­nanz an­zei­gen und die Rück­kehr in die Vor-68er-Bür­ger­lich­keit mit ih­ren zwar en­gen, aber kla­ren Ver­hält­nis­sen und Ord­nun­gen? Aber was, wenn ge­nau das ge­meint ist, wenn man heu­te von „ex­trem rechts“spricht? Auch das wür­de vie­les er­klä­ren. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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