»Wir sieg­ten 1945, wir sie­gen auch heu­te«

Mi­li­tär­pa­ra­de, Sankt-Ge­orgs-Bän­der, Ah­nen­pro­zes­si­on: Der Tag des Sie­ges steht be­vor. Das Ge­den­ken an die Kriegs­hel­den ist in Russ­land zur staats­tra­gen­den Ideo­lo­gie ge­wor­den, die auch künf­ti­ge macht­po­li­ti­sche Am­bi­tio­nen recht­fer­tigt.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON JUTTA SOMMERBAUER (MOS­KAU)

Die Läu­fe der Ma­schi­nen­ge­weh­re sind po­liert, das Ho­heits­ab­zei­chen gut sicht­bar an­ge­bracht, die Ket­te glänzt me­tal­lisch. Doch das Wich­tigs­te fehlt noch. Das, was den Pan­zer zum rich­ti­gen Pan­zer macht. Ge­ra taucht den Pin­sel in das Fläsch­chen mit der Auf­schrift „Dun­kel­brau­ne Er­de“und tupft die Far­be vor­sich­tig auf die Gleis­ket­te. Dreck­bat­zen, so vie­le, bis die Ket­te ge­spren­kelt ist, als wä­re der Pan­zer ge­ra­de aus dem Kampf­ein­satz zu­rück­ge­kehrt. „Ver­giss nicht die Sei­ten!“, mahnt Work­shop­lei­ter Kost­ja Ni­ko­la­jew. „Wenn er durch den Mo­rast rollt, spritzt es weg.“Ge­ra, ein 14-jäh­ri­ger schma­ler Te­enager mit Bürs­ten­schnitt, nickt und tupft wei­ter.

Ge­gen­über der Mos­kau­er Zen­tra­le des In­lands­ge­heim­diens­tes FSB, der Lub­jan­ka, die einst die ge­fürch­te­te so­wje­ti­sche Ge­heim­po­li­zei be­her­berg­te, liegt das Zen­tra­le Kin­der­kauf­haus. Es ist ein pres­ti­ge­träch­ti­ger und als Mall re­no­vier­ter Rie­sen­bau, in des­sen fünf Stock­wer­ken kein Kin­der­traum un­er­füllt bleibt. Ne­ben Ted­dy­bä­ren in al­len Grö­ßen und For­men, Le­go­s­ets und ei­nem Di­no­sau­ri­er-Er­leb­nis­land kön­nen fin­ger­fer­ti­ge Kin­der hier im Ge­schäft „Tech­nik der Ju­gend“Kriegs­tech­nik zu­sam­men­bau­en. Pan­zer aus dem Zwei­ten Welt­krieg sind be­son­ders be­liebt. Kost­ja Ni­ko­la­jew öff­net ei­ne Scha­tul­le: ein be­mal­ter Mi­nia­tur-Hit­ler mit aus­ge­streck­ter rech­ter Hand. „Spe­zi­al­an­fer­ti­gung.“Er grinst. Ni­ko­la­jew packt den his­to­ri­schen Geg­ner schnell wie­der weg. Ge­dacht wird in die­sen Ta­gen der ruhm­rei­chen Ro­ten Ar­mee. Und nur ihr.

Russ­land kurz vor dem 9. Mai, an dem des Sie­ges der So­wjet­ar­mee über die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­dacht wird. In TV-Be­rich­ten der Kreml­na­hen Ka­nä­le kön­nen die Bür­ger se­hen, wie sich ein Land zum Ge­den­kSu­per­la­tiv her­aus­putzt: Fah­nen­ge­schmück­te Stra­ßen und Plät­ze, em­si­ge Gärt­ner set­zen Aber­tau­sen­de Blu­men in die rus­si­sche Er­de, her­aus­ge­putz­te Denk­mä­ler, in der Stadt Mur­mansk wird ei­ne gi­gan­ti­sche oran­ge-schwar­ze Sankt-Ge­orgs-Schlei­fe ver­legt. Das Band ist seit ei­ni­gen Jah­ren das Sym­bol für pa­trio­ti­sches Hel­den­ge­den­ken, das man sich in die­sen Ta­gen in klei­ner Form gern ans Re­vers hef­tet. Die Put­in­treu­en Nacht­wöl­fe ma­chen sich al­len Wi­der­stän­den zum Trotz auf zu ih­rem Tri­umph­zug durch Eu­ro­pa – „nach Berlin“wie einst die Ro­te Ar­mee, mit Zwi­schen­sta­ti­on in Wi­en. In nächt­li­chen Pro­ben rol­len Pan­zer durch die

Wäh­rend nächt­li­cher Pro­ben rol­len Pan­zer durch die Mos­kau­er In­nen­stadt.

Mos­kau­er In­nen­stadt, Kampf­flug­zeu­ge durch­kreu­zen in wag­hal­si­gen Ab­ord­nun­gen den Him­mel, ih­re Ab­ga­se in den Far­ben der rus­si­schen Tri­ko­lo­re.

2016 wird der „den po­be­dy“zum 71. Mal be­gan­gen, nicht so pom­pös wie beim run­den Ju­bi­lä­um des Vor­jahrs, doch wie­der un­ter Mit­wir­kung des Vol­kes: Das „Uns­terb­li­che Re­gi­ment“, ei­nen Ge­denk­marsch, der letz­tes Jahr 400.000 Teil­neh­mer samt Wla­di­mir Pu­tin an sei­ner Spit­ze zähl­te, wird es wie­der ge­ben. Ent­stan­den ist die­se Initia­ti­ve vor ei­ni­gen Jah­ren in Si­bi­ri­en, als Bür­ger die Fo­to­gra­fi­en von An­ge­hö­ri­gen als Ta­feln vor sich her tru­gen. Die Be­hör­den ha­ben die Idee auf­ge­grif­fen. Mitt­ler­wei­le hän­gen in den Mos­kau­er Haus­ein­gän­gen pro­fes­sio­nell ge­stal­te­te Auf­ru­fe, wo man sich zu sam­meln hat. Im­pe­ria­le Stär­ke. Das Ge­den­ken an den Gro­ßen Va­ter­län­di­schen Krieg wird im Russ­land von heu­te nicht dem Zu­fall über­las­sen. Der Sieg über Na­ziDeutsch­land sei „das ein­zig funk­tio­nie­ren­de Ele­ment im rus­si­schen Ge­ne­ra­tio­nen­ver­trag“, schreibt der Schwei­zer Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Ul­rich Schmid in sei­nem Buch „Tech­no­lo­gi­en der See­le“. Er­in­nert wird da­bei an den So­wjet­staat als mäch­ti­ges Im­pe­ri­um, nicht an des­sen kom­mu­nis­ti­sche Ideo­lo­gie, wie Schmid schreibt. Ne­ben eklek­ti­zis­ti­schen An­lei­hen aus der Za­ren­zeit ist der Hel­den­my­thos zu ei­ner zen­tra­len Be­grün­dung der heu­ti­gen Staats­macht ge­wor­den. „Wer hat den Krieg ge­won­nen, die USA oder die Rus­sen?“, fragt Kost­ja Ni­ko­la­jew im Pan­zer-Work­shop rhe­to­risch und be­sprüht sei­nen Pan­zer mit brau­ner Far­be. „Wir ha­ben ge­won­nen. Wir wa­ren die Ers­ten in Berlin.“– „Die hoch­mü­ti­gen Ame­ri­ka­ner den­ken stets, sie sei­en vorn“, pflich­tet ihm ein an­de­rer Teil­neh­mer bei.

In Russ­land ver­mischt sich der Tri­umph der Ver­gan­gen­heit mit den ge­gen­wär­ti­gen welt­po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen des Pu­tin-Re­gimes. So scheint auch die Be­dro­hung durch die Fa­schis­ten aus dem Wes­ten nicht vor­über zu sein. In der Ukrai­ne-Kri­se wur­de der his­to­ri­sche Ver­tei­di­gungs­to­pos ein­fach in die Ge­gen­wart trans­fe­riert: So wie da­mals die Rot­ar­mis­ten ge­gen die Fa­schis­ten kämpf­ten, ver­tei­digt sich heu­te der „rus­si­sche Mensch“im Don­bass ge­gen Neo­na­zis­ten und ukrai­ni­sche Ul­tra­na­tio­na­lis­ten. Aber auch dem Wes­ten macht man den Fa­schis­musVor­wurf. Dem zau­dern­den US-Prä­si- den­ten Ba­rack Oba­ma wird un­ter­stellt, die Welt­herr­schaft an sich rei­ßen zu wol­len. „Krieg mit Ame­ri­ka“, sagt auch Kost­ja Ni­ko­la­jew, sei der­zeit die größ­te Be­dro­hung für Russ­land.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat der rus­si­sche Staat die pa­trio­ti­sche Er­zie­hung der Ju­gend pro­pa­giert. „Für Russ­land, für den rus­si­schen Men­schen ist das Ge­fühl des Pa­trio­tis­mus sehr wich­tig“, er­klär­te Prä­si­dent Pu­tin An­fang April. „Wir tra­gen die Lie­be zum Va­ter­land im Her­zen.“Ge­treu die­sem Mot­to tra­gen staat­li­che Struk­tu­ren wie die Ju­gen­dagen­tur Ros­mo­lod­josch und das Stra­te­gie­pro­gramm des Mi­li­tär­his­to­ri­schen Zen­trums tra­di­tio­nel­le Wer­te in die Ge­sell­schaft. So­gar über die Ein­füh­rung des Fachs Pa­trio­ti­sche Er­zie­hung wird nach­ge­dacht. Kei­ne Angst vor dem Tod. Die pa­trio­ti­sche Ideo­lo­gie treibt mit­un­ter selt­sa­me Blü­ten. In ei­nem YouTube-Clip ei­nes Film­stu­di­os aus Sa­ma­ra, der im Land ge­ra­de die Run­de macht, tref­fen Kin­der auf der Stra­ße den Geist ei­nes Kin­der­sol­da­ten aus dem Krieg. Auf die Fra­ge ei­nes Mäd­chens, ob es nicht schlimm sei zu ster­ben, ant­wor­tet der Bub in Uni­form: „Das ist un­wich­tig, wich­tig ist, dass wir ge­siegt ha­ben.“

Jen­seits vom pa­trio­ti­schen Sie­ges­kult ist der Raum für De­bat­ten eng ge­wor­den. Das muss­ten die Teil­neh­mer ei­ner Ver­an­stal­tung in Mos­kau kürz­lich er­le­ben. Die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Me­mo­ri­al zeich­ne­te die Teil­neh­mer des Wett­be­werbs „Mensch in der Ge­schich­te“aus, in dem sich Schü­ler kri­tisch mit der rus­si­schen Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­ge­setzt hat­ten. Meh­re­re Gäs­te so­wie die Ju­ry­vor­sit­zen­de Ljud­mi­la Ulitz­ka­ja wur­den von Mit­glie­dern der groß­rus­si­schen Na­tio­na­len Be­frei­ungs­be­we­gung NOD auf der Stra­ße mit Ei­ern und an­ti­sep­ti­scher Flüs­sig­keit be­wor­fen. „Wir trei­ben Dä­mo­nen aus die­sen jü­di­schen Kin­dern aus“, rie­fen die Ak­ti­vis­ten. Die Schü­ler sei­en nicht nor­mal, sie soll­ten „in Be­hand­lung“. Die Po­li­zei schritt nicht ein. „Wir sieg­ten 1945, wir sie­gen auch heu­te“, ist auf der Web­site der Grup­pe zu le­sen.

An­ders als die West­ler trü­gen die Rus­sen die Lie­be zum Va­ter­land im Her­zen, heißt es.

Ser­gei Sa­vos­ty­a­nov/Tass/ pic­tu­re­desk.com

Ein Pio­nier probt das Fah­nen­schwin­gen auf dem Ro­ten Platz.

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