Neu­es Le­ben in al­ten Eta­blis­se­ments

Im Do­nau­hof in der Leo­pold­stadt wur­de in ei­nem al­ten Holz­la­ger ein Ball­saal wie­der­ent­deckt, das Vi­en­na Ball­haus be­lebt den Gar­ten­trakt des Gast­hau­ses Sil­ber­ner Brun­nen in der Berg­gas­se, in Sim­me­ring ver­strömt ein St­ein­metz­ge­bäu­de Jahr­hun­dert­wen­de-Flair. Ü

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON TERESA SCHAUR-WÜNSCH

Von drau­ßen sieht das gel­be Ge­bäu­de aus wie ein ganz nor­ma­les Grün­der­zeit­haus in der Früh­lings­son­ne. Hier soll es sein? Of­fen­bar: Cor­ne­li­us Klimt, lan­ger Bart, Sak­ko und Snea­kers, war­tet schon, sperrt auf. Schlag­ar­tig riecht es nach Ver­gan­gen­heit. Nach kal­ter Luft, al­ten Mö­beln und der Ver­hei­ßung von Ent­de­ckun­gen.

Klimt führt zu­nächst nach links. Ver­blass­te Far­be an den Wän­den, knar­ren­des Fisch­grät­par­kett, das un­ter vier Zen­ti­me­tern As­phalt zum Vor­schein ge­kom­men ist: die eins­ti­ge Schank, der Spei­se­saal. Erst dann geht es ganz nach hin­ten, ins lang­jäh­ri­ge La­ger von Holz­wa­ren Hödl – und man steht in­mit­ten ei­nes Ball­saals. 400 Qua­drat­me­ter, an den Wän­den Ar­ka­den, zart­grü­ne Holz­tä­fe­lung und ei­ne tech­nisch auf­wen­di­ge De­cken­kon­struk­ti­on, die dar­auf hin­deu­tet, dass hier je­mand einst viel Geld hin­ein­ge­steckt hat. Doch noch, sagt Klimt, „steckt hier al­les vol­ler Rät­sel“.

Seit Som­mer 2015 ge­hört der Do­nau­hof in der Leo­pold­stadt, zwi­schen En­gerth­stra­ße und Han­dels­kai, dem Hilfs­ver­ein der Bap­tis­ten. Der Plan ist, hier ein Ate­lier, ei­nen Co­wor­king Space und ei­nen Ver­an­stal­tungs­raum für Kon­fe­ren­zen ein­zu­rich­ten – um da­mit so­zia­le Pro­jek­te zu fi­nan­zie­ren, aber auch, um selbst Platz für Pro­jek­te zu ha­ben. Klimt ist für die In­nen­ein­rich­tung zu­stän­dig – und will nur vor­sich­tig re­no­vie­ren. Um 1900, so viel ha­ben die Re­cher­chen bis­her er­ge­ben, war das Haus über die Re­vi­ta­li­sie­rung des Do­nau­hofs als Ca­si­no ge­wid­met, es lag im Grü­nen an der Do­nau, mit Mar­ki­sen und Gast­gär­ten da­vor und Re­stau­rants, Ge­schäft und Gäs­te­zim­mern im In­ne­ren. So­weit man weiß, ha­be es ei­ner Fa­mi­lie Kuff­ner ge­hört, sagt Klimt. Wo­mög­lich je­ner jü­di­schen Adels­fa­mi­lie, die die Ot­ta­krin­ger Braue­rei be­ses­sen und die Kuff­ner Stern­war­te ge­grün­det hat – und die auch sei­nen Ur­ur­groß­on­kel Gus­tav un­ter­stützt ha­ben soll. Man wür­de sich freu­en, wenn Nach­fah­ren im Herbst zur Er­öff­nung kä­men. „So“, sagt Klimt, „schließt sich auch ein Kreis.“ Un­ter­ir­di­sche Wel­ten. Über­ra­schun­gen wie die­se kann man in Wi­en noch im­mer er­le­ben. 2008 hat Michael Klier nichts­ah­nend in der An­na­gas­se die ehe­ma­li­ge Acht­zi­ger­jah­re-Dis­co Mon­te­vi­deo an­ge­mie­tet – um hin­ter Schutt und ver­mo­der­ter Ver­klei­dung das Un­ter­ge­schoß ei­nes der äl­tes­ten Ball­sä­le der Stadt zu ent­de­cken (in dem auch Hans Mo­ser sein De­büt gab). Im obe­ren Teil des Eta­blis­se­ments Ta­ba­rin wer­den heu­te Bur­ger ge­bra­ten, dar­un­ter Turn­schu­he ver­kauft.

Frei­lich, sehr wahr­schein­lich sind sol­che Fun­de nicht. Ein Groß­teil der Wie­ner Ver­gnü­gungs­stät­ten exis­tiert längst nicht mehr, oft wur­den sie ge­gen En­de ih­rer Blü­te­zeit zu­guns­ten an­de­rer Bau­pro­jek­te ab­ge­ris­sen. Ent­stan­den wa­ren die Sä­le der Lust­bar­keit im 19. Jahr­hun­dert vor al­lem in zwei Pha­sen: zum ei­nen in der Bie­der­mei­er­zeit zwi­schen 1815 und 1848, als sich die be­tuch­ten Wie­ner gern in Schein­wel­ten zu flüch­ten pfleg­ten.

Et­wa in Daums Ely­si­um (erst im Seit­zer­hof, dann in der An­na­gas­se), wo man auf meh­re­ren un­ter­ir­di­schen Ebe­nen durch ägyp­ti­sche Zau­ber­ge­mä­cher und ame­ri­ka­ni­sche Ur­wäl­der streif­te, da­bei auf Ei­sen­bah­nen, Schau­stel­ler, Pan­to­mi­men und Mu­si­ker traf. Oder im Bri­git­ten­au­er Ko­los­se­um, ei­nem Eta­blis­se­ment, das sei­nen Na­men ei­nem Ko­loss ver­dankt – ei­nem rie­si­gen Ele­fan­ten aus Holz, Stroh und Papp­ma­che,´ in dem al­lein 50 Men­schen fei­ern konn­ten. Rie­sig war auch Schwen­ders Ver­gnü­gungs­eta­blis­se­ment an der Ma­ria­hil­fer Stra­ße, das als Kaf­fee­haus im Kuh­stall be­gann und spä­ter zu ei­nem pom­pö­sen Kom­plex mit Re­stau­rants, Ball­sä­len, Win­ter­gar­ten, Kon­di­to­rei, Thea­ter, Va­rie­te,´ Ta­bleaux vi­vants und Bier­hal­le für Tau­sen­de von Leu­ten wur­de.

Eng ver­bun­den wa­ren die Or­te mit der blü­hen­den Wal­zer­kul­tur, Lan­ner oder Strauß wid­me­ten ih­nen ei­ge­ne Stü­cke, Jo­hann Strauß Sohn et­wa dem Ket­ten­brü­cken­saal. Die­ser ent­stand in den 1840ern, wie auch das Ode­on (das be­reits am 28. Ok­to­ber 1948 nie­der­brann­te), der Dia­na­saal und die So­fi­en­sä­le – die bei­den Letz­te­ren als Tanz­sä­le neu­en Typs: als im Win­ter um­funk­tio­nier­te Schwimm­hal­len. Wie das aus­ge­se­hen hat, lässt sich heu­te wie­der nach­voll­zie­hen. Nach ei­nem Brand 2001 und Jah­ren des Ver­falls wur­de der Kom­plex der So­fi­en­sä­le En­de 2013 re­no­viert wie­der­er­öff­net: Ho­tel, Ap­par­te­ments, Re­stau­rant und Fit­ness­stu­dio in­klu­si­ve. Rie­si­ge Re­stau­ra­tio­nen. Ei­ne zwei­te Blü­te­zeit der Sä­le er­leb­te Wi­en dann noch­mals in der Grün­der­zeit: in Form rie­si­ger Re­stau­ra­tio­nen, mit un­zäh­li­gen Ti­schen und oft, nach Pa­ri­ser Vor­bild, mit Spie­geln aus­ge­stat­tet. Das ha­be viel mit der Ope­ret­ten­kul­tur zu tun ge­habt, sagt Michae­la Lin­din­ger vom Wi­en-Mu­se­um, die sich auch per­sön­lich für die His­to­rie der Ball­sä­le in­ter­es­siert. „Man woll­te sich füh­len wie auf ei­ner Büh­ne und sich selbst se­hen.“

Ein Groß­teil der Wie­ner Ver­gnü­gungs­stät­ten exis­tiert längst nicht mehr. Das Ball­haus war ei­gent­lich gar kein Ball­haus, son­dern ein ele­gan­ter Spei­se­saal.

In die­se Ka­te­go­rie fällt wohl das Vi­en­na Ball­haus in der Berg­gas­se, das einst gar kein Ball­haus war, son­dern der Gar­ten­spei­se­saal ei­nes Gast­hau­ses. Von au­ßen ist an der Adres­se Berg­gas­se 5 nur ein schlich­tes Bie­der­mei­er­haus zu se­hen, der­zeit auch noch hin­ter ei­nem Ge­rüst ver­steckt. Erst im In­nen­hof steht man plötz­lich vor ei­nem neo­ba­ro­cken Klein­od: ei­nem schma­len, lang ge­streck­ten, groß­flä­chig ver­glas­ten Saal, der neu­er­dings frisch in Weiß und Gold er­strahlt.

Hin­ter der Re­no­vie­rung steckt Event­ma­na­ge­rin Han­nah Ne­un­teu­fel von der Agen­tur Han­nahs Plan, die ei­gent­lich nur auf der Su­che nach ei­nem grö­ße­ren Bü­ro war, um sich mit an­de­ren Krea­ti­ven zu ei­ner Art lo­sem Kol­lek­tiv „zu­sam­men­zu­rot­ten“. Man fand den rich­ti­gen Ort in Form ei­ner ver­las­se­nen Dru­cke­rei, in der frü­her ein­mal das Gast­haus Zum sil­ber­nen Brun­nen, vor­mals Zum Schwei­zer, un­ter­ge­bracht war. 1890 war das brum­men­de Lo­kal um den ele­gan­ten Gar­ten­trakt er­wei­tert wor­den, 1895 soll hier der spä­te­re Prä­si­dent Karl Ren­ner die Na­tur­freun­de ge­grün­det ha­ben. Auf ei­ner Post­kar­te sieht man im Gar­ten ge­deck­te Ti­sche – ei­ne Tra­di­ti­on, die Ne­un­teu­fel auf­le­ben las­sen will. In der Som­mer­sai­son soll hier an je­dem zwei­ten Sonn­tag des Mo­nats ein Früh­schop­pen statt­fin­den: mit Buf­fet­for­mat („Kraut und Ro-

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