CHRONOLOGIE

Im Ju­ni 2012 hät­te in Berlin der neue Flug­ha­fen of­fi­zi­ell er­öff­nen sol­len. Seit da­mals wur­de der Ter­min mehr­fach ver­scho­ben. Auch die ge­plan­te In­be­trieb­nah­me En­de 2017 wa­ckelt. Im­mer­hin neh­men es die Ber­li­ner mitt­ler­wei­le mit Hu­mor.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON ERICH KOCINA

Eu­er Flug­ha­fen, auf dem wir heu­te ge­lan­det sind, ist ein biss­chen alt. Viel­leicht soll­tet ihr ei­nen neu­en bau­en!“Die Po­in­te saß. Und das Pu­bli­kum im Ber­li­ner BKA-Thea­ter, das zum Auf­tritt des Wie­ner Du­os Christoph & Lol­lo ge­kom­men war, lach­te an der da­für vor­ge­se­he­nen Stel­le. War­um auch nicht, denn längst ge­hört der Flug­ha­fen Berlin-Bran­den­burg (BER), der noch im­mer nicht er­öff­net wur­de, zur Ber­li­ner Iden­ti­tät. So­gar ein ei­ge­nes Witz­gen­re gibt es – et­wa auf Post­kar­ten mit dem ab­ge­wan­del­ten Mau­er-Zi­tat von Wal­ter Ul­bricht: „Nie­mand hat die Ab­sicht, ei­nen Flug­ha­fen zu er­rich­ten.“

„Es ist im­mer noch mög­lich, 2016 den Bau zu be­en­den und 2017 zu flie­gen“, sag­te Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter, Michael Mül­ler, vor rund zwei Wo­chen nach ei­ner Sit­zung des BER-Auf­sichts­rats. Mit der Ein­schrän­kung, dass er si­cher nicht um vier Wo­chen strei­ten wer­de. Ei­ne Hin­ter­tür, um auch ei­nen Er­öff­nungs­ter­min 2018 schon ein­mal vor­sich­tig an­zu­deu­ten. Doch, so hieß es, man wol­le den Druck im Kes­sel las­sen. Oder ei­ne wei­te­re Bla­ma­ge noch ein we­nig hin­aus­zö­gern. Dass die da­zu für 13 Uhr an­ge­setz­te Pres­se­kon­fe­renz erst kurz vor halb vier be­gann, pass­te da gut ins Bild. Brand­schutz­an­la­ge. Es hät­te so schön wer­den kön­nen am 3. Ju­ni 2012. Vie­le Rei­sen­de hat­ten be­reits ih­re Ti­ckets für den Tag, an dem sie als Ers­te den neu­en Flug­ha­fen im Echt­be­trieb an­steu­ern woll­ten. Seit Mo­na­ten wa­ren Kom­par­sen auf dem Ge­län­de un­ter­wegs ge­we­sen, hat­ten den Flug­ha­fen im Pro­be­be­trieb ge­tes­tet. Kof­fer wur­den auf­ge­ge­ben, Bo­ar­ding­kar­ten aus­ge­stellt und Si­cher­heits­checks durch­ge­führt. Nur ge­flo­gen wur­de noch nicht. In Zei­tun­gen wur­den schon freu­di­ge Aus­bli­cke auf die Er­öff­nung ge­bracht. Doch dann kam Di­ens­tag, der 8. Mai.

Da ver­kün­de­te die Be­trei­ber­ge­sell­schaft auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz, dass sich der Ter­min nicht hal­ten las­se. Die Si­cher­heits­an­la­gen für den Brand­schutz, so hieß es, hät­ten noch nicht den Rei­fe­grad ge­habt, der ei­ne Ab­nah­me er­laubt hät­te. Von meh­re­ren Wo­chen Ver­spä­tung war die Re­de, spä­ter von Au­gust oder Sep­tem­ber.

Es war nicht das ers­te Mal, dass die Er­öff­nung nach hin­ten ver­legt wor­den war. Nur war man vor­her noch nie so na­he am of­fi­zi­el­len Start ge­we­sen. 2002 hat­te man ei­nen Be­ginn im Jahr 2008 vor­ge­se­hen. Als 2003 die pri­va­te Fi­nan­zie­rung der Ar­bei­ten schei­ter­te, wur­de das Pro­jekt von öf­fent­li­cher Hand wei­ter­ge­führt. 2006 er­folg­te schließ­lich der Spa­ten­stich, im No­vem­ber 2011 soll­te er­öff­net wer­den. Doch die Plei­te ei­ner Pla­nungs­fir­ma und ver­schärf­te Si­cher­heits­be­din­gun­gen sorg­ten im Ju­ni 2010 da­für, dass man die­sen Ter­min nicht hal­ten konn­te und nun der 3. Ju­ni 2012 an­ge­peilt wur­de.

Auf die­ses Da­tum war schließ­lich al­les aus­ge­rich­tet. Der bis­he­ri­ge Haupt­flug­ha­fen in Te­gel soll­te ob­so­let wer­den, der Flug­ha­fen Schö­ne­feld soll­te im neu­en BER auf­ge­hen. Den al­ten Flug­ha­fen in Tem­pel­hof hat­te man schon im Ok­to­ber 2008 ge­schlos­sen. Zwei Flug­hä­fen, die 2012 be­reits hät­ten ein­ge­mot­tet wer­den sol­len, tra­gen al­so seit vier Jah­ren die ge­sam­te Last, die ei­gent­lich der neue Flug­ha­fen tra­gen soll­te. Der Luft­ver­kehr in der deut­schen Haupt­stadt wächst noch da­zu seit 13 Jah­ren in Fol­ge ra­sant an, ver­gan­ge­nes Jahr ver­zeich­ne­te man in Berlin 29,53 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re, 2016 sol­len es mehr als 30 Mil­lio­nen sein.

Wäh­rend al­so die Flug­gäs­te durch die al­ters­schwa­chen Ter­mi­nals von Te­gel und Schö­ne­feld ge­lotst wer­den, wird am BER wei­ter­ge­baut. Wo­bei es zu­nächst erst ein­mal dar­um ging, das kom­plet­te Aus­maß der Pro­ble­me zu er­he­ben. Und das war grö­ßer, als es die Ver­ant­wort­li­chen rund um die Ab­sa­ge der Er­öff­nung ab­se­hen konn­ten. Da kam et­wa her­aus, dass man­che Roll­trep­pen zu kurz wa­ren, in der un­ter­ir­di­schen Be­tan­kungs­an­la­ge teil­wei­se Rohr­stü­cke nicht in­ein­an­der­pass­ten, die Ge­päcks­an­la­ge nicht funk­tio­nier­te, die Kühl­ag­gre­ga­te der IT zu schwach wa­ren, in ei­ni­gen Trep­pen­häu­sern die Trep­pen­ge­län­der un­voll­stän­dig mon­tiert wa­ren, die Not­strom­ver­sor­gung nicht funk­tio­nier­te – und dann war da eben auch noch der Brand­schutz.

16.000 Brand­mel­der, mehr als 50.000 Sprink­ler­köp­fe, 3400 Klap­pen in ki­lo­me­ter­lan­gen Zu- und Ab­luft­ka­nä­len, 81 Ven­ti­la­to­ren – es ist ein kom­ple­xes Sys­tem, das in dem Ter­mi­nal mit 320.000 m2 Brut­to­ge­schoß­flä­che in­stal­liert wur­de. Nur funk­tio­nier­te es nicht. Man­che Tei­le wa­ren et­wa oh­ne Zu­las­sung des TÜV ver­baut wor­den. Als dann im April 2012 klar wur­de, dass die En­trau­chungs­an­la­ge bis zum Er­öff­nungs­ter­min nicht be­wil­ligt wer­den wür­de, er­wog man so­gar, 700 Hilfs­ar­bei­ter zu en­ga­gie­ren, die im Not­fall die Tü­ren hän­disch öff­nen soll­ten. Ein­ein­halb Jah­re nach der ge­platz­ten Er­öff­nung war schließ­lich klar, dass die ge­sam­te An­la­ge feh­ler­haft ge­plant war. Un­ter an­de­rem soll­te bei Brän­den Rauch nach un­ten ab­ge­pumpt wer­den – wi­der die Re­geln der Phy­sik, nach der hei­ße Ga­se auf­stei­gen. Kein In­ge­nieur. Als wä­re das nicht ge­nug, ka­men da­zu Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe, Per­so­nal­wech­sel und wei­te­re über­ra­schen­de Er­kennt­nis­se – so stell­te sich et­wa bei ei­nem Ex­pla­ner her­aus, dass er gar kein In­ge­nieur war, son­dern nur tech­ni­scher Zeich­ner. Die Po­li­tik schob Ver­ant­wor­tun­gen hin und her – der da­mals Re­gie­ren­de Ber­li­ner Bür­ger­meis­ter, Klaus Wo­wer­eit, leg­te 2013 sein Man­dat als Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der zu­rück, nahm es nach dem Rück­zug sei­nes Nach­fol­gers, Matthias Platz­eck, aber wie­der an, ehe er En­de 2014 kom­plett zu­rück­trat.

Wä­re es mitt­ler­wei­le nicht ein­fa­cher, Berlin kom­plett ab­zu­bau­en und ne­ben ei­nem funk­tio­nie­ren­den Flug­ha­fen wie­der auf­zu­bau­en? Scher­ze wie die­se tauch­ten auf, nach­dem der ge­plan­te Er­öff­nungs­ter­min im­mer wie­der nach hin­ten ver­legt wur­de. Der wah­re Kern hin­ter dem Scherz: Es ist leich­ter, et­was von Grund auf neu zu bau­en, als bei solch ei­nem gro­ßen Pro­jekt noch nach­träg­lich mas­si­ve Än­de­run­gen ein-

1996

fas­sen Berlin und Bran­den­burg den Ent­schluss, ei­nen neu­en Flug­ha­fen in Berlin-Schö­ne­feld zu bau­en.

2002

wird die Grund­satz­ver­ein­ba­rung un­ter­zeich­net, ge­plan­ter Start ist 2008.

2006

folgt der Spa­ten­stich, im Ju­li 2008 wird der Bau des Ter­mi­nals be­gon­nen.

2010

wird die ge­plan­te Er­öff­nung we­gen der Plei­te ei­ner Pla­nungs­fir­ma von No­vem­ber 2011 auf den 3. Ju­ni 2012 ver­scho­ben.

2012

kommt vier Wo­chen vor der ge­plan­ten Er­öff­nung der Stopp – im Mai wird März 2013 zur Er­öff­nung an­ge­peilt. Im Sep­tem­ber ver­schiebt man auf Ok­to­ber 2013.

2013

gibt es im Jän­ner ei­ne wei­te­re Ver­schie­bung – frühs­tens 2014, even­tu­ell erst 2015.

2014

gilt ei­ne Er­öff­nung vor Herbst 2016 als un­rea­lis­tisch. Im No­vem­ber tau­chen Un­ter­la­gen auf, in de­nen von Mit­te 2017 die Re­de ist.

2015

tritt der neue Flug­ha­fen­chef Kars­ten Müh­len­feld mit dem Auf­trag an, bis Herbst 2017 zu er­öff­nen.

2016

legt sich der Auf­sichts­rat im April fest, dass man ei­ne Er­öff­nung En­de 2017 wei­ter schaf­fen will. zu­ar­bei­ten. Dass die Kom­ple­xi­tät im­mer wie­der un­ter­schätzt wur­de, zeigt sich dar­an, wel­che Er­öff­nungs­ter­mi­ne im Lauf der Jah­re kol­por­tiert wur­den. 2013, 2014, 2015, mög­li­cher­wei­se erst 2016 – der ak­tu­el­le Stand ist nach wie vor 2017 mit Op­ti­on auf 2018.

Doch selbst dar­an gibt es mitt­ler­wei­le Zwei­fel. In deut­schen Me­di­en wird gern Die­ter Fau­len­bach da Cos­ta als Ex­per­te zi­tiert – der ehe­ma­li­ge Flug­ha­fen­pla­ner nann­te im April als rea­lis­ti­schen Er­öff­nungs­zeit­punkt das Jahr 2019, zu­letzt be­zwei­fel­te er so­gar, dass der BER über­haupt je­mals er­öff­nen wird. Weil mit den Um­bau­ten in die Sys­tem­ar­chi­tek­tur ein­ge­grif­fen wur­de, sei die An­la­ge funk­ti­ons­un­fä­hig. Und zu­letzt tauch­te ein wei­te­res Pro­blem auf – dass näm­lich das Ter­mi­nal und der da­zu­ge­hö­ri­ge un­ter­ir­di­sche Bahn­hof nicht von­ein­an­der ge­trennt ent­raucht wer­den kön­nen. Ge­nau das muss aber mög­lich sein. Mit zwei zu­sätz­li­chen Glastür­men, die ei­ne Ver­bin­dung nach au­ßen schaf­fen, soll die­ses Pro­blem ge­löst wer­den. Nun be­ginnt das War­ten, ob die­se Lö­sung auch ge­neh­migt wird.

Zwei al­te Flug­hä­fen, die 2012 hät­ten schlie­ßen sol­len, tra­gen nun die ge­sam­te Last.

Tren­nung nach Ehr­lich­keit. Es hakt aber längst nicht nur an der Tech­nik – auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on nach au­ßen wirkt al­les an­de­re als sou­ve­rän. So trenn­te man sich im April von Pres­se­spre­cher Da­ni­el Ab­bou, nach­dem der in ei­nem In­ter­view sehr of­fen über die Ver­säum­nis­se am Bau ge­spro­chen hat­te: „Kein Po­li­ti­ker, kein Flug­ha­fen­di­rek­tor und kein Mensch, der nicht me­di­ka­men­ten­ab­hän­gig ist, gibt Ih­nen fes­te Ga­ran­ti­en für die­sen Flug­ha­fen“, hat­te er un­ter an­de­rem ge­sagt.

Soll­te der Flug­ha­fen 2017 er­öff­nen, hät­te er nach der­zei­ti­gem Stand drei Flug­ha­fen­ma­na­ger und drei Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de ver­schlis­sen. Die Kos­ten stie­gen – ein­schließ­lich zwi­schen­durch be­schlos­se­ner Er­wei­te­run­gen – seit dem Spa­ten­stich von zwei auf 5,4 Mil­li­ar­den Eu­ro. Und ganz ab­ge­se­hen da­von – ein pres­ti­ge­träch­ti­ges Ren­nen hat man in je­dem Fall schon ver­lo­ren: Die Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie, das zwei­te deut­sche End­lo­s­pro­jekt, das mit mas­si­ven Ver­zö­ge­run­gen und Bau­kos­ten­über­schrei­tun­gen kämpf­te, fei­ert im Jän­ner 2017 ih­re Er­öff­nung.

Der Kon­kur­rent hat ge­siegt: Die Elb­phil­har­mo­nie in Ham­burg wird frü­her fer­tig.

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